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05.07.2020, Jamal Tuschick

Mord nach karibischem Ritus

Als der altgediente Ermittler Dave Robicheaux eine gekreuzigte Frauenleiche aus dem Golf zieht, denkt er zuerst an einen Ritualmord im karibischen Stil.

Perverse Poser

Do not try to fight a Puma if you’re not one yourself. Linford Christie

Der Regisseur Desmond Cormier lebt auf Cypremort Point. Und so sieht der ermittelnde Dave Robicheaux den Golf im Abendglamour aus einer Privatbuchtperspektive (an der Küstenlinie von Louisiana). Cypremort means dead cypress in French. Was für ein Name. Man hat die Szene vor sich. Genau wie den Sundowner, mit dem sie feierlich begangen wird. Desmonds (das Misstrauen des alten Polizisten sofort wachrufender) Gast Antoine Butterworth trinkt nicht. Der „praktisch nackte Mann führt in Zeitlupe eine Kampfkunstübung durch“. Ich könnte Robicheaux sagen, was er sieht. Ich tippe auf einen White Crane-Hybriden. White Crane gemixt mit Wing Chun und Okinawa Te. Das könnte hinhauen. In der Gegend lebte einst das Volk der Chitimacha, das in der Zypresse seinen heiligen Baum erkannte. Der Chitimacha-Nachfahre Desmond lebt auf heiligen Grund. Weiß das Dave?  

James Lee Burke, „Blues in New Iberia“, Ein Dave Robicheaux-Roman, Band 22, aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger, Pendragon, 586 Seiten, 22,-

Dave gehört zur Polizei von New Iberia, einem Flecken in Louisianas Süden, ein paar Meilen östlich von Lafayette. Kurz nach dem Zwischenstopp auf Desmonds Anwesen entdeckt er eine gekreuzigte Frauenleiche im Golf.

Dave denkt an einen Mord nach karibischem Ritus.

„Religion ist im Süden … eine komplexe Angelegenheit.“

Daves amtliche Partnerin und Vorgesetzte heißt Helen Soileau. Die beiden bilden bis in die Handlungsgegenwart hinein das Dreamteam der Mordkommission des New Iberia Police Departments. Witwer Dave lebt mit seiner Adoptivtochter Alafair bescheiden an der East Main Street. Alafair ermittelt mit. Ihrem scharfen Verstand unterbreitet Dave stets die Fakten.

Alafair war Staatsanwältin, bevor sie Schriftstellerin wurde.

Alles klar. Da möchte man nicht Mörder sein.

„Ich hole dir noch eine Tasse Kaffee“, sagte Alafair. Großartige Arbeitsbedingungen zeichnen sich schemenhaft ab … Die Guten fahren restaurierte Cadillacs aus der Haifischflossenheckära … Die Tote wurde von Delfinen eskortiert … Ein entflohener Sträfling taucht in der Gegend auf … der Gerichtsmediziner hat Schuhgröße 48 …

Europäischer Symbolismus an der Golfküstenlinie

Bailey Ribbons ist achtundzwanzig und hat einen Abschluss in Psychologie. Sie war Realschullehrerin, bevor sie Polizistin wurde. Man hat sie gerade Dave Robicheaux zugeteilt.

Sie „duftet nach Blumen“ und er „spürt ein Kribbeln auf den Handflächen“. Dave fürchtet, Bailey, die er zunächst „Miss Bailey“ nennt, bis sie sich das freundlich verbittet, könne einen Narren aus ihm machen. Er ist ein alter Mann, den der Rüschenschick und die tadellose Zurückhaltung der Kollegin aufheizt. Ich schätze, solche abgeschmackten Konstellationen sind heute nicht mal mehr in Krimis okay.

Die Gekreuzigte war eine engagierte und idealistische Person.

Lucinda Arceneaux, Adoptivtochter eines baptistischen Geistlichen, arbeitete bis zu ihrem Erlöserinnentod für Innocence Project – einer Organisation, deren Aktivist*innen zum Tode Verurteilte vor der Hinrichtung zu bewahren trachten. Lucinda besuchte einen Hugo T. in seiner texanischen Todeszelle. Nun treibt sich der Mörder als Ausbrecher in der Gegend von New Iberia herum.

Hat Hugo Lucinda gekreuzigt?

In Betracht kommen ferner Filmtypen, denen Lucinda als Hostess eines Catering Services aufgewartet hatte. Besonders einer hat es Dave angetan. Antoine Butterworth erscheint als Verkörperung des Bösen, schamlos, eloquent und auf eine gemeine Art potent.  

An ihrem ersten gemeinsamen Diensttag fahren Bailey und Dave zur Südspitze des Cypremort Point. Wind „treibt braune Wellen“ auf den Sandstrand. Eine Vernehmung gestaltet sich schwierig. Perverse Poser, die an Harvey Weinstein und Konsorten erinnern, versperren sich mit ihren ekelhaften Marotten selbst den Weg zum Glück der Redlichen. Angewidert schreitet Dave in Begleitung von Bailey rasch zum nächsten Tatort. Wieder wurde das Opfer malerisch drapiert und dekorativ aufgehängt, diesmal nach einem Tarot-Motiv. Die Identifizierung gestaltet sich einfach. Der Tote im Fischernetz war die Randfigur Joe Molinari. Er wurde, so will es die Legende, geboren, um ausgebeutet zu werden. Sein Mörder kennt sich mit europäischem Symbolismus aus.   

Bayou Blue

„Wenn wir alarmiert sind … greifen wir auf ein urzeitliches Wissen um das dunkle Potential des Genpools zurück.“ James L. Burke

Der beschleunigte oder verlangsamte Puls hat „genetische Wurzeln, die in die Zeit des Überlebenskampfes von M.superstes zurückreichen.“  David A. Sinclair  

Er war Reporter, als das noch ein taffer Beruf war, Sozialarbeiter, als man noch Fürsorger sagte, und ein Mann des Öls, als die Branche noch einen tadellosen Ruf genoss und der Air fossiler Brennstoffe zum Charisma eines Steve McQueen beitrugen. Der 1936 in Louisiana auf die Welt gekommene James Lee Burke ist der Ry Cooder unter den Bayou Bluegrass & Swamp-Punk-Schriftstellern und Lordsiegelbewahrern des Cajun/Hellbilly-Erbes. Der Spezialist für maritime Sonnenuntergänge schickt seit Jahr und Tag einen Polizisten ins Rennen, der mit Dämonen ringt. Dave Robicheaux verkörpert den Southerner in der Variante der knochenbrechenden Redlichkeit. Er weiß: „Wenn drei Leute einen Schrei melden, dann rufen sie nicht wegen eines Geräuschs an, sondern wegen einer Erinnerung im kollektiven Unterbewussten, eine, die bis in die Höhlen zurückgeht.“ Man möchte in die Höllen hinzufügen. In den Höhlen & Höllen des Unbewussten stecken die Informationen einer ausgesetzten Menschheit, die sich vor hunderttausend Jahren daran machte, die Bedingungen ihrer Existenz zu ihrer persönlichen Angelegenheit zu machen. Wir sind alle Krieger*innen, wenn auch diverser Stämme.  

Sackgassen der Ewigkeit

Die Nacht ist fortgeschritten, der Tag nähert sich. Befreien wir uns also von den Werken der Finsternis, kehren wir zurück zu den Waffen des Lichts. Römerbrief, XIII, 12

Sie kamen, um auf den Ölfeldern von Louisiana zu schuften. Das war in den Dreißigjahren des letzten Jahrhunderts, und erst damals berührten sich die Kreise der frankophonen Arkadier und der anglosphärischen Majorität zum ersten Mal. Die erzwungene Amerikanisierung prägte ihrer Eigentümlichkeit Outlaw-Merkmale ein. Sie gerieten in die Rückwärtsspannung einer verachteten Minderheit. 

Dieses Schicksal teilten sie mit den Überlebenden der First Nation und den Emanationen des Außerdem – mit all den genetischen und sozialen Derivaten zwischen Okkupation und Infiltration. Ein ewiges Penetrieren in den Sackgassen der Ewigkeit. Nehmen Sie Desmond. Seine Nabelschnur wird in der Schlafkoje eines Sattelschleppers abgebunden. So endet eine Phase mütterlicher Fürsorge. Heran wächst Desmond in der großelterlicher Krauterbude in einem Reservat. Der Gemischtwarenladen steht an einem Feldweg im schattenlosen Nirgendwo. Redbones nennt man „wenig freundlich“ Desmonds Leute. Mit zwölf nimmt der Junge das Training auf. Zwei Jahre später tyrannisiert ihn keiner mehr. Zwanzig Jahre später ist er ein gemachter Mann. Er hat den Zauber seiner magischen Herkunft mit den Dingen der Gegenwart in Berührung gebracht. Kurz gesagt, Desmond ist ein berühmter Regisseur.  

Seinen internationalen Durchbruch hatte James Lee Burke mit der ... Reihe um den Polizisten Dave Robicheaux. Robicheaux gehört zu den sperrigsten Ermittlern der Kriminalliteratur. Innerhalb der Dave-Robicheaux-Reihe veröffentlichte Burke seit 1987 insgesamt 23 Bände. Im Pendragon Verlag werden in den nächsten Jahren regelmäßig Kriminalromane der Robicheaux-Reihe erscheinen.