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07.07.2020, Jamal Tuschick

Der Fluch des Feuilletons

Andere verbergen sich als Geflüchtete im Wohlstandsrummel. Sie kaschieren die Trostlosigkeit ihres Schicksals in der Hoffnung, dem Glück zu gefallen.

© Jamal Texas Tuschick

Die Oesterreichische Daimler-Motoren-Commanditgesellschaft Bierenz Fischer u. Co gründet sich am 11. August 1899 auf einem Kapitalsockel von 200.000 Gulden als Tochtergesellschaft der deutschen Daimler-Motoren-Gesellschaft in Wiener Neustadt und Wien. Ein arrivierter Eisengießer gibt den Fischer im Team. Die Firma floriert in einem Regime, in dem von Maybach bis Porsche die Götter der Branche die Zügel in der Hand halten. 1903 baut man den ersten Panzerwagen, der im Kaiserlichen Kriegswesen der Habsburger deshalb nicht Furore macht, weil ein Pferd vor dem Gefährt scheut. Der olle Kaiser senkt den Daumen und der Prototyp gerät zum Abdecken in die Schrottpresse. Der potente Daimler-Ableger fusioniert Ende der 1920er Jahre mit Puch und einer Flugzeugfabrik zur Austro-Daimler-Puchwerke Aktiengesellschaft. Zehn Jahre später bemerkt der in die Schweizer Sommerfrische emigrierte Journalist Albert Trebla jede Menge Austro-Daimler und Zündapp-Motorräder neben Maultiergespannen und fußläufigen Jockeys, die als Maskottchen britisch-überspannter Aristokraten zum Kolorit beitragen. Für die einen, das sind die meisten, herrscht furnierte Idylle bei schönstem Wetter. Andere verbergen sich als Geflüchtete im Wohlstandsrummel. Sie kaschieren die Trostlosigkeit ihres Schicksals in der Hoffnung, dem Glück zu gefallen.  

Ulrich Becher, „Murmeljagd“, Roman, Schöffling & Co., 712 Seiten, 26,-

Albert fühlt sich allenfalls derangiert. Er ist in der Form seines Lebens, seine Frau Xane genießt den Ruf einer Schönheit. Im Jargon der Parterre-Akrobaten lässt sich die baltisch-deutsch-russische Gattin als „Kautschukmädchen“ verehren. Ihre Beine haben namhafte Laudatoren.

„So schön bin ich gar nicht. Ich schau nur so aus.“

Das erzählt Ulrich Becher (1910 – 1990) in einem 1969 erstmals im Rowohlt Verlag erschienenen Roman. Obwohl in der ersten Person erzählt wird, vernimmt das Leserauge eine Anreißer-Moderation wie aus einer schwankenden Kirmesbütt.

Zwar lebt man im Exil, aber im Frühjahr 1938, nur wenige Tage nach dem sogenannten Anschluss Österreichs, bedeutet das noch eine gute Unterkunft am Zürichsee und eine Wiederbelebung der ehelichen Leidenschaft. Albert und seine Frau haben mit den besten Empfehlungen sympathisierender Kreise das Weite gesucht.

Albert vermutet Marc-de-Bourgogne als Grund für die gute Laune eines Zeitgenossen. Man kehrt wiederum ein zu dem Schwank, dass Friedrichs Schwester, „diese Förster-Nietzsche“, Adolf Hitler den Spazierstock ihres Bruders geschenkt habe. Der Schwadroneur erreicht einen Hof, der ihm zu sagen eingibt:

„Wie bei allen echten, als bäurische Festungen gegen den langen Höhenwinter erbauten Engadinerhäusern (gleichen) die Fenster kubischen Schießschachten.“

© Jamal Texas Tuschick

Anmutiger Gram

Das Wiener Ehepaar Xane und Albert Trebla flieht in den Tagen nach dem „Anschluss“ von Österreich in die Schweiz. Die eidgenössische Administration bewilligt ungerührt „Toleranz“ und verbietet jede geldwerte Arbeit.

 Den Erzähler, ein in den Journalismus entlaufener Jurist, der seine Eltern an die Grippe von 1929 verloren hat, beglückt eine umwerfend schöne, hinreißend aufreizende, wie von Renoir gemalte Frau.

„Gebt mir Xanes Haxen als Modell, lasst mich die bis zum Hüftknochen aus rotem burgenländischem Sandstein heraushauen.“

Nun gefällt sich Xane „in anmutigen Gram wie in Wolldecken gehüllt“. Albert vergleicht sie mit einer Mohnblume, die sich zuzeiten in einen Maulesel verwandelt. Aus ihm spricht das Begehren mit Apuleius und Goethe. Er schwätzt auf hohem Kaffeehausniveau. In der Kurierstube des Hotels Morteratsch lässt man sich Kaffee-Grappa servieren. Man fühlt sich „attachiert“. Soweit die Idylle.

Auf einer Wanderung, wieder bewundert Albert die „hohen Hüften“ seiner Frau - sie trägt ein blaues Sweater-Kleid; der „Dress“ erscheint abgestimmt auf das „Wolkenritzenblau“ - taucht ein Schütze im Sichtfeld auf. Mit „unzureichender Bewaffnung“ macht sich Albert daran, dem Eventual-Sniper in den Rücken zu fallen. Unterwegs bedenkt er eine bis zum Anschlag brenzlige Lage im März 1916 auf dem Monte San Michele. Da war er allein mit hundertachtzig direkt aus den Zuchthäusern Österreichs an die Front entlassenen Verbrechern; ihnen vorgesetzt mit siebzehn Jahren.

In der Gegenwart von Achtunddreißig verfügt Albert nur über einen Stock, den er so hält, dass Hieb & Stich derselben Basis entspringen können.

Ulrich Becher gibt seinem Erzähler eine Heldenstatur. Er baut Krimispannung auf, verbreitet Kriegsgedöns aus und verwendet Wörter wie triggerhappy. Albert schult einen Pazifisten an einer „mit Perlmutter ausgelegten Walther“, und Becher liefert dazu süffige Schilderungen einer Wandlung. Der Waffenverächter legt sich einen Browning zu, um Mietmördern des Braunauer „Kleinhäuslers“ Hitler, übrigens einem „Glockengießer-Gehilfenkind“, Rede und Antwort stehen zu können.

Das Uneheliche der Abstammung Hitlers findet Erwähnung. Die Exilanten rauschen in schillernden Etablissements zwischen American Bar & Beisl auf. Eine „dürre Genferin“ bedient „mit flinker Souveränität.“

 Die zweite Luft des Begehrens – Noch einmal von vorn

Pola Polari fährt erste Klasse ins Exil. Als Soubrette schrammte sie am Ruhm vorbei. Doch das spielt im historischen Augenblick keine Rolle mehr. Hitler* hat sich gerade von hunderttausend Anschlussanhänger*innen auf dem Wiener Heldenplatz feiern lassen.

*Ursprünglich wollte Hitler Österreich in einer Union an das Deutschen Reich binden. Die Begeisterung der Österreicher für ein Zusammengehen förderte den „Anschluss“. Ab dem 13. März 1938 wurde der astrofaschistische Staatsstreich offiziell deutsch synchronisiert. Zwei Tage später trat Hitler, von Braunau kommend, in Wien auf und meldete Vollzug.  

Der Erzähler kennt die Sängerin aus einem Lazarett in den Karpaten. Im dritten Jahr des Großen Vaterländischen Krieges, wie man noch sagt, genas Albert Trebla in Polas Obhut von einer Kopfverletzung, die zu überleben, ein Wunder war. Dem Rekonvaleszenten war der Krieg vor der Liebe begegnet. Pola ging vom Dienstlichen eher prosaisch als poetisch zum Privaten über, ohne dass sich Albert mit weiterreichenden Forderungen konfrontiert sah. Auf ihrem absteigenden Ast rutschte sie in eine Ehe mit dem greisen Grafen Orszczelski-Abendsperg, der sie kaum strapazierte. Er erlebte schon nicht mehr das Ende der Hochzeitsreise. Immerhin starb er stilvoll in Venedig. Der Nächste, ein kapitaler Langweiler namens Joop ten Breukaa, sitzt auch im Zug. Man ist auf dem Weg zu einem Landsitz in Acla Silva im Engadin. Joop reist mit profanen Motiven nicht allein, Pola hat „einige Tropfen des verfemten Blutes intus“.

Albert steigt vor der Grenze aus. In der Gegend von Montafon-Silvretta zirkuliert bereits bayrische SS auf Skier. Den deutschen Faschisten fehlt der ortskundige Feinschliff. Die Gendarmerie kollaboriert noch nicht.

Da geht noch was. Also schlüpfen Verfolgte durch Löcher im Urlaubsparadies. Albert schießt unter Beschuss über die Pulverschneepiste. Er war Flieger und kriegt von so was kein „Stirnklopfen“.

Bei alldem übersieht Albert nicht die Frauen am Wegesrand. Eine „quiekt fast wie ein Ferkel“. Die Beschreibung will ihr nichts Gutes. Ein „nonchalantes Watscheln (auf) kurzen molligen Beinen“, dazu ein bramarbasierendes Gesäß. Zu durchsichtig erscheint die Autorenabsicht zur Verunstaltung.

In Barcelona wird gestorben, Albert genießt das Angebot in einem Ferienparadies: Sennerglück – Käsehölzer – gegerbte Hälse. Ihm auf den Fersen* sind zwei blonde Hünen, die Albert für SS in Zivil hält. Die Assassinen des „Kleinhäuslers“ H. schwärmen europaweit aus, um im Auftrag ihres Herrn mehr oder weniger kunstvoll zu meucheln.

*Ich weiß jetzt, woher sich an die Fersen heften stammt. Jakob heftete sich bei der Geburt an Esaus Fersen. Er verlor das Erstgeburtsrecht an das Tempo des Zwillings. Dabei beließ er es nicht. Ein Teller Linsen hier und Hunger da: mehr brauchte es nicht. Wer will das eine List nennen?

Die auf Albert angesetzten Agenten versprechen dem Ziel ihre ganze Aufmerksamkeit. Der Gejagte versteht sich auf das Spiel und arbeitet sich in die Flanke des Feindes. Da hält er sich konsequent und bedenkt Folgendes:

„1918 war kein Frieden. In Polen, Schlesien, in Russland, im Nahen Osten wurde bis in die Zwanzigerjahre hinein gekämpft.“

Becher baut das aus zu einem Bürgerkriegsszenario, das sein Held im Frühjahr 1938 überblickt. Albert memoriert eine Reihe verlorener Kämpfe. Bei der ersten Gelegenheit „wühlt“ er seine Pistole aus einem Garderobenversteck. Dann werden wieder Damen ausgeführt und die Auftritte anderer Herren kritisiert. Der Leser erfährt, was für ein verwegenes Kind Xane war. Ihre erlesene Wildheit stellt der Autor in Aussicht.

Die Rückblenden sind kurz. Sie konzentrieren sich auf Alberts Rekonvaleszenz als „achtzehnjähriges Wrack“ in den Karpaten. Da traf er Xane in ihrer Paraderolle. Sie führte eine Jungenbande an, verstand sich aber schon auf Komplimente.

Auf dem Quivive

Nach einem Espresso und drei Trester weiß sich Albert aufs Vortrefflichste ins Visier genommen von den Könnern zweiter Güte aus einer Reichsschublade. Famose Skihosenträger, die den Stemmschwung an der Bar praktizieren, folgen dem Antifaschisten von einem Exiltresen zum nächsten. Albert ist auf dem Quivive. Er macht aus sich einen Kundschafter und teilt sich selbst ein zur Patrouille. Letzte Zweifel verschwinden im Fuselnebel oder werden von Grappagewissheiten „erschlagen“. Nun steht es fest: „Ich jage die Jäger.“ Zugleich gewinnt Albert die Einsicht: „Der Mensch ist für die Wahrheit nicht geschaffen.“

Albert kehrt nach Kräften ein. Der Journalist beschreibt die Kulissen seiner Räusche. Das Gasthaus „Zur Innmühle & …“ zum Beispiel stammt aus der Gründerzeit und ist ein Alpenglühen in Architektur. Man isst da Birnenbrot und Nusstorte unter einem Baldachin unter Papiergirlanden zu „Urlauten des Vergnügens“. Bei allem Behagen bleibt Albert auf dem Posten. Jeder könnte ein Parteigegner der Gegenseite sein, ein faschistisches Arschloch auf Deutsch gesagt; ein Schleicher der Reaktion … Der Emigrant zieht den Feind hinter sich her über eine nächtliche „Geisterbahn“. Die Handfeuerwaffe drückt kompetent gegen einen Schenkel. Albert sieht sich veranlasst im magischen Licht der Milchstraße das Magazin zu prüfen.