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10.07.2020, Jamal Tuschick

Supernarzisst*innen

Grandiose Narzisst*innen glauben gern, wenigstens insgeheim seien die Bedrängten eingenommen. Die ungebügelte Art der Ich-Aktivist*innen beschäftigt uns weiter.

Cypremort Point, Louisiana - Hier residiert der Regisseur Desmond Cormier auf dem Grund seiner Ahnen, für die Zypressen-Cyprès heilig waren. 

Eingebetteter Medieninhalt

Angeblich nimmt ihn niemand ernst. Gleichzeitig ist er ein Hollywood-Tycoon mit enormen Spielräumen für seinen Sadismus. Der korrekte Ermittler Dave Robicheaux begegnet dem perversen kalifornischen Produzenten Antoine Butterworth mit einer allergischen Abwehr, deren Ursprung James Lee Burke in jenen Steinzeitlabyrinthen vermutet, in denen die Reise des modernen Menschen zum Mond anfing.

Das Böse ist viel früher eingetroffen. Das Mesolithikum ist schließlich nicht länger vergangen als ein erdgeschichtlicher Wimpernschlag dauert. 

Marie-France Hirigoyen, „Die toxische Macht der Narzissten“, aus dem Französischen von Thomas Schultz, C.H. Beck, 16.95 Euro

James Lee Burke, „Blues in New Iberia“, Ein Dave Robicheaux-Roman, Band 22, aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger, Pendragon, 586 Seiten, 22,-

Man kann sich nicht sexuell entfalten, wenn man nicht ernstgenommen wird. Sexuelle Entfaltung beziffert die Hoffnungen der anderen. Burke denunziert Antoines Charakter und raubt ihm so die Plausibilität.

Epochal/Brachial/Erratisch

Grandiose Narzisst*innen glauben gern, wenigstens insgeheim seien die Bedrängten von ihren Brigantenmanieren eingenommen. Die ungebügelte Art der Ich-Aktivist*innen beschäftigt uns weiter.

2014 bestellte Aquilino Morelle einen Schuhputzer in den Elysée-Palast. Der zum politischen Berater von Lionel Jospin, von 1997 bis 2002 Premierminister, sowie von François Hollande, damals Präsident der Großen Nation, aufgestiegene Sohn spanischer Einwanderer erlag einem Machtrausch, der ihn durch sämtliche Etagen bis in den Keller der Tatsachen krachen ließ. Auch Wladimir Putin kommt von unten. Aber dem perversen Supernarzissten (Hirigoyen) käme so ein Durchfall nicht unter. Nur der Himmel ist seine Grenze. Selbstverständlich der Himmel in russischen Farben mit dem großen Bären als Zentralgestirn. Putin kultiviert das Image des Virilen und zeigt sich gern mit nacktem Rumpf. Ein bereits Fett-unterfütterter Thorax stört das autoerotisch aufrauschende Selbstempfinden nicht.

Der Mann gefällt sich.

Putin betrachtet sich als mythisch dimensionierter National-Epos. L'etat c'est moi. Auch James Lee Burke macht einen pervers inklinierten Supernarzissten zum Helden. Antoine Butterworth … der schlank ergraute Gast im Totem & Tabu-Reich des Regisseurs bietet sich idealtypisch als Verdächtiger in einer Ritualmordserie an. Eine Gekreuzigte macht den Anfang. Sie wird aus dem Golf da gefischt, wo Desmond Haifischflossen gesehen haben will. Was auch immer er gesehen hat, die Tote könnte ihren Mörder (auf einer Kreuzung zwischen Idealismus und Verworfenheit) förmlich angelockt haben. In einer Metafiktion warb das Opfer mit seinem Engagement für die Abschaffung der Todesstrafe seinen Tod aus der Hand eines zwar zum Tode Verurteilten, aber nicht (rechtzeitig: um einem Ausbruch zuvorzukommen) Hingerichteten ein. Äußert sich so ein auf das Unbewusste angesetztes Todesstrafen-Fürwort?

Do not try to fight a Puma if you’re not one yourself. Linford Christie

Bayou Blue

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„Wenn wir alarmiert sind … greifen wir auf ein urzeitliches Wissen um das dunkle Potential des Genpools zurück.“ James L. Burke

Der beschleunigte oder verlangsamte Puls hat „genetische Wurzeln, die in die Zeit des Überlebenskampfes von M.superstes zurückreichen.“  David A. Sinclair  

Er war Reporter, als das noch ein taffer Beruf war, Sozialarbeiter, als man noch Fürsorger sagte, und ein Mann des Öls, als die Branche noch einen tadellosen Ruf genoss und der Air fossiler Brennstoffe zum Charisma eines Steve McQueen beitrugen. Der 1936 in Louisiana auf die Welt gekommene James Lee Burke ist der Ry Cooder unter den Bayou Bluegrass & Swamp-Punk-Schriftstellern und Lordsiegelbewahrern des Cajun/Hellbilly-Erbes. Der Spezialist für maritime Sonnenuntergänge schickt seit Jahr und Tag einen Polizisten ins Rennen, der mit Dämonen ringt. Dave Robicheaux verkörpert den Southerner in der Variante der knochenbrechenden Redlichkeit. Er weiß: „Wenn drei Leute einen Schrei melden, dann rufen sie nicht wegen eines Geräuschs an, sondern wegen einer Erinnerung im kollektiven Unterbewussten, eine, die bis in die Höhlen zurückgeht.“ Man möchte in die Höllen hinzufügen. In den Höhlen & Höllen des Unbewussten stecken die Informationen einer ausgesetzten Menschheit, die sich vor hunderttausend Jahren daran machte, die Bedingungen ihrer Existenz zu ihrer persönlichen Angelegenheit zu machen.  

Sackgassen der Ewigkeit

Die Nacht ist fortgeschritten, der Tag nähert sich. Befreien wir uns also von den Werken der Finsternis, kehren wir zurück zu den Waffen des Lichts. Römerbrief, XIII, 12

Sie kamen, um auf den Ölfeldern von Louisiana zu schuften. Das war in den Dreißigjahren des letzten Jahrhunderts, und erst damals berührten sich die Kreise der frankophonen Arkadier und der anglosphärischen Majorität zum ersten Mal. Die erzwungene Amerikanisierung prägte ihrer Eigentümlichkeit Outlaw-Merkmale ein. Sie gerieten in die Rückwärtsspannung einer verachteten Minderheit.

Dieses Schicksal teilten sie mit den Überlebenden der First Nation und den Emanationen des Außerdem – mit all den genetischen und sozialen Derivaten zwischen Okkupation und Infiltration. Ein ewiges Penetrieren in den Sackgassen der Ewigkeit. Nehmen Sie Desmond. Seine Nabelschnur wird in der Schlafkoje eines Sattelschleppers abgebunden. So endet eine Phase mütterlicher Fürsorge. Heran wächst Desmond in der großelterlicher Krauterbude in einem Reservat. Der Gemischtwarenladen steht an einem Feldweg im schattenlosen Nirgendwo. Redbones nennt man „wenig freundlich“ Desmonds Leute. Mit zwölf nimmt der Junge das Training auf. Zwei Jahre später tyrannisiert ihn keiner mehr. Zwanzig Jahre später ist er ein gemachter Mann. Er hat den Zauber seiner magischen Herkunft mit den Dingen der Gegenwart in Berührung gebracht. Kurz gesagt, Desmond ist ein berühmter Regisseur.  

Der Golf im Abendglamour

Als der altgediente Ermittler Dave Robicheaux eine gekreuzigte Frauenleiche aus dem Golf zieht, denkt er zuerst an einen Ritualmord im karibischen Stil.

Der Regisseur Desmond Cormier lebt auf Cypremort Point. Und so sieht der ermittelnde Dave Robicheaux den Golf im Abendglamour aus einer Privatbuchtperspektive (an der Küstenlinie von Louisiana). Cypremort means dead cypress in French. Was für ein Name. Man hat die Szene vor sich. Genau wie den Sundowner, mit dem sie feierlich begangen wird. Desmonds (das Misstrauen des alten Polizisten sofort wachrufender) Gast Antoine Butterworth trinkt nicht. Der „praktisch nackte Mann führt in Zeitlupe eine Kampfkunstübung durch“. Ich könnte Robicheaux sagen, was er sieht. Ich tippe auf einen White Crane-Hybriden. White Crane gemixt mit Wing Chun und Okinawa Te. Das könnte hinhauen. In der Gegend lebte einst das Volk der Chitimacha, das in der Zypresse seinen heiligen Baum erkannte. Der Chitimacha-Nachfahre Desmond lebt auf heiligen Grund. Weiß das Dave?  

Dave gehört zur Polizei von New Iberia, einem Flecken in Louisianas Süden, ein paar Meilen östlich von Lafayette. Kurz nach dem Zwischenstopp auf Desmonds Anwesen entdeckt er eine gekreuzigte Frauenleiche im Golf.

Dave denkt an einen Mord nach karibischem Ritus.

„Religion ist im Süden … eine komplexe Angelegenheit.“

Daves amtliche Partnerin heißt Helen Soileau. Die beiden bilden das Dreamteam der Mordkommission des New Iberia Police Departments. Witwer Dave lebt mit seiner Adoptivtochter Alafair bescheiden an der East Main Street. Alafair ermittelt mit. Ihrem scharfen Verstand unterbreitet Dave stets die Fakten.

Alafair war Staatsanwältin, bevor sie Schriftstellerin wurde.

Alles klar. Da möchte man nicht Mörder sein.

„Ich hole dir noch eine Tasse Kaffee“, sagte Alafair. Großartige Arbeitsbedingungen zeichnen sich schemenhaft ab … Die Guten fahren restaurierte Cadillacs aus der Haifischflossenheckära … Die Tote wurde von Delfinen eskortiert … Ein entflohener Sträfling taucht in der Gegend auf … der Gerichtsmediziner hat Schuhgröße 48 …  

Europäischer Symbolismus an der Golfküstenlinie

Bailey Ribbons ist achtundzwanzig und hat einen Abschluss in Psychologie. Sie war Realschullehrerin, bevor sie Polizistin wurde. Man hat sie gerade Dave Robicheaux zugeteilt.

Sie „duftet nach Blumen“ und er „spürt ein Kribbeln auf den Handflächen“. Dave fürchtet, Bailey, die er zunächst „Miss Bailey“ nennt, bis sie sich das freundlich verbittet, könne einen Narren aus ihm machen. Er ist ein alter Mann, den der Rüschenschick und die tadellose Zurückhaltung der Kollegin aufheizt. Ich schätze, solche abgeschmackten Konstellationen sind heute nicht mal mehr in Krimis okay.

Die Gekreuzigte war eine engagierte und idealistische Person.

Lucinda Arceneaux, Adoptivtochter eines baptistischen Geistlichen, arbeitete bis zu ihrem Erlöserinnentod für Innocence Project – einer Organisation, deren Aktivist*innen zum Tode Verurteilte vor der Hinrichtung zu bewahren trachten. Lucinda besuchte einen Hugo T. in seiner texanischen Todeszelle. Nun treibt sich der Mörder als Ausbrecher in der Gegend von New Iberia herum.

Hat Hugo Lucinda gekreuzigt?

In Betracht kommen ferner Filmtypen, denen Lucinda als Hostess eines Catering Services aufgewartet hatte. Besonders einer hat es Dave angetan. Antoine Butterworth erscheint als Verkörperung des Bösen, schamlos, eloquent und auf eine gemeine Art potent.  

An ihrem ersten gemeinsamen Diensttag fahren Bailey und Dave zur Südspitze des Cypremort Point. Wind „treibt braune Wellen“ auf den Sandstrand. Eine Vernehmung gestaltet sich schwierig. Perverse Poser, die an Harvey Weinstein und Konsorten erinnern, versperren sich mit ihren ekelhaften Marotten selbst den Weg zum Glück der Redlichen. Angewidert schreitet Dave in Begleitung von Bailey rasch zum nächsten Tatort. Wieder wurde das Opfer malerisch drapiert und dekorativ aufgehängt, diesmal nach einem Tarot-Motiv. Die Identifizierung gestaltet sich einfach. Der Tote im Fischernetz war die Randfigur Joe Molinari. Er wurde, so will es die Legende, geboren, um ausgebeutet zu werden. Sein Mörder kennt sich mit europäischem Symbolismus aus.   

Grandioser Pol & medizinischer Pot

Das illuminierte, auf Cypremort Point residierende Louisiana-Urgestein Desmond Cormier lässt in Utah eine Kulisse errichten, die dem Texas Panhandle nachgebildet ist.

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Genie der Anpassung

Die Inszenierung Potemkin’scher Landschaften und so auch die Umleitung eines Baches beweisen eine Bereitschaft zum surrealen Aufwand. Die Natur hält im Dutzend billiger bereit, was der Regisseur mit einer Vergangenheit als geschmähter „Redbone“ aus dem Boden stampft.

Will der in seiner Kindheit von Verachtung geschändete Desmond in der Wüste von Utah Gott spielen?

Zwei Schlüsselbegriffe, ohne die kaum noch eine Autorin auskommt, sind das Böse und der Narzissmus. Auch James Lee Burke arbeitet mit diesen Folien. Desmonds Freund Antoine Butterworth erscheint als Materialisierung des Bösen, während alle möglichen Typen als Narzissten auftreten. Ich lese gerade auch Marie-France Hirigoyens „Die toxische Macht der Narzissten“. Die französische Psychoanalytikerin analysiert wie eine Profilerin die Masken des Narzissmus. Da gibt es Kandidatinnen mit geringem Selbstwert, belastet von einem Gefühl der „Illegitimität“. Sie vermeiden Konflikte, da sie alles fürchten, was ihren Selbstwert bedroht. Schon die „leiseste Kritik lässt (sie) nicht mehr los.“

Größenwahn im Diorkleid der Bescheidenheit

Als Genie der Anpassung entwickelt die verletzliche Narzisstin ein „falsches Selbst“. Sie trägt einen Konformismus zur Schau, der die Gläubigen verhöhnt. Zum Beispiel gibt sie sich „als schüchterne Frau“ oder als „graue Maus“ aus, oder sie tarnt sich sonst wie mit „einer Fassade von Sanftmut“. Hirigoyen charakterisiert die vulnerablen Narzisst*innen als Lappen, die jammern (herumopfern) und alles nur vortäuschen, einschließlich ihrer degoutant-abgerockten Bescheidenheit.

Der verletzlichen Narzisstin stellt Hirigoyen die grandiose Narzisstin gegenüber. Besonders abgefeimt ist die Variante perverse Narzisstin. Bei diesem Typus dominiert „die destruktive Seite“ alles. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Burke Antoine B. als Akteur des malignant narcissisme ins Spiel bringt. Burkes guter Geist, der brave Polizist Dave Robicheaux, reagiert unprofessionell-allergisch auf den schamlos Überheblichen, beziehungsweise von einer „schweren Pathologie des Über-Ichs“ (Otto Kernberg) Versehrten.  

Mit Hirigoyens Einlassungen lässt sich jeder einfach de-legitimieren. Stichwort: Die graue Maus opfert toxisch herum. Nennt es ein Scherbengericht akademischer Achtsamkeit. Burke zeigt, dass man mit einer im Grunde identischen Personenbeschreibung jemanden genauso gut gut wie böse aussehen lassen kann. Regisseur Desmond verlangt von seinen Angestellten, dass sie ihm als Gefolgsleute dienen. Er fordert von den Abhängigen alles. Doch erscheint die grandiose Erwartung nicht allein legitim, sondern für Desmond sogar schmeichelhaft. Burke geht so weit, seinen Helden Dave als Flagellanten der Selbstkritik zu überzeichnen, bloß weil Dave Desmonds fluffige Grandiosität sauer aufstößt. Dave findet die eigene „Feindseligkeit … kleingeistig und erniedrigend“.

Larven der Anpassung

Narzisstische Perverse verbergen ihr toxisches Potential unter einem Mantel aus Charme. Ihr Größenwahn versteckt sich hinter Larven der Anpassung. Sie gerieren sich vorbildlich, obwohl sie keinerlei moralische Skrupel kennen. Das behauptet Marie France Hirigoyen in ihrer Warnschrift „Die toxische Macht der Narzissten“. Die Psychoanalytikerin formuliert so engagiert, als stünde sie in einem Kulturkampf gegen die Narzissten, die sich wie Untote des gesunden Seelenfleisches der Übrigen bemächtigen. Die Vitalität der Narzissten entspringt einem veritablen Vampirismus. Sie entreichern ihre Beute auf allen Ebenen. Auf ihren Raubzügen wappnen sie sich mit „Konfliktimmunität“. Sie lassen sich auf eigene Fehler nicht ansprechen.

Narzisstische Perverse sind „leere Hülsen, die zu täuschen versuchen, aber gar keine Substanz haben“. Sie „fallen in das psychische Territorium eines anderen ein“. Ihre „Beute bewegen sie zu … Fehlverhalten“, um die Beute besser „disqualifizieren“ zu können.

Ich habe noch nie etwas so Furioses gelesen, dass akademischen Ansprüchen genügen soll. Hirigoyen beschreibt Pathologien so wie man im 18. Jahrhundert Verbrechen darstellte. Die Verworfenheit und das Böse weben ihre grauen Fäden dem Brokat der Betrachtung ein. Das Böse ist ein Akteur in James Lee Burkes Roman „Blues in New Iberia“.

Rächer treten aus den Schatten der Nacht und verkünden ihre Botschaften ohne Schalldämpfer. Regnet es, naht die Sintflut. Alle Phänomene stammen aus einer göttlichen Hutschachtel der Überfülle. Eine Vielzahl von Charakteren zeichnet sich scharf vor überzeichneten Kulissen ab. Während immer noch so geredet wird, wie in den Kriminalfilmen der Schwarzen Serie, ist das Repertoire der Guten aktivistisch. Sogar Burkes knorziger Ritter von geringem Fehl & Tadel, der Polizist Dave Robicheaux, erscheint als antirassistisch-feministischer Aktivist, ungeachtet einer Neigung zu biblischen Auslegungen. Er war zwar in Nam, wo er sich einen schicken Revolver zugelegt hat, hat aber dazugelernt. Als Ziehvater einer Adoptivtochter mit Migrationshintergrund ist er über jeden Zweifel erhaben. Obwohl die Juristin und Schriftstellerin Alafair Dave in jeder Hinsicht über ist, triggert ihn ständig der Beschützerinstinkt. Ich schätze, es wäre besser für ihn und auch feministischer, sich auf Alafairs Dominanz zu verlassen. Er ist doch nur ein sentimentaler alter Mann mit kaputten Knien.

Dave haftet das Böse nicht an. Er vermutet es auch nicht bei Desmond Cormier, der als grandioser Narzisst eine grundsätzliche Bereitschaft zu Überschreitungen mitbringt. Der weltberühmte Regisseur herrscht auf einem Anwesen an der Golfküstenlinie von Louisiana. Die Gegend heißt Cypremort Point. In dem Landschaftsbegriff steckt eine Degeneration von cyprès – Zypresse. Die Zypresse aber ist ein Totembaum jenes Volkes der First Nation, als dessen Erbe sich Desmond begreift. Ihn interessieren magische Handreichungen. Seine Kombination von Kult & Kamera lässt sich nicht nachahmen und verschafft ihm so ein Alleinstellungsmerkmal in Hollywood. Die narrativen Übergänge von archaischem zu technischem Zauber appellieren an das Unbewusste und funktionieren deshalb als Medien des kollektiven Gedächtnisses. Das erklärt den erfolg. Ohne Grandiosität wäre Desmond vielleicht nur ein erniedrigter Grenzgänger. Die Nachteile einer inferioren Kulturträgerschaft würden sich durchsetzen und das Bild von der Person bestimmen. Desmond wäre eine von Hirigoyens „leeren Hülsen“ und im Übrigen auch kein grandioser N., sondern ein vulnerabler N. Das ist der Narzisst als Lappen, der jammert (herumopfert) und alles nur vortäuscht, einschließlich seiner Saufbüdchen-bacchantischen Bescheidenheit. Ich paraphrasiere Hirigoyen, die so denunzierend über Kranke spricht.

Desmonds guter Grandiosität setzt Burke die narzisstisch perverse Schweinebacke Antoine Butterworth entgegen. Dave unterstellt Antoine das ganze Harvey-Weinstein-Programm.

Zwei Schlüsselbegriffe, ohne die kaum noch eine Autorin auskommt, sind das Böse und der Narzissmus. Auch James Lee Burke arbeitet mit diesen Folien. Desmonds Freund Antoine Butterworth erscheint als Materialisierung des Bösen, während alle möglichen Typen als Narzissten auftreten.

Burke schildert einen ungebrochenen Sadisten, den, seinen Millionen zum Hohn, keiner ernst nimmt. Die Figur ist so unglaubwürdig, als hätte Burke gestern angefangen zu schreiben. Einerseits führt Antoine ein Produzentenleben, andererseits hat er einen Pariastatus.

Alarm aus der Urzeit

Wir haben gelernt, dass sich perverse Narzissten von ihrer Beute parasitär ernähren.  

Packend beschreibt Burke Daves allergische Reaktion auf Antoine. Wieder erkennt der Autor einen Durchbruch und Atavismus. Die Abneigung ist tödlich in ihrer geradezu vorzeitlichen Ursprünglichkeit. Sicher habe nicht nur ich mir die Frage gestellt, warum eine im Rahmen der konkreten Erfahrung grundlose Aversion einen Alarm aus der Urzeit auslösen kann und man automatisch das Zwischenstadium der Gegnerschaft überspringt, um gleich in der Feindschaft anzufangen.

Der bis zur temporären Hinfälligkeit reduzierte Dave hat das Glück, leichteren Antagonisten als Antoine seine Entschlossenheit beweisen zu dürfen. Wenn du herausgefordert wirst, denkt er, kannst du den Kampf nur annehmen oder dich gleich selbst wegschmeißen. Was ist das Wissen über defizitären Selbstwert dann noch wert? Eine Art Urknall betäubt und fokussiert dich, du wirst ergriffen und dann musst du marschieren. Besser, du willst, was du musst, egal, ob vor dir Spielfiguren der white collar psychopaths Pirouettender Selbstgefälligkeit drehen, dich ein Lümmel mit Abitur zur Tapete machen will oder sonst ein Schmocksich normative Kraft anmaßt und Gott deines Lebens zu sein begehrt. So oder so oder so, so Dave, hilft in solchen Fällen nur der alte Colt aus Nam.  

Zwischen Action & Psychoanalyse

Successful Psychopaths

Furios beschreibt die französische Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen Masken der Niedertracht, hinter denen sich narzisstische Monster verbergen. Die Säfte des Lebens saugen sie aus empathisch-idealistischen Zeitgenoss*innen. Narzisstisch Perverse berauschen sich zudem an ihrer Grausamkeit. Sie lassen ihre Opfer emotional ausbluten. Obwohl sie lediglich Hohlposten sind, die auf ihren eigenen Ich-Steppen seelisch verhungern würden, verfügen sie doch über erstaunliche Fähigkeiten des Farmings. Ultra-parasitär kolonisieren sie ihre Beute. Die genetische Wurzel dieses Kodes ist so alt wie das Leben selbst. So ungefähr sagt es David A. Sinclair, der (gemeinsam mit Richard Dawkins) das fühlende Individuum nicht für den Grund der Manöver hält, die man Leben nennt.  

„Nachdem wir unseren letzten Atemzug getan haben, werden unsere Zellen nach Sauerstoff schreien.“ David A. Sinclair

Die Zellen hören nicht einfach auf zu sein. Auf der atomaren Ebene geht der Kampf weiter. In ihrer Sauerstoffnot eruptiert die vergiftete Zellmasse. 

Hirigoyen glaubt, dass sich mit ihrer narzisstischen Typologie ein genaueres Bild auf die Gesellschaftsbetriebe der Gegenwart ergibt. In Wahrheit bringt das Aufspüren und Identifizieren der Räuber*innen wenig. Sie sind keine in die Systeme hineinsozialisierten - und deshalb aus ihnen zum Frommen aller - herausziehbaren Faktoren. Raymond Kurzweil vergleicht den historischen Augenblick mit Ereignissen vor zwei Millionen Jahren, „als das menschliche Gehirn ein großes Zellbündel hinzugewann“ (Bill McKibben).  So spricht McKibben den Neokortex an. Expandiere der Neokortex, würde „unser Schädel zu groß für den Geburtskanal“.

Das ist der Punkt. Wir bewegen uns an einer Wachstumsgrenze. Der explodierende Egoismus ist eine Antwort auf den Pionierstatus. Während Hirigoyen Degenerationserscheinungen für den grassierenden Narzissmus verantwortlich macht, erkennt James Lee Burke gleichzeitig Archetypen und freebooting entrepreneurs, die eingespielte Verfahren zur Verkehrssicherheit unterlaufen und ihre Außenseiterpräferenzen durchsetzen. 

Seinen internationalen Durchbruch hatte er mit der … Reihe um den Polizisten Dave Robicheaux. Robicheaux gehört zu den sperrigsten Ermittlern der Kriminalliteratur. Innerhalb der Dave-Robicheaux-Reihe veröffentlichte Burke seit 1987 insgesamt 23 Bände. Im Pendragon Verlag werden in den nächsten Jahren regelmäßig Kriminalromane der Robicheaux-Reihe erscheinen.