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14.07.2020, Jamal Tuschick

Unsportliches Kraftei

In Erwartung ihrer Einbürgerung feiert die Deutsche Alexa ihren Geburtstag stets am Abend des Schweizer Nationalfeiertags. Sie weiß partout nicht, ob sie dieser Praxis als Eidgenossin treu bleiben wird. 

Robert ist ein unsportliches Kraftei. Er kann weder werfen noch fangen. Dafür pumpt er sich auf. Das lässt seine Koordinationsstörungen eher noch stärker hervortreten als die Ataxie, in der unauffälligen Verpackung landläufig daherkommt. Der Gestus der Kompensation lädt zum Fremdschämen ein. Adrian bedenkt die Präsentationslücke seines Sohnes im Dienst als Spitalarzt. Am Abend steigt die Geburtstagsparty seiner Liebsten, deren Interesse an Doktorspielen vor allem televisionär befriedigt wird. Siehe Grey’s Anatomy.  

Eingebetteter Medieninhalt

Ulrike Ulrich, „Während wir feiern“, Roman, Berlin Verlag, 270 Seiten, 22,-

Adrian ist nicht der Typ für „postoperativen Sex“. Er hält die Balance zwischen bürgerlicher Existenz und bassistischen Ausschweifungen in Alexas Band auf dem schmalen Grat ästhetischer Idiosynkrasien.

Je feiner die Justierung, desto heikler das System … für Adrian ist Alexas Geselligkeit eine Herausforderung. Er macht sich nichts aus Partys.

Aus der Ankündigung: Wie in jedem Jahr feiert die deutsche Sängerin Alexa am Abend des Schweizer Nationalfeiertags ihren Geburtstag mit einer Dachparty – leider noch ohne den Einbürgerungsentscheid. Währenddessen braucht Kamal eine sichere Bleibe. Wenn er nicht unverzüglich das Land verlässt, droht ihm die Abschiebung nach Tunesien. Weil dort aber Homosexuelle verfolgt werden, fragt er seinen Deutschlehrer Zoltan, ob er ein paar Tage bei ihm untertauchen kann. Doch Alexas bester Freund sagt Nein aus Gründen, die er nicht mal vor sich selbst zugibt. Im Laufe des Tages eskalieren die Ereignisse, und nicht nur das Fest, auf dem alles zusammenläuft, steht infrage. Inspiriert von Virginia Woolfs Klassiker „Mrs Dalloway“ zeichnet Ulrike Ulrich ein Panoramabild unseres Lebens in Europa – vielstimmig, mit eigenem Ton und literarischer Brillanz.

Ulrike Ulrich, geboren 1968 in Düsseldorf, lebt seit 2004 als Schriftstellerin in Zürich. 2010 erschien ihr Debütroman „fern bleiben“, dem 2013 der Roman „Hinter den Augen“ folgte, und 2015 der Erzählband „Draussen um diese Zeit“. Mit Svenja Herrmann hat sie Anthologien zum 60. und 70. Geburtstag der Menschenrechte herausgegeben. Mit Axmed Cabdullahi erschien zuletzt „Ein Alphabet vom Schreiben und Unterwegssein“. Sie gehört den Autor*innengruppen index und „Literatur für das, was passiert“ an. Ihre Texte wurden u. a. mit dem Walter Serner-Preis 2010, dem Lilly-Ronchetti-Preis 2011 und Anerkennungspreisen der Stadt Zürich ausgezeichnet. 2016 erhielt Ulrike Ulrich ein Werkjahr der Stadt Zürich und 2018 einen Pro Helvetia-Werkbeitrag für „Während wir feiern“.