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15.07.2020, Jamal Tuschick

Bauernbushi

Niemand war je glücklicher als es ein Bushi (Samurai) sein konnte. Er fürchtete und erwartete nichts. Sein Gleichmut war ein Kunstwerk. Sein Handwerk trieb er auf die Spitze wenigstens einer Kunst. Idealerweise folgte er zwei Wegen: dem Schwertweg und dem Schreibweg. Alles Weitere zählte zu den lästigen Pflichten.

In der europäischen Wahrnehmung war Japan von der ersten Spekulation an mythisch. Es kursierte die Vorstellung von einem Goldland im Osten, lange bevor die Gier in Amerika zum Motor eines Genozids wurde. Man phantasierte die isolierte Insel zusammen mit einer Terra australis nondum cognita, die bis zu ihrer „Entdeckung“ als Gerücht existierte.

Japans Neigung zur hochmütigen Abschottung begegnet man früh.  

Freiwillige Isolation ist eine japanische Spezialität. Der Abschluss vollzog sich in einer Serie außenpolitischer Arschtritte. Seit den 1580er Jahren schränkte das Tokugawa-Shōgunat die Verkehrsfreiheit der als Südbarbaren geschmähten Portugiesen und Spanier ein. 1635 verloren alle Japaner ihre Reisefreiheit. Von 1639 bis 1853 blieb man unter sich und behielt die mittelalterlichen Standards bei.

Shusaku Endo, „Samurai“, Roman, auf Deutsch von Jürgen Berndt, Septime Verlag, 432 Seiten, 24,-

1633 dichtete Tokugawa Iemitsu, dritter Shōgun seiner Dynastie, Japan ab. Das Shōgunat beschränkte den Kontakt zu Europäern auf Vertreter der „Verenigden Oostindischen Compagnie”, die als Expatriierte auf einer stinkenden, aus dem Meerbusen vor Nagasaki ragenden, mühsamer Landgewinnung abgetrotzten Erhebung namens Dejima konzentriert wurden. So kläglich und unhygienisch da alles war, es bot sich doch einer Monopolstellung, die erst von amerikanischer Kanonenbootpolitik 1853 gebrochen wurde, zur Nachsicht an. Dass die kleinen Niederlande Portugal ausstachen, verdankte sich vielen verdeckten Bemühungen und hatte jedenfalls auch diesen Grund: die Holländer missionierten nicht; anders als die katholischen Imperialisten, die Japan „entdeckt” hatten und ihr Programm nach Schema F betrieben. – Und auch wieder nicht. Die besonderen kulturellen Formate Japans wurde von allen Reisenden geschildert. Im Gegenzug studierten Japaner europäische Vorsprünge (nach der Abschottung im Rahmen der Hollandkunde-Rangaku).

Tokugawa Iemitsu betrieb unter seinen Leuten Christenverfolgung im römischen Stil. Von Kreuzigungsfestivals berichtet François Caron. Der Sohn hugenottischer Flüchtlinge kam zuerst als Küchenhelfer auf einem holländischen Schiff nach Japan. Er bildete sich zum Dolmetscher aus und fand in dieser Rolle Gelegenheit, dem Fürsten nahezukommen. 1639 wurde Caron Chef der Niederlassung. Später orientierte er sich nach Batavia. Er kämpfte gegen die Portugiesen auf Ceylon (Sri Lanka). Als Gouverneur auf der Insel Formosa erreichte Caron einen Karrierehöhepunkt. Schließlich entkleidete er sich seiner niederländischen Würden und trat in französische Dienste. In Frankreich nimmt man ihn als Franzosen und so auch als den ersten Franzosen, der in Japan zum Schriftsteller wurde.

Ich schweife ab, weil Endos Held Hasekura Rokuemon nur zwanzig Jahre vor dem Startschuss für das Martyrium japanischer Christen genötigt wurde zu konvertieren. Hasekura überwand den Trotz, der ihm die shintoistische Ahnenverehrung vorschrieb. Er ignorierte die Todesbereitschaft aus den buddhistischen Lektionen. Er gehorchte.  

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Endo spricht seinen Helden mit dessen Kastennamen an, obwohl der Samurai im Alltag längst auf der Stufe einer bäurischen Existenz angekommen ist. Das beschreibt der Autor als Folge einer Machtkonzentration. Das Tokugawa-Shōgunat greift in den nördlichen Provinzen so mächtig durch, dass kein kleiner Herr mehr auf eigene Rechnung und zur Erweiterung seines Portfolios Feldzüge unternehmen kann. Das Regime lähmt die auf Expansion gerichtete, sich im Kreis drehende Bürgerkriegswirtschaft. Die Bushi sinken de facto unter ihren Stand, auch wenn sie weiter als Lehnsherren Befehlsgewalt über Bauern haben, die kaum die Abgabenlast tragen können. Ein Ritter sah in einem Bauern so wenig seinesgleichen wie in einem Hund. Eine Nationalisierung der Gesellschaft auf allen Ebenen fand erst nach der erzwungenen Öffnung des Landes im 19. Jahrhundert statt.  

Endos Samurai hängt bäurisch durch.

Aus der Ankündigung: Hasekura Rokuemon, Landadeliger und Samurai, führt ein zufriedenes Leben mit seiner Familie in eigenem Hof und Heim. Doch er gehorcht, als man ihn als Abgesandten in die Länder der sogenannten Südbarbaren schickt. Zusammen mit einer Gruppe von Kaufleuten und dem spanischen Franziskaner Velasco, dessen einziges Ziel es ist, Bischof in Japan zu werden, bricht er im Jahre 1613 zu einer gefährlichen Reise auf, die ihn nach Mexiko, Spanien und Italien führt. Der Auftrag lautet: Anknüpfung von Handelsbeziehungen zwischen Japan und Nueva España. Gegen seine innerste Überzeugung lässt Hasekura Rokuemon die Taufe über sich ergehen, um die Mission nicht zu gefährden. Dass dies Pater Velasco mehr dienen soll als ihm selbst, merkt er zu diesem Zeitpunkt nicht. Die Einblicke des Samurai in die fremde Welt des Abendlandes werden bei seiner Rückkehr zum Fluch. Während der jahrelangen Abwesenheit der Gesandtschaft haben sich die Verhältnisse in Japan geändert: Die Christen sind mittlerweile schärfsten Verfolgungen ausgesetzt, und an Handelsbeziehungen mit dem Westen besteht kein Interesse mehr.