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27.07.2020, Jamal Tuschick

documentasplitter 16

Klaus Baum erinnert sich

© Klaus Baum

Es war Alexander Farenholtz, der Geschäftsführer der DOCUMENTA IX, der mich als Leiter des Führungsdienstes einstellte. Er war seines Amtes würdig, verstand er es doch, Kosten zu senken. Die documenta-Verwaltung befand sich auf einer Büroetage in der Friedrich-Engels-Straße. Farenholtz ließ sie ins Fridericianum verlegen, um die Miete zu sparen. Die zweite Maßnahme, an die ich mich erinnere, bestand darin, die Öffnungszeit der Ausstellung um eine Stunde täglich zu kürzen. Statt von der sonst üblichen Zeit von 10 bis 20 Uhr galt nun 10:30 bis 19:30. Das sparte in erster Linie Vergütungen für das Aufsichtspersonal.
Als sich einige Monate vor Eröffnung der Ausstellung unter anderem Denys Zacharopoulus von der täglichen Hektik zurückzog, um zu Hause einen Beitrag für den documenta-Katalog zu verfassen, tat ich ein Gleiches und schrieb einen Text für die MATERIALIEN zur DOCUMENTA IX, herausgegeben von Werner Stehr und Johannes Kirschenmann. Für mich brachte die Arbeit an meinem Aufsatz eine Wende im Denken. Ich war vollgesogen mit den Denkmustern des deutschen Idealismus, denen zufolge das Subjekt umso allgemeingültiger wird, je gebildeter es ist. In der Philosophie nennt man es das konkrete oder individuelle Allgemeine. Darüber hatte ich aber gar nicht referiert, sondern lediglich folgendes geschrieben, angeregt durch eine Formulierung von Marlene Dumas, die in Südafrika aufgewachsen war und an der DOCUMENTA IX teilnahm. Sie schrieb in einem ihrer Kataloge sinngemäß: "Mich interessiert nicht die Hautfarbe - die Wunde aller Menschen ist rosa." Und ich hatte diesem Statement hinzugefügt: "Nicht als Vollkommene sind wir alle gleich, sondern als Verwundete und Verletzbare."
Ergänzt hatte ich diesen Gedanken um Georg Büchners Kritik am Kunstverständnis des deutschen Idealismus, der ihm zufolge nur hölzerne Figuren hervorzubringen vermag und nicht in der Lage ist, eine Hundehütte zu zeichnen. Büchner fordert im Lenz nun seinen Leser auf, all das zu achten, in dem Leben ist. Er beruft sich dabei noch auf die holländische Malerei.
Farenholtz verlangte wohl, meinen Aufsatz zu lesen, so genau erinnere ich das nicht mehr, jedenfalls kritisierte er, dass ich Büchner zitiert hatte: "Der documenta-Interessierte könnte meinen, er müsse erst Büchner lesen, bevor er zur documenta kommen kann, und das könnte ihn von einem Besuch abhalten."