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03.08.2020, Jamal Tuschick

Alard von Kittlitz hat das Faserland unserer Zeit geschrieben. Er ist der legitime Erbe des jungen Kracht. 

Narrativer Laubbläser

Alard von Kittlitz‘ belebender Roman glänzt auf Seitenwegen. Ein narrativer Laubbläser saugt Randereignisse auf die Geisterbahn des Geschehens. Die Episoden ließen sich einfach isolieren und ergäben in einer anderen Komposition eine Kurzgeschichtensammlung. Besonders packend finde ich die Geschichte des Schwertgelehrten Yoshi Sasaki, den die Fama von einer mythischen Waffe aus seiner Klausur sprengt. Im allgemeinen Hinundher geht er sofort zugrunde. Manche Leute sind für den öffentlichen Verkehr ungeeignet.

Das Netz abarbeiten

Abends macht Peter Siebert seine Übungen, bevor er „das Netz (nach einer akkurat kuratierten Liste) abarbeitet“. Eine Kündigung beendet die Routine. Ein neues Angebot führt ihn in die Neue Welt. Peter unternimmt einen „Ausritt nach Amerika“.

Schick und smart erscheint Peter als Playboy, obwohl der einzelgängerische Spätzünder ein Liebesidiot ist. Ein begehrenswerter Liebesidiot entspricht einer beinah antinomischen Konstellation von hohem Reiz für ehrgeizige Liebhaberinnen. Sie wollen den Prinzen im illustren Deppen wachküssen.  

Unwirkliche Schönheit im Airport Air

Er ist ein Styler aka Produktdesigner, sie, eine unwirkliche Schönheit, macht Consulting für Corporate Social Responsibility. „Unter Corporate Social Responsibility oder kurz CSR ist die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen im Sinne eines nachhaltigen Wirtschaftens zu verstehen.“ Das sagt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales an dieser Stelle.

Peter trifft Anne im Stopover-Airport-Lounge-Flow. Sie entzündet den von sich selbst Affizierten noch mal ganz anders. Er bramarbasiert zu ihrer Unterhaltung. Unter Kenner*innen sind Peters Produkte Fetischobjekte.

„Zwei der zehn erfolgreichsten Schokoriegel der letzten fünf Jahre gehen auf Peters Kappe.“  

Alard von Kittlitz, „Sonder“, Roman, Piper, 316 Seiten 22,-

Go’n’Get – Peter im Glück vernimmt in den Vereinigten Staaten den Rock’n’Roll eines turboselektiven Wir-wollen-die-Welt-verändern-Maximalismus  

Im nächsten Augenblick kracht Peter auf den Boden der Tatsachen. Geborene „Winnerkombinationen aus Geld plus Herkunft“ deklassieren ihn in der Gegend von Washington in einem Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert. Da hat alles mehr Klasse als Peter.

No mercy sagen die Möbel. Uns besetzen nur die Besten.

Auch die atmenden Akteure bestehen auf ihre Vorsprünge. Jeder bewegt sich auf Messers Schneide. Das macht dir den Panthergang. Das geht nur in der besten Form deines Lebens.

Kerzengerade Performance

„Ich bin zu ihrer Rettung gekommen“, sagt die vorgebliche Anwältin Clementine Bouvet. Sie schwebt im Country Look ein. Peter bemerkt ihre „irre Figur, muskulös und stahlhart trainiert“. Sie untersteht einem Mann wie Samt und Seide – eine Schmidtchen Schleicher*-Persönlichkeit aus Singapur. Der Anzug, eine Sache vom Schneider, schätzt Peter, schmiegt sich wie ein Kaschmirschal an. Peter Wee bringt seinen Hintergrund ins Spiel: Oxford.

„Und Sie, Peter.“

Alles abgebrochen. Peter ist die Niete, in der ein Licht brennt. Das sieht manchmal so aus, als sei er illuminiert.

Yamamoto Vintage

Die Zitate ergeben eine Gleichung.

Das Wesentliche im Universum ist nicht das Organische, sondern die Information. Heiner Müller

Optimismus ist nur ein Mangel an Information. Heiner Müller

Information ist Information, weder Materie noch Energie. Norbert Wiener

Optimismus ist Feigheit*.  Oswald Spengler

*Siehe Stockdale-Paradox

In Tokio trägt Peter Siebert Yamamoto aus zweiter Hand. In der Yamamoto-Ära hätte er dazu Armani-Schuhe getragen. Er kultiviert die Gi-Perfektion, die nur Japaner richtig einschätzen können. Peter ist im Kakato-geri-Modus … gut aufgestellt zwischen Captain Sparrow und Cyber-Punk. Er gibt alles für Anne, die auf ihn wartet. 

Schöne Menschen zeigen sich voneinander begeistert. Dass Anne so sterblich ist wie du und ich, erschließt sich Peter nicht einfach so. Die Einsicht steigt wie eine fragile Rauchsäule aus einem verbotenen Tal.

Brain-Machine-Interface – „Die Technologie muss die Wirklichkeit überholen, um den Untergang abzuwenden“

„Komm, wir spielen Evolution.“

Wir pfuschen Gott ins Handwerk und kreieren den „Übermenschen“, indem wir Deckprozesse „mit einem wahnsinnig komplexen Feedbacksystem stimulieren“.

Natürlich trägt Peter nur deshalb so fett auf, weil er Anne beeindrucken will. Noch hat er von nichts eine Ahnung, ist alles nur Zukunftsmusik für den soeben von kortex engagierten Designer. Anne geht erst mal aufs Klo und gibt die Informationen weiter. Selbstverständlich steht das Paar unter Beobachtung*. Du hast überhaupt kein Standing, wenn dich nicht wenigstens zehn Leute pro Stunde ausspähen. Dann bist du eine Null. Es läuft gerade Space Circus von Chick Corea in der Anbahnungsbar.

*Observiert werden Anne und Peter von Clementine Bouvet, die sich als Anwältin ausgibt, in Wahrheit aber Consigliere des Paten von kortex ist. Die Abwehrspezialistin qualifiziert ein Harvard-M.A. in „Kriegssoziologie“, Ferner renommiert Bouvet mit „sechzehn bestätigten Tötungen als Marine, zwei davon im Nahkampf“.

Alard von Kittlitz‘ belebender Roman glänzt auf Seitenwegen. Ein narrativer Laubbläser saugt Randereignisse auf die Geisterbahn des Geschehens. Die Episoden ließen sich einfach isolieren und ergäben in einer anderen Komposition eine Kurzgeschichtensammlung. Besonders packend finde ich die Geschichte des Schwertgelehrten Yoshi Sasaki, den die Fama von einer mythischen Waffe aus seiner Klausur sprengt. Im allgemeinen Hinundher geht er sofort zugrunde. Manche Leute sind für den öffentlichen Verkehr ungeeignet.