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10.08.2020, Jamal Tuschick

„Es ging darum, die Henker kaltzumachen. Das war das Ziel des Aufstands.“ Stanislaw Kon

Eines Tages bemerkt Samuel „Kacap“ Willenberg Mäntel seiner Schwestern Tamara und Ita in einem Bündel, das soeben in Treblinka Angekommene auf Kapo-Geheiß fallenließen. Kacap, der im Oktober 1942 in Opatów festgenommen wurde, vorgeblich Maurer, tatsächlich Bildhauer, weiß nun, dass er allein in der Hölle ist.

Alles in ihm schreit nach Rache.  

Ich greife kurz vor:

Samuel Willenberg gelang es, verletzt zu entkommen. In Warschau ging er in den Untergrund und kämpfte in den Reihen der polnischen Armee weiter. Nach dem Krieg fahndete er nach jüdischen Kindern, die im Verborgenen überlebt hatten.

Fortan ist Willenberg blind für Fragen der persönlichen Sicherheit. Er sondiert Fluchtmöglichkeiten. Doch dann zieht ihn der Architekt des Aufstands beiseite und nimmt Kacap ins Gebet. Underground-Commander ist der Ingenieur Marceli Galewski. Er führt Kacap in den Kreis der Verschwörer ein. 

Galewski will das ganze Lager abfackeln. Er ist ein Mann der eisernen Faust, „besonnen und geduldig“. Die Deutschen vertrauen ihm so sehr, dass sie ihn zum Lagerältesten gemacht haben. 

„Er war der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Bewegung.“

Michał Wójcik spekuliert über die Frage, was den Handlungsimpuls auslöst. Warum ergeben sich die einen, während andere mobilisiert werden. Ob jemand in einer Krise vor Angst (wie) gelähmt ist, oder ob er eine Flexibilität gewinnt, die er bis dahin nicht für möglich halten durfte, kann, glaube ich, niemand vorhersagen. Kacap erweist sich als grandios einfallsreich im Kampf gegen die Vernichtungsagenten. Er holt einen Komödianten aus sich heraus, berauscht von einer Aussicht, die Galewski seinen Männern eröffnet:  

„Jungs, wir müssen Rache üben. Schlachtet sie alle ab … Bringt diese Mörder um.“    

Die Architektur des Aufstands

Im Herbst 1942 erreichen ungefähr 18000 böhmische und mährische Juden Treblinka. Im Sommer Dreiundvierzig sind nicht mehr viele am Leben. Die Abgesonderten „bilden … eine malerische Kolonie“.

Michał Wójcik exponiert den Hünen Honza Freund. Seine Statur ergötzt die auf körperliche Vorzüglichkeit abfahrenden Nazis. Einer seiner Gefährten in der Hölle heißt Samuel ‚Standa‘ Lichtblau. Der mit dem SS-Fuhrpark befasste Mechaniker verspricht den Kombattanten ein alle Parteitagspyromantik übersteigendes Feuerwerk. Standa beschwört schon mal den Zugriff der Flammen auf die Gebäude. Er erinnert an die schlichte Effizienz von Molotowcocktails.

Michał Wójcik, „Der Aufstand von Treblinka. Revolte im Vernichtungslager“, auf Deutsch von Paulina Schulz-Gruner, Piper, 410 Seiten, 24,-

Und da kommt Robert Altschul, ein angehender Mediziner, so lässig und geschmeidig als markiere er sein Frühstücksrevier auf der Prager Academia-Kaffeehausmeile. Altschul groovt als „Todgeweihter auf dem Weg in die Hölle“. Er bleibt distinguiert. Seine Klasse deklassiert die böse Blödigkeit der SS-Schläger. Ihm das Wasser reicht Rudolf Masarek, Dandy und Athlet. Wójcik findet ihn „blasiert“.

So seelisch schön diese Männer uns auch erscheinen mögen, mit Forken, Äxten und ein paar Litern Benzin allein lässt sich kein Aufstand bewerkstelligen. Für manchen „Sack voll Geld“ vergrößern die Verschwörer ihren Bestand abgetakelter Feuerwaffen. Die Bauern der Gegend besorgen die Konterbande. Bestochene ukrainische Wachleute transferieren sie. Zur Hebung der Moral eignen sich gute Nachrichten von fadenscheiniger Wahrscheinlichkeit. Angeblich sitzt der polnische Widerstand mit dem Kolben an der Backe und dem Finger am Abzug in den Büschen rings um Treblinka.   

Rache

Eingebetteter Medieninhalt

Der polnische Reichsbahnbedienstete Artur Pronicki gerät zufällig in die Hölle von Treblinka. Als kleinstes Licht in der Beamtenhierarchie ist es an ihm, eine auf dem Postweg ignorierte Mahnung der Bahn dem Lagerkommandanten Franz Stangl persönlich zuzustellen. Ich komme Ihnen jetzt nicht mit Dantes Höllenkreisen. Wir wissen alle, dass wir es nicht wissen. Die industrielle Menschenvernichtung dimensioniert jenseits der Begriffe. „Ein Haufen Kinderschühchen“ macht den größten Eindruck auf den Eisenbahner. Da sich die Opulenz des Grauens nicht in Worte fassen lässt, pointillisiert der Eisenbahner ein Detail. 

Treblinka liegt im Landkreis von Warschau nah einer Bahnstation in einem Stacheldrahtsaum. Man fährt auf der Kurt-Seidel-Straße ein. Unterschieden wird zwischen unterem und oberem Lager. In Treblinka I steht die Rampe vor einer Bahnstationsattrappe und unter dem Schild Treblinka-Obermajdan. Es gibt noch mehr Vortäuschungen eines halbwegs zivilen Standards, so wie die Aufschrift Zum Gutshof. Der ausgeschilderte Tierpark existiert tatsächlich mit Bürgersteigen und Blumenbeeten.

Der Tod dominiert die Atmosphäre – Seine Ausdünstungen „massakrieren die Sinne“

Wójcik gibt seinem Akteur Gelegenheit, das moribunde Panorama mit seinen grotesk-idyllischen Spitzenklöppeleien in sich aufzunehmen. Er begegnet Stangl, einem österreichischen Weber und Polizisten, der 1938 seinen privaten Anschluss vollzog. Der Kommandant präsentiert sich im „überwältigenden Gestank des Todes“ in einer schneeweißen, maßgeschneiderten Galauniform. Während er sich über den vor Bedeutungslosigkeit strotzenden Befehlsempfänger mokiert, laufen sich Alfred Galewski und das Untergrund-Actionteam im Gefolge von Julian Corążycki für einen Aufstand warm.

Diese Männer wollen Rache. Quelle

… „in die Entstehung einer Widerstandsgruppe mit dem Ziel der Rache an den Deutschen“ … Wikipedia weiß: „Der Aufstand von Treblinka fand am 2. August 1943 in dem Vernichtungslager statt. Er erfolgte nach monatelanger Planung, Häftlinge nannten ihn Aktion H. Im Verlauf des Aufstands kamen zahlreiche Häftlinge zu Tode. Es wurden zwar Gebäude beschädigt oder zerstört, die gemauerten Gaskammern jedoch nicht.

Es war der erste bewaffnete Aufstand in einem NS-Vernichtungslager.

Die führenden Mitglieder des Aufstands waren Arbeitshäftlinge mit zentralen Aufgaben im Vernichtungslager, die sich in einem Organisationskomitee organisiert hatten. Das ursprüngliche Komitee zur Vorbereitung des Aufstands bestand aus: Dr. Julian Chorążycki, einem ehemaligen Hauptmann der polnischen Armee; Ze'ew Korland, dem Kapo der als „Lazarett“ bezeichneten und getarnten Erschießungsstelle im Lager, Želomir „Želo“ Bloch, einem Leutnant der tschechoslowakischen Armee, Israel Sudowicz, einem Landwirt aus Warschau, und Władysław Salzberg, einem Schneider aus Kielce.“

Mord als Mission

Treblinka ist „die città ideale der SS“ – ein Architektur gewordener Albtraum der Funktionalität. Auf einer Fläche von zwanzig Hektar soll ein Mordgeschehen ohne Beispiel exemplarisch werden. Nur die Gaskammer ist gemauert. Der Rest lässt sich abschlagen wie eine Filmkulisse. Die Protagonisten des Todes loben sich für ihre Raffinesse. Sie sind Agenten einer radikalisierten Mitte. Ihren seelischen Kompass haben sie verloren. Nun irren sie durch die Labyrinthe des hohlen Scheins.

Natürlich ist es degoutant zu fragen, was macht Mord mit dem Mörder. Er hält ihn jedenfalls fest und sprengt ihn ab von der Menschheit. Vielleicht erzeugt er eine Art Delirium; eine nüchterne Trunkenheit; eine tremoloses Irresein. 

Auf der anderen Seite ist die Luzidität des Kampfes. Nicht allein darum geht es, Fluchtchancen herauszuschlagen. Unter gewissen Voraussetzungen ist Kampf eine Lebensform und die Aussicht darauf, ein Fest der Selbstachtung. Zumindest suggeriert das der Autor.

Das Zentrum der Verschwörungsaktivitäten sind die Latrinen. Alle fürchten Verräter. „Marceli Galewski hatte ein sehr gutes Gespür für Menschen. Er hatte keinen einzigen Fehler bei der Auswahl begangen; auch wenn es sehr leicht hätte passieren können. Denn es gab in Treblinka eine Gefahr, vor der alle Angst hatten: Lagerspitzel … Kanaillen, die den Deutschen alles meldeten … Galewski bevorzugte ehemalige Soldaten für seine Truppe. (Dies war) der Schlüssel zum Erfolg.“

Gemütlicher Ton/Familiärer Plural/Spitzfindigkeiten der Effizienz

Michał Wójciks narrative Annäherung an den Vernichtungslageralltag gleicht einem Film in Worten. Der Autor spielt mit den Chancen des Launischen. Mitunter schlägt er einen gemütlichen Ton an und aktiviert einen gleichsam familiären Plural. Wójcik wechselt die Perspektiven und blendet von der Introspektion auf bis zum Horizont des allwissenden Erzählers.   

„Weiterleben war für sich genommen schon ein Akt des Widerstands. In den Schrecken des Holocaust war es ein tagtägliches Bravourstück.“ Stephan Lehnstaedt

Wójcik modelliert ein aufschlussreiches Stück aus der Differenz zwischen der ordensritterlichen SS-Eleganz und dem Erscheinungselend der Gefangenen. Athletisch und alert treten die Schergen auf. Die ihnen Unterworfenen ducken sich unter den Blicken der Wachmannschaften. Wójcik zoomt auf den Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem; sofort sehen wir Hannah Arendt, von der aber gerade nicht die Rede ist. Es geht um baumeisterliche Spitzfindigkeiten der Effizienz. 

Solvente Selbstverteidigung  

Die Hauptmarke jeder Überlegenheit ist Mühelosigkeit. Sieht man, dass der Feind sich in irgendeiner Angelegenheit anstrengen muss, ergibt sich aus der Beobachtung eine unterminierende Feststellung. Nun weiß man: der Feind lässt sich schlagen. Technisch gesehen handelt es sich bei der sichtbaren Belastung um eine Lücke. Die Erscheinungsform spielt keine Rolle. Unter allen Varianten arbeitet Angst. Manche erkennen eine Lücke nur, wenn die Angst sichtbar wird. Bei einer Selektion am 11. September 1942 nimmt der argentinische Staatsbürger Meir Berliner den Schergen Max Biala an und verletzt ihn tödlich.

Wójcik schreibt: „Er genoss seine Rache.“

Zeugen der Widerstandsaktes erkennen den Heldengestus. Tatsächlich ist es nicht mehr als eine Geste. Doch lässt sich ihre Wirkung kaum übertreiben. Die solvente Selbstverteidigungsbereitschaft eines Einzelnen zerlegt das Gegnerkonzept. Die „Lagerroutine“ ist im Eimer. Das hat Berliner ganz allein hinbekommen.

Michał Wójcik ist Historiker, Journalist und Autor historischer Bücher. In Polen schrieb er mehrere Bestseller und wurde 2015 mit dem renommierten Geschichtspreis der Polityka ausgezeichnet. Sein neues Buch über den Aufstand in Treblinka wurde von der polnischen Newsweek zum „Buch des Jahres“ erkoren.