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22.08.2020, Jamal Tuschick

„Dünn wie eine Fliege, schwer wie ein Stein“

Da gibt es eine Geschichte, die Arthur gar nicht kennt. Sein Erzeuger, der Armeetaucher und Campingplatzwart Ramon, wandte sich einst von Arthurs spröder Mutter Marianne ab, um die Tankstellenkassiererin Jean zu freien; da er Jean so viel entgegenkommender fand als die eigenköpfige M.

Betreff: Birgit Birnbacher ist für den Deutschen Buchpreis nominiert

Der Zsolnay Verlag meldet: Birgit Birnbacher steht mit ihrem Roman Ich an meiner Seite auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020.

Birgit Birnbacher © Bogenhauser Autorenfotos

Mit dem Deutschen Buchpreis zeichnet die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels seit 2005 den deutschsprachigen Roman des Jahres aus. Der Preis ist mit insgesamt 37.500 Euro dotiert und gehört zu den renommiertesten Literaturauszeichnungen des deutschsprachigen Raums.
Weitere Informationen zum Deutschen Buchpreis 2020 finden Sie unter:
 
www.deutscher-buchpreis.de >
 

Im Strudel der Maßnahmen

„Arthur (Galleij) kennt niemanden, der eine Blutspur so konsequent übersehen kann wie der Therapeut … Konstantin Vogl“, genannt Börd. Der promovierte Bewährungshelfer ist aus dem Himmel von Academia gefallen und hart auf den Asphalt eines gesellschaftlichen Randbezirks geschlagen. Arthur rechnet Börd zu jenen Akteuren der Rechtspflege, die Delinquenz vor allem als Kontrollverlust interpretieren. In Therapien, die so nicht genannt werden dürfen, weil trotz des Titels Voraussetzungen fehlen, erarbeiten solche Rückfälligkeitsvereitler*innen nach dem Starring-Prinzip eine „Optimalversion“, die den Gefährdeten im Rehabilitierungsrausch auf den Klippen der Legalität halten sollen. Die Fama suggeriert einen Solotanz im Spiegelsaal des „ureigenen Selbst“.

Das ist wenigstens schön gedacht und dem wegen Internetverbrechen verurteilten Helden in Birnbachers neuem Roman nicht unlieb.

Birgit Birnbacher, „Ich an meiner Seite“, Roman, Zsolnay Verlag, 267 Seiten, 23,-

Arthur gerät in einen Strudel der Maßnahmen. Alles geschieht zu seinem Wohl: als sei er in Wahrheit ein Rekonvaleszent und nicht bloß ein entlassener Sträfling, der das Glück hat, nur eine Verurteilung zugeben zu müssen.   

Pressestimmen:
 
"Ein Buch, das hervorsticht." Insa Wilke, WDR 3

"Ein so menschlicher wie literarisch versierter Roman." Christoph Schröder, Süddeutsche Zeitung

"Illusionslos, klar und zutiefst empathisch." Sonja Hartl, Deutschlandfunk Kultur

"Birnbacher findet in ihrem Roman stets eine perfekte Sprache: schlank, ohne Pathos, ohne Beschönigung, aber auch ohne reißerische Dramatisierung." Bernhard Flieher, Salzburger Nachrichten

"Ein tragikomischer Spass, der seine Pirouetten immer so setzt, dass man auf dem falschen Fuss erwischt wird." Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung

"Birgit Birnbacher ist eine Künstlerin der literarischen Volte, und so überrascht sie bis zur letzten Seite." Carsten Otte, taz
 
 

Sechsstöckige Häuser im Vierkant

Arthur erinnert das Glück, nicht nur in der Eisenbahnersiedlung von Bischofshofen im Salzburger Land, sondern auch im andalusischen El Rocio „vierzig Kilometer außerhalb von Jerez de la Frontera“ aufgewachsen zu sein; gemeinsam mit Bruder Klaus; einem zuverlässigen Absolventen des Standardprogramms.

Klaus hält sich an das Erwartbare auch als rüde Pubertierender. Er erfüllt die Erwartungen jener, die Ansprüche anmelden.

Klaus funktioniert als Glied in der Generationenkette, während sich Arthur zum Ausscheren genötigt sieht.

Arthur ist seiner Andersartigkeit gegenüber machtlos.  

Birnbacher schaltet immer wieder zurück in den Vergangenheitsgang. Dann sieht der Leser einen Ausgangspunkt hier und eine flott-finale Drehung da. Plötzlich und unerwartet spielt Georg als Mariannes „Lebensabschnittspartner“ eine bedeutende Rolle im Familienensemble. Sein Wort gilt im freundlich übernommenen Wohnzimmer. Mit fremdenfeindlicher Energie treibt er die Familie nach Spanien. Er migriert nicht zuletzt wegen der bosnischen Türken auf dem „Abstandsgrün“ zwischen den Waschbetonbunkern.  

Marianne und Georg ziehen ein Sterbe-Resort auf. Arthur begegnet darin der unruheständigen Schauspielerin Grazetta. Sie ist gekommen, um zu gehen. Doch der Tod will von ihr noch lange nichts wissen. Grazetta übernimmt Aufgaben in Arthurs Leben.

Anpassung als Intervention

Der „Leise Arthur“ erzieht einen Kongenialen zum Freundfeind. Princeton, „manipulativ, aber nicht hinterfotzig“, erscheint brillanter, ist aber nicht rundum versichert gegen Arthurs forciert blassen Supersmooth Style.

„Dünn wie eine Fliege, schwer wie ein Stein“, ist Arthur in seiner ungeschmückten Selbstgewissheit. Milla, Tochter eines Pharmamoguls, komplettiert den Bund. Gemeinsam fahren sie aufs Meer hinaus. Die Ereignisse überschlagen sich.

Birgit Birnbacher, geboren 1985, lebt als Soziologin und Autorin in Salzburg. 2016 erschien ihr Debütroman "Wir ohne Wal", sie wurde u. a. mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto Stiftung, dem Rauriser Förderungspreis und dem Theodor Körner Förderpreis ausgezeichnet. 2019 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis.