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22.08.2020, Jamal Tuschick

Mutwillige Vereinfachung

Als Gerichtspsychologin begegnet Mania in Moabit einem eingefleischten Mörder so, dass es ihm so vorkommt, als böte sie ihm die Kehle dar ...

Die Bibel erwähnt einen Schildträger, der Goliath voran und zur Hand ging. Wer gibt uns Aufschluss über sein Schicksal? Wenigstens wissen wir, was dem Koloss der Philister widerfuhr. David traf ihn da mit seinen Steinen, wo der Stärkste aller Feinde Israels nicht gepanzert war. Als Kind hört Mania keine Geschichte lieber als diese. Sie besteht darauf, sich die Moral bei jeder Gelegenheit vor Augen zu führen:

„Der Riese war zusammengebrochen, weil David ihn dort getroffen hatte, wo Goliat verletzlich war.“   

Die Legende berichtet von einem Eintritt mit Aplomb; dem Eintritt des Unwahrscheinlichen in die Realität. Jedenfalls gehört die Behauptung zum Schmuck der Geschichte. In Wahrheit geschieht es so selten nicht, dass Ereignisse gegen die Laufrichtung der Erwartungen eintreffen und die Wahrscheinlichkeit als Schwester des gesunden Menschenverstandes düpiert wird. 

„Ich glaub‘ schon, dass, wenn man eine Funktion für Kunst (also auch der Kampfkunst) sucht, dann ist es die Verzögerung oder sogar die Störung und auf die Dauer die Liquidierung dieser totalen Besetzung mit Gegenwart.“ Heiner Müller

Jahre später begegnet Mania als Gerichtspsychologin in Moabit einem eingefleischten Mörder so, dass es ihm so vorkommt, als böte sie ihm die Kehle dar, ohne (in den Registern der Metafunktionen) mit Verschonung zu rechnen. Das Erstaunliche ist, Mania kennt eine Technik gegen den von allen Beißhemmungen Befreiten. Sie macht sich leer und erreicht so leer Roland K. auf einem Hochplateau des Nichts im Eiswind koinzidierender Bewusstlosigkeit. Indem sie sich mit ihm auf eine Stufe stellt, zwingt sie Roland dazu, von seiner Disposition abzusehen. Er kehrt zu seiner Rolle als wandelbarer Sträfling zurück.  

Kaśka Bryla, „Roter Affe“, Roman, Residenz Verlag, 227 Seiten, 22,-

Mania hat Roland Absichten voraus, die ihm nicht im Traum einfallen. Der Killer trifft die Killerin, aber nur ihn markiert die Delinquenz. Sie spielt sich so frei wie erfunden auf als eine der Menschenfreundlichkeit verpflichtete Therapeutin.   

Mutwillige Vereinfachung ist ein Mittel gegen die Subversion, die in der Suggestion liegt. Ständig verwahrt sich Mania gegen die Idee der Ausweglosigkeit in ihren Labyrinthen. Die österreichische Tochter polnischer Migranten engagiert sich auf dem Feld prekärer Migration. Sie vertritt die No-Border-Fraktion aktivistisch mit dem Repertoire der gleichermaßen intuitiven wie geschulten Kriegerin. Ihr Gong-fu kann sich sehen lassen. Wenn es sein muss, parkt sie ihre Angst in einem inneren Panikraum.  

Mania kann sich aufpowern bis zum Gehtnichtmehr

Einmal verwandelt sich vor Manias Augen ein schrullig gemasertes Stück Holz in den Titelhelden. Der Rote Affe ist eher kurzangebunden. Wenn ich das richtig lese, lässt er Mania einfach stehen.

„Die Eltern sollten indessen aufpassen und das Kleingedruckte der Astrologie-Handbücher lesen. Die Tierkreiszeichen sind jeweils mit Elementen gepaart. Das kommende Jahr wird demnach ein „Jahr des Feuer-Affen“. Genau genommen ist es sogar ein Rotes Jahr des Feuer-Affen. Das Element Feuer macht den Affen besonders leidenschaftlich und energiegeladen.“ Aus der Frankfurter Rundschau

Gemeinsam mit ihrer konspirativ & investigativ versierten Freundin Ruth, dem Syrer Zahit und dem Labrador Sue macht sie sich auf die Suche nach dem mysteriös abgängigen Kindheitsfreund Tomek. Sie bereist ihre Vergangenheit mit einigen Leichen im Keller. Offenbar gehört Mania zu einem Zirkel selbstermächtig agierender, tribalistisch organisierter Tribunalist*innen, die ihre eigenen Urteile fällen und vollstrecken.

Ja, Mania ist eine Vollstreckerin

Sie verkörpert die Gegenkraft zu der unheimlichen Empathie der Sadisten vom Schlage eines Roland. Mit ihren Touren kommt Mania zwar durch die Korridore des Rechtsstaats, doch vor den inneren Instanzen hält die Kaltblütigkeit an.

Kaśka Bryla © C. Krahl

Kaśka Bryla - In Wien geboren, zwischen Wien und Warschau aufgewachsen. Studium der Volkswirtschaft in Wien, Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie 2015 die Literaturzeitschrift und das Autor_innennetzwerk PS-Politisch Schreiben mitbegründete. Sie war Redakteurin des Monatsmagazins an.schläge, erhielt 2013 das STARTStipendium, 2018 den Exil Preis für Prosa. Seit 2016 gibt sie Kurse zu Kreativem Schreiben in Gefängnissen und für Menschen mit Migrationshintergrund. 2019 inszenierte sie in Leipzig die Reihe Szenogramme. „Roter Affe“ (2020) ist erster Roman. www.kaskabryla.com