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23.08.2020, Jamal Tuschick

Nostalgisches Panorama

In Hülkendonck gibt es keine Zugezogenen. Im Ort herrschen die Herkunftsregalien niederrheinischer Bauerndynastien. Das Ancien Régime konstituiert sich als katholischer Kirchenvorstand. Alle anderen sind ausgeschlossen. Die Kirche (a)giert mit der grandiosen Geste der kapitalsten Großgrundbesitzerin weit und breit. Sie verkauft dem Bund Land für ein fabelhaftes Zukunftsding. Der Schnelle Brüter von Kalkar ging als Millionengrab in die Geschichte der Bundesrepublik ein. Zwischen Schilda und gesellschaftlichem Aufbruch vollzog sich der Wandel im Stillstand der bleiernen Zeit. Daran erinnert Christoph Peters in seinem neuen Roman, in dem die Insignien einer verlorenen Zeit malerisch-museal zur Schau gestellt werden. Ja, Peters hat einen Heimatroman geschrieben, der keinen Aspekt der Leitkultur in Frage stellt. Max Czollek, dessen Streitschrift Gegenwartsbewältigung* ich gerade außerdem lese, liefert einen Gegentext. Bringt man die Titel zusammen, erkennt man, wie sich Peters Reigen der Selbstverständlichkeiten im Gegenlicht der Czollek'schen Analyse ausnimmt: nämlich als Verzicht auf eine Vergangenheitsbewältigung, die ihren Namen verdient. Vielmehr bleibt das Personal unter sich und gießt den Ausschlussbeton für die Bollwerke gegen die Kohorten der Diversität schon mal in kleine Formen. 

Christoph Peters, „Dorfroman“, Roman, Luchterhand, 410 Seiten, 22,-

Max Czollek, „Gegenwartsbewältigung“, Streitschrift, Hanser, 20,-

Czollek bezeichnet „die Kultur als Komplizin der Politik“. In dieser Lesart kann man keine unpolitischen Romane schreiben. Patrick Wagner in der taz: „Halle, Hanau, NSU und Nazis im KSK. Max Czollek hat genug von politischen Kampfbegriffen wie „Heimat“ oder „Leitkultur“. Deshalb begnügt sich der Autor, Publizist und Politologe nicht mehr damit, die Debatte darüber, wer zu Deutschland gehört, zu kritisieren. Er möchte die Idee einer Gesellschaft, in die man hineingeboren werden muss, um sie mitprägen zu dürfen, am Boden liegen sehen - vom Ringrichter unter tobenden Jubelschreien angezählt.“

*„Gegenwartsbewältigung“ - Der Titel reklamiert eine gescheiterte Vergangenheitsbewältigung. Selbstverständlich ist die Gegenwartsbewältigung das Negativ dieser Verbindung. Da die Deutschen auf die Wahrheit nicht angewiesen sind, um „ein positives ... Selbstverständnis zu bilden“, wie Max Czollek 2018 in „Desintegriert euch“ gezeigt hat, leidet jeder weitere Bedeutungssattel an dem ursprünglichen Fehler. Folglich gilt, dass jeder neue Anlauf einer Bewältigung dem Scheitern Beispiele liefert.

Der Melkzylinder in der Kuhscheiße

Der Einbruch des städtischen Protests in die Landwirtschaft - Eine Widerstandsformation wie aus dem Bilderbuch des zivilen Ungehorsams - Gemeinfrei

Das Hülkendoncker Wir

„In der Erinnerung blühen die Bilder mit der Macht ihrer Abwesenheit.“ Heiner Müller

Die Romane junger Autor*innen sind voller Gruppengewissheiten, die mich apokalyptisch streifen. Ich lese sie mit einem geliehenen Interesse und halte ihre Gegenstände mit einer Mischung aus Idiosynkrasie und Routine auf Abstand. Einen Roman von Christoph Peters kann ich einfach bei mir ankommen lassen. Ich lese Peters, so wie ich einst in Eilzügen zwischen kleinen Städten pendelte, beruhigt vom Betrieb auf den Provinzbahnhöfen. 

Vor beinah vierzig Jahren zeigte mir ein Karlsruher Kunstprofessor das Manuskript eines seiner Meisterschüler und fragte, was ich davon hielte.

Ein schreibender Kunststudent, das war die erste Marke. Ich habe keine Idee mehr von der Geschichte, wohl aber eine katholische Erinnerung; so etwas wie ein weit in die Vergangenheit führendes Schokoladengeschmacks- und Schubladengeruchsempfinden. Da war jemand in einem größeren Ernst, als ich es gewohnt war, zurückgeblieben; eingeschlagen in einen Schatullenschutz aus Samt. Das eskapistische Bild schuf meine erste Verbindung zu Peters. Nun liegt sein neues Buch neben Heiner Müllers „Der amerikanische Leviathan“. HM erzählt, wie er Robert Rauschenberg in Amerika neu zu begreifen beginnt. In New York bemerkt er den Naturalisten. In Texas sieht er etwas anderes. In der Summe erkennt HM, dass Rauschenbergs Kunst „ornamental“ ist. 

Amerika diktiert HM eine gültige Auffassung. Sie kommt zustande, weil HM Privilegien nutzt. Irgendwo erklärt er, Talent sei ein Privileg. Dafür müsse man bezahlen. Die Behauptung soll übersetzt werden. Die Übersetzer finden keine kritische Dimension in der Begriff Privileg. HM erklärt die amerikanische Perspektive auf Privilegien mit dem Puritanismus. Der Puritanismus entspricht einer klassenübergreifenden Prägung. Leute, die historisch nichts damit zu tun haben, wie die Nachkommen der Verschleppten und Versklavten, begreifen Privilegien nicht anders als die WASP, obwohl sie diese Übernahme in einen gewaltigen Nachteil setzt. Der Nachteil funktioniert als Treiber in der Kunst und deren Nachbarschaft, wo „die Substanz im Design“ versickert. Der Nachteil bewirkt Erfahrung. Darum dreht sich viel bei HM: Im weißen Westen gibt es keine Erfahrung. Die Erfahrung ist ein Privileg der Unterprivilegierten. HM baut das aus.

24. Spieltag/Der Fernseher im Freien als halben Mondflug

Im Gegenlicht der HM-Lektüre wird sofort augenfällig, wie Peters vorgeht. Der Autor setzt seinen Erzähler auf eine inferiore Position, so dass der Held Erfahrungen sammeln kann. Der Dorfromanerzähler wurde von einem Mercedesfahrer gezeugt, dessen Frau den Bundeskanzler verächtlich Whisky-Willy nennt. Peters hütet sich vor den „regressiven Utopien“ (Gershom Scholem) der Heimaterzählung. Er erinnert an das Klassenbewusstsein von 1970. Bayern München verkörpert in der Gegenwart von „Mehr Demokratie wagen“ (Willy Brandt) das Establishment und die Arroganz der Macht. Ein Gespenst geht um, es heißt Baader-Meinhof. Der Familienfuturismus erschöpft sich darin, beim Grillen auf der Terrasse fernzusehen (der Fernseher im Freien als halben Mondflug). Der Text gleicht einer Melodie, die ich mitsummen kann. Im nächsten Augenblick fokussiert der Erzähler Szenen aus dem Jetzt des 2. Jahrzehnts im 21. Jahrhundert. Besuch bei den greisen Eltern. Der Autor liefert Hinweise, die eine Datierung auf den Tag und die Stunde gestatten. Es steht fünf zu null in einer Partie Bayern gegen Mönchengladbach. Ich gucke nach. Ein Tor fällt noch in der Begegnung vom 02.03.2019.  

Schauplatz des Auftriebs ist ein Dorf am Niederrhein. In Hülkendonck bleiben die Leute seit Generationen unter sich. Mit Kundentreue erhalten sie sich ihre Infrastruktur. Der Kirchenvorstand bildet die örtliche Regierung. Er setzt sich aus Großbauern zusammen. Als Evangelischer ist man außen vor. Es gab nur zwei konfessionelle Mischehen im Dorf und die gingen nicht gut.

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In Hülkendonck gibt es keine Zugezogenen. Da herrschen die Herkunftsregalien niederrheinischer Bauerndynastien. © Jamal Texas Tuschick

Aus der Ankündigung: Alles scheint noch vertraut in Hülkendonck, als wären die dreißig Jahre, in denen der Erzähler hier nicht mehr lebt, nie gewesen. Sein Besuch bei den Eltern beschwört die Vergangenheit wieder herauf: die idyllische Weltfremdheit der 70er Jahre, den Beginn einer industriellen Landwirtschaft, die das bäuerliche Milieu verdrängt. Und den geplanten Bau des "Schnellen Brüters", eines neuartigen Atomkraftwerks, das die Menschen im Ort genauso tief spaltet wie im ganzen Land. Es ist jene Zeit, in der der Erzähler zu ahnen beginnt, dass das Leben seiner Eltern nicht das einzig mögliche ist – und in der er Juliane kennenlernt, eine Anti-Atomkraft-Aktivistin, die ihn in die linke Gegenkultur einführt …

Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher mehrfach ausgezeichnet, unlängst z. B. mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg (2016) und dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018). Christoph Peters lebt heute in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm bei Luchterhand der Erzählungsband "Selfie mit Sheikh" (2017) sowie der Roman "Das Jahr der Katze" (2018).