MenuMENU

zurück zu Main Labor

23.08.2020, Jamal Tuschick

Melisa Erkurt - Ihre Mutter floh mit dem Baby aus dem Bosnienkrieg* nach Österreich, während Europa sich Massenmorde auf den eigenen Obstwiesen und Rebenhängen gefallen ließ. Bis heute weiß man auch deshalb so schlecht Bescheid über diese Verfehlungen zivilisatorischer Standards, weil sie nebenan stattfanden. Das Grauen gemeinsam mit dem Fernseher ausschalten zu können, bot sich als persönliche Rettung für Jedermann an.

„Der Skandal des Holocaust besteht darin, dass er in Europa stattfand.“ Heiner Müller 

*„Als Bosnienkrieg wird der Krieg in Bosnien und Herzegowina von 1992 bis 1995 im Rahmen der Jugoslawienkriege bezeichnet.“ Wikipedia

Pandemiebedingte Schulschließungen zeigen, dass es in Notsituationen besonders jene trifft, die ohnehin kaum eine Chance haben: die „Bildungsverlierer“, die „Problemkinder“. Über sie wird viel gesprochen, aber richtig zugehört wird ihnen zu wenig. Den Blick für die systematische Benachteiligung vieler Kinder zu schärfen und so die Möglichkeit für positive Veränderungen zu schaffen: darum geht es Melisa Erkurt in „Generation haram. Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben“. Die Autorin liefert

Informationen aus dem Basislager der Gesellschaft

Melisa Erkurt (c) Vedran Pilipovic

Aus der Ankündigung

Generation haram. Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben.

Jetzt sind die Verlierer dran mit Reden!     

Melisa Erkurt ist als Kind mit ihren Eltern aus Bosnien nach Österreich gekommen. Sie hat studiert. Sie arbeitet als Lehrerin und Journalistin. Sie hat es geschafft. Doch sie ist eine Ausnahme. Denn am Ende eines Schuljahres entlässt sie die Klasse mit dem Wissen, dass die meisten ihrer Schülerinnen und Schüler nie ausreichend gut Deutsch sprechen werden, um ihr vorgezeichnetes Schicksal zu durchbrechen. Hier wächst eine Generation ohne Sprache und Selbstwert heran, der keiner zuhört, weil sie sich nicht artikulieren kann. Über den „Kulturkampf“ im Klassenzimmer befinden einstweilen andere. Melisa Erkurt leiht ihre Stimme den Verlierern des Bildungssystems. Nicht sie müssen sich ändern, sondern das System Schule muss neue Wege gehen.

Melisa Erkurt, geboren 1991 in Sarajevo, war Redakteurin beim Magazin biber und zwei Jahre mit dem biber Schulprojekt „Newcomer“ an Wiener Brennpunktschulen unterwegs. Erkurt unterrichtete an einer Wiener AHS und ist seit September 2019 Redakteurin beim Report (Innenpolitik) im ORF. Sie schreibt eine wöchentliche Kolumne im Falter und ihre Kolumne in der taz heißt „Nachsitzen“.

Melisa Erkurt im Gespräch mit Bettina Wörgötter

Warum schreiben Sie über Bildung und Schule, Frau Erkurt?

Weil es kein Thema gibt, für das ich mehr brenne, kein Thema, von dem so viele andere wichtige Themen abhängen. Bisher haben sich im deutschsprachigen Raum oft die immer gleichen Expertinnen und Experten zu Bildungsthemen geäußert, die alle einen ähnlichen Background haben. Die, um die es in den letzten Jahren aber immer geht, wenn wir von Bildung und Schule sprechen, sind die sogenannten „Problemschüler“, die Schülerinnen und Schüler aus sozioökonomisch schwachen Familien, die meist eine Migrationsbiografie haben, verhältnismäßig oft muslimischen Background. Über die schreibt man zwar, aber die schreiben selbst keine Bücher. Ich habe eben diesen sozialen und kulturellen Background und habe als Schülerin, aber auch später als Schulprojektleiterin, Lehrerin und Journalistin das Bildungsthema aus verschiedenen Blickwinkeln erfahren. Ich finde, jetzt sind wir mal dran.

Sie haben an einer sogenannten Brennpunktschule unterrichtet. Was haben Sie dort gelernt?
Dass eigentlich spätestens in der Volksschule klar ist, dass Kinder aus unteren sozialen Schichten, Kinder mit Migrationshintergrund in diesem Bildungssystem unmöglich den Bildungsaufstieg schaffen können. Und das weiß jeder, der im Bildungsbereich tätig ist – auch die Politik, die das stillschweigend hinnimmt. Mit diesen jungen Menschen kann man es ja machen, sie haben weder das Selbstbewusstsein, noch die einflussreichen Eltern oder die nötige Sprache, um diese Missstände zu artikulieren. Also wächst da Jahr für Jahr eine Generation heran, die nie wirklich eine andere Chance hat, als zu scheitern.

Ohne Deutschkenntnisse keine Integration, keine Einbürgerung, keine Berufschancen. Sind es tatsächlich die Deutschkenntnisse, auf die es ankommt?
In diesem System, so wie es aktuell ist – ja. Denn ohne Deutschkenntnisse kann man die Ungerechtigkeit, die einem widerfährt, nicht benennen, sein Schicksal nicht selbst durchbrechen. Bildung wird nach wie vor vererbt. Nur einige wenige schaffen es, die nötige Anstrengung aufzubringen, um dieses Erbe anzufechten, und dafür braucht es Deutschkenntnisse.

Wer sich anstrengt und hervorragende Leistungen erbringt, schafft es in Deutschland, in der Schweiz, in Österreich auch als Migrantin oder Migrant. Was ist falsch an diesem Satz?
Die Frage ist, was schaffen diese Menschen? Sie schaffen es vielleicht, nicht wie ihre Eltern putzen zu müssen oder am Bau zu arbeiten, aber sie schaffen es nicht, dasselbe Leben führen zu können, wie Menschen ohne Migrationshintergrund. Die Diskriminierung wird nicht weniger, je höher man die Karriereleiter hinaufklettert, sie wird nur subtiler. Ich weiß auch, dass ich niemals Bundeskanzlerin werden kann. Dass ich wahrscheinlich auch niemals die wichtigste Nachrichtensendung moderieren werde, einfach weil die wichtigen Positionen im Land noch immer für Menschen ohne Migrationshintergrund reserviert sind. Der Migrationshintergrund macht dich angreifbar, er ist ein Risiko, das niemand für uns Migrantinnen und Migranten eingehen möchte, weil es niemanden von uns „da oben“ gibt. Einige wenige von uns dürfen, wenn sie Glück haben, in die zweite Reihe. Was aber, wenn mir das nicht reicht?

Sie sind in den 1990er Jahren auf der Flucht vor dem Krieg in Bosnien nach Österreich gekommen. Was hat sich für Immigrantinnen und Immigranten seither verändert?
In vielen Bereichen erschreckend wenig, in manchen ist es schlimmer geworden, was sich auch daran zeigt, dass einige Gruppen von Migrantinnen und Migranten, auch die ganz jungen, konservativer werden. Auf der anderen Seite ist die Generation von gut ausgebildeten Migrantinnen und Migranten selbstbewusster und fängt langsam an, die Forderung nach Chancengleichheit zu artikulieren. Die Frage ist, hat sich Österreich verändert und ist bereit für einen Dialog auf Augenhöhe?