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29.08.2020, Jamal Tuschick

Die Welt läuft aus dem Ruder/ und das Gedicht läuft mit. Max Czollek

Er ist Chefingenieur einer jüdisch-muslimisch-feministisch-queeren Leitkultur und einer von jenen, die der Mehrheitsgesellschaft die Marginalisierungswerkzeuge ganz einfach aus der Hand nehmen wollen. Eine Minderheit formiert sich zum intellektuellen Keil und stößt vor, um Deutschland das Desaster einer faschistischen Renaissance zu ersparen. Max Czollek spricht den Feind direkt an. Seine Freund*innen aka Kompliz*innen sind queer und muslimisch oder sonst wie minor. Sie können meine Kompliz*innen angreifen, sagt Czollek, aber rechnen Sie damit, dass wir uns wehren.

Das Credo lautet: Wir gehen nicht weg und wir legen auch keine trails of tears. Anders gesagt: Die Kunst ist politisch und agitierend. Sie ist geladen. 

Das ausschlussbasierte Wir

„Werkzeug wird der Feind uns liefern, bis er verschwunden ist.“ Heiner Müller

Max Czollek, Necati Öziri auf der Textland Tagung 2018 © Jamal Texas Tuschick

Max Czollek bezeichnet „die Kultur als Komplizin der Politik“. In dieser Lesart kann man keine unpolitischen Romane schreiben. Patrick Wagner in der taz: „Halle, Hanau, NSU und Nazis im KSK. Max Czollek hat genug von politischen Kampfbegriffen wie „Heimat“ oder „Leitkultur“. Deshalb begnügt sich der Autor, Publizist und Politologe nicht mehr damit, die Debatte darüber, wer zu Deutschland gehört, zu kritisieren. Er möchte die Idee einer Gesellschaft, in die man hineingeboren werden muss, um sie mitprägen zu dürfen, am Boden liegen sehen - vom Ringrichter unter tobenden Jubelschreien angezählt.“

„Gegenwartsbewältigung“ - Der Titel reklamiert eine gescheiterte Vergangenheitsbewältigung. Selbstverständlich ist die Gegenwartsbewältigung das Negativ dieser Verbindung. Da die Deutschen auf die Wahrheit nicht angewiesen sind, um „ein positives ... Selbstverständnis zu bilden“, wie Max Czollek 2018 in „Desintegriert euch“ gezeigt hat, leidet jeder weitere Bedeutungssattel an dem ursprünglichen Fehler. Folglich gilt, dass jeder neue Anlauf einer Bewältigung dem Scheitern Beispiele liefert.

Max Czollek, „Gegenwartsbewältigung“, Streitschrift, Hanser, 20,-

Czollek verweist früh im Text auf „unauslotbare Triebe“ (Umberto Eco), die Ideologien zwar Feuer geben, sie aber auch überleben. In den Transformationen ergeben sich Merkwürdigkeiten. Heiner Müller bringt sie auf den Punkt, sich auf Brecht stützend: „Blitzkrieg, das ist gebündelte linke Energie.“

„Als Hitler der Treibstoff ausging begann der Golfkrieg.“ HM ohne Komma

Czollek beginnt seinen Erkundungen im Gelände der Unversöhnlichkeit mit einer Sonderform der Neujahrsansprache. Angela Merkel wandte sich erstmals außer der Reihe ihrer pathosfrei-protestantischen Performance im März 2020 an die Bürger*innen und erklärte: „Es ist ernst. Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.“ 

Sobald Panik aufkam, wurden die Grenzen geschlossen und die berühmte europäische Freizügigkeit kassiert. Im Zuge der Erforschung des europäischen Pandemie-Konsenses hätten manche Ratsherren gerne Länder mit mediterranen Grenzen nach dem Schema für den globalen Süden deklassiert.

Czollek zieht eine Linie von Merkels Solidaritätsbeschwörung zu einer Balkonsuada von Wilhelm II.: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.“

Das wirkt auf den ersten Blick weit hergeholt. Merkels anti-heroischer, anti-bellizistischer, anti-martialischer März-Appell geht im kaiserlichen Hochmut nicht auf. Aber darum geht es auch nicht. Es geht um das Postulat einer überparteilichen Formation, die, hier bezieht sich Czollek auf Carolin Emcke, („Corona … als Kontrastmittel“) viele ausschließt, gerade indem sie an den Gemeinsinn appelliert; so als erzeuge die Pandemie auf die triftigste Weise das denkbar allgemeinste Wir.

Czollek zitiert einen CDU-Politiker, der die deutsche Leitkultur als Bollwerk gegen den Antisemitismus hochhält und so das ewige Projekt der Täter-Opfer-Umkehr fortschreibt. Das muss man erstmal hinbekommen: dieses ausgeruhte Gewissen und die schnelle Bereitschaft, das Fatale stets außerhalb des eigenen Dunstkreises zu lokalisieren.

Czollek hält dem ausschlussbasierten Wir ein „riesiges Archiv widerständiger künstlerischer Perspektiven entgegen“. Er plädiert für die Kultivierung der Übergänge zwischen Kunst, Politik und Aktivismus; so dass sich Verständnis für die Entscheidung jener Studierenden an der Alice Salomon Hochschule einstellt, die Eugen Gomringers lyrischen Fassadenschmuck für überholt hielten.

„Und die Mehrheit entschied, es sei Zeit für ein neues Gedicht.“

Max Czollek 2019 im Hebbel am Ufer © Jamal Texas Tuschick

Desintegrative Eskalation

In seiner Polemik „Desintegriert euch!“ beschreibt Max Czollek Schleichwege der „Eingemeindung jüdischer Positionen in den deutschen Entlastungsdiskurs“. Jamal Tuschick stellt das Buch vor.

Bei jeder Betrachtung Westdeutschlands als scheinselbständige Wiederaufbaugesellschaft erscheint nichts deutlicher als die Verdrängung der Schuld. Die Hauptaufgabe aller Gestalter bestand in Hinterzimmer- und Herrenrundenumdeutungen des faschistischen Deutschlands und seiner Niederlage. Die Niederlage wog viel schwerer als der Holocaust. Im Dritten Reich war die Geschichte verunglückt. Bei Bedarf war Hitler gar kein Deutscher. Zugleich war unter dem Österreicher nicht alles schlecht gewesen. Ein nahezu antinomisches Unterfangen wurde zum Erfolg geführt. Die Kontinuität deutscher Geschichte blieb für zukünftige (wieder souveräne) Generationen gewahrt, unter einer Patina der Ein- und Zugeständnisse – dem hochmütig-hohlen Verlierersprech des Premiummenschen. Die rechten Ränder von CDU und CSU boten völkischem Einvernehmen genug Lebensraum. In der Gesellschaft von Franz Josef Strauß konnte sich ein Trotzpatriot auf der Höhe der Zeit und im Einklang mit den herrschenden Kräften fühlen. Zum Konsens gehörte die bürgerliche und kleinbürgerliche Rahmung des nationalsozialistischen Volksgenossen. Nach Fünfundvierzig wehten die Reichskriegsflaggen über den Kolonien der Schrebergärtner. Das völkische Denken hörte (als braungrünes Gemisch) nie auf selbstverständlich zu sein. Die Erhaltung des nationalistischen Grundstocks fand weiterhin als vaterländische Pflicht Anerkennung. Verrat beging und Söldner war, wer in den Sechzigerjahren als deutscher Athlet besserer Verdienstmöglichkeiten wegen nach Italien ging.


Max Czollek, geboren 1987 in Berlin, versteht sich und seine Freund*innen als „Teil dieses Landes, auch wenn wir uns mit dem neuen deutschen Nationalstolz nicht identifizieren … wir sind Teil dieses Landes, das jenseits allen Leitkultur- und Integrationsgelabers existiert. Was bedeutet, dass wir die Rolle nicht annehmen, die uns bei der Inszenierung der deutschen Normalität zugedacht wurde“.

Während seine Eltern „im Nichts wurzelten“, wurde die Entwicklung des Nachgeborenen von jüdischen Institutionen begleitet. Da wuchs mit ihm das „Wir“ heran, dominiert von postsowjetischen Einwanderern, die gelegentlich mit Russlanddeutschen verwechselt wurden. Da liegt noch Romangold. Czollek rechnet sich zu den Inglourious Poets, die „Rache als Selbstermächtigung“ üben und wenigstens davon träumen:

„Schon als ich ein kleines Kind war, hatte ich Gewaltphantasien. Ich lag im Bett und stellte mir vor, wie ich Nazis die Arme abschlug.“

Max wollte zurückschlagen. Czollek erkennt einen Zusammenhang zwischen dem Fußballpatriotismus im Sommer der Weltmeisterschaft 2006 im Sinne eines kollektiven Befreiungsschlags – und einer Enthemmung, die von vielen als „Normalisierung“ wahrgenommene wurde. Die Normalisierung (Enthemmung) gipfelte im Einzug der AfD in den Bundestag 2017.

Die Koordinaten einer „negativen Symbiose“ (Dan Diner) bestimmen Leute, die auf Achtundsechzig so abweisend reagieren wie ihre Eltern auf den Holocaust reagiert haben. Vermutlich brauchen sie das „deutsche Gedächtnistheater“ (Y. Michal Bodemann) nicht, in dem sich ältere und anders gestrickte nichtjüdische Deutsche nicht nur exkulpieren, sondern, so Czollek, kulturelle Exploitation & Appropriation mit pornografischen Einschlüssen betreiben. Der Autor schützt sich selbst vor „Repräsentationsfracking“, indem er „vom Kapital der Minderheiten“ nichts herausrückt und deshalb auch keine biografischen Geständnisse macht. Eine Armee aus Absaugern wartet nämlich nur darauf, dass so ein Berliner die Tür aufmacht, um ihn als Pfannkuchen auf den Markt zu werfen.

Czollek beschreibt Schleichwege der „Eingemeindung jüdischer Positionen in den deutschen Entlastungsdiskurs“. Er zeigt, dass ein ausgezeichnetes Gedicht von Nora Gomringer den „Rahmen primärer (Holocaust-) Assoziationen“ nicht sprengt und in seinen konventionellen Bindungen grauenhaft ist. Wenn nicht sogar eklig.

Und es war ein Tag
Und der Tag neigte sich
Und es war Stehen und es war Warten

Und es war Weinen …
Und es waren Waggons …

Und es war ein seltsamer Name
Au-schw-itz

Er erkennt „die banale Abfolge gesellschaftlich etablierter Bilder“, wo immer sie sich im Integrations- und Gedächtnistheater zeigt und „die innere Vielstimmigkeit der Minderheiten“ planiert. Er kommt dahin, wo auch Doron Rabinovici an der Belastbarkeit der zurzeit beschworenen These von einer „christlich-jüdischen“ Synthese zweifelt. Rabinovici glaubt übrigens, dass die Bedingungen der Judenvernichtung in den deutschen und österreichischen Herrschaftsstrukturen unter Verschlusskappen intakt sind.

Der alte Judenhass wird im plötzlich „jüdisch-christlichen Abendland“ gegen „den Islam in Stellung gebracht“, sagt Rabinovici. Czollek sagt nichts anderes. Wer Muslime ausschließt, läuft sich für den Ausschluss der Juden schon einmal warm.

Max Czollek, Desintegriert euch!, Hanser, 208 Seiten

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Aus der Ankündigung: In Zeiten der Krise leiden Gesellschaft und Vielfalt. Für Max Czollek bieten staatstragende Konzepte wie „Leitkultur“ oder „Integration“ darauf keinerlei Antwort. Seit 2018 wird viel diskutiert über Max Czolleks Streitschrift „Desintegriert euch!“. Beschrieb sie den Status quo des deutschen Selbstverständnisses, entwirft Czollek nun das Modell für eine veränderte Gegenwart: Wie muss sich die Gesellschaft wandeln, damit Menschen gleichermaßen Solidarität erfahren? Welche liebgewonnenen Überzeugungen müssen wir alle dafür aufgeben? Wie kann in einer fragmentierten Welt die gemeinsame Verteidigung der pluralen Demokratie gelingen? Max Czollek trifft ins Herz des Jahres 2020 – diese Polemik ist sein Schrittmacher.

Max Czollek wurde 1987 in Berlin geboren. Er ist Mitglied des Lyrikkollektivs G13 und Mitherausgeber der Zeitschrift Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart. Mit Sasha Marianna Salzmann kuratierte er 2016 den Desintegrationskongress und 2017 die Radikalen Jüdischen Kulturtage am Maxim Gorki Theater. Die Gedichtbände Druckkammern, Jubeljahre und Grenzwerte erschienen im Verlagshaus Berlin, bei Hanser 2018 das Sachbuch Desintegriert euch!.