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29.08.2020, Jamal Tuschick

Heiner Müller in den Fünfzigerjahren

Anfang der Fünfziger lebt Müller illegal in Berlin. Am Westen interessieren ihn nur die Filme, in jeder S-Bahnstation gibt es ein Kino. Müller kommt aus der Kleinstadt, da sind „die Ungerechtigkeiten persönlicher“. Er dichtet wie der Weise vom Berg: „Ihr lasst euch gern in euren Flüssen treiben / den sommerlichen, wenn der Himmel brennt. / Im Regen fragt ihr: wie lang wird der bleiben / vergessend: es ist Wasser, das ihr kennt.“

Berlin raucht noch, die Stadt „wird nie ganz in Ordnung kommen“. Halbasiatisch sei sie, eine Membran des Ostens und Insel im Sumpf. Müller genießt seine Entwurzelung. Er erlebt die Erhebung von Dreiundfünfzig als Aufstand befehlsgewohnter Studienräte. Nazis, die nicht schwer belastet sind, werden auf dem Bau eingesetzt. Es rekrutiert sich die Arbeiterklasse aus nationalsozialistischen Lehrern und gewesenen Offizieren. Die kriegen Schwerstarbeiterzulage, ihre Kinder sind als Arbeiterkinder privilegiert im Arbeiter- und Bauernstaat. Ein Treppenwitz der Weltgeschichte. Der Lyriker Müller bewegt sich in einem zwar abgesteckten, doch elastischen Rahmen. Er ist ein Sänger seiner Gesellschaft. Er rechnet ab, manchmal nur mit einer Silbe: „Osterfahrung – Der auszog den Osten zu erobern / Leichthin, wie der Esser das Mahl / Wo ist er? / besiegt / (I)st er. Das Mahl / Hat den Esser besiegt.“

„Glockengelbe Forsythien im Kopf“

Riva del Garda © Jamal Texas Tuschick

Sie hat „glockengelbe Forsythien im Kopf“. So charakterisiert Willi Heinrich seine Heldin Cilly in „Schmetterlinge weinen nicht“. Cilly will von dem sehr vermögenden und distinguierten Karl in Gunter Sachs-Manier nach Lugano entführt werden. Im Vorrausch der Aktion geht sie „ganz benommen durch die Stadt“. Sie registriert ein „florentinisches Zinkdach. Viereckig im blauen Himmel“.

Cilly genießt das Gefühl, einundzwanzig demnächst zu werden. Karl ist mindestens vierzig und verheiratet. Wenig deutet daraufhin, dass er sich rechtzeitig scheiden lässt. Ein Dutzend Klischees konferiert in dem Bild, das kaum mehr Aufmerksamkeit als ein Kalenderblatt verlangen kann.

Um an einer anderen Stelle wie nach einer Kunstpause fortzufahren:

Die stark verweste Leiche einer Frau, das wird betont und im Detail variiert, gibt der Kasseler Polizei Rätsel auf. Man fand die Tote im Kaufunger Wald unter einer Plane aus der Campingzubehörabteilung nahe einer Fotofalle*.

*„Die Wildkamera kann nicht nur Verbiss festhalten, sie deckt auch auf, wenn Tiere die jungen Bäume nicht anrühren, obwohl sie unmittelbar dabei stehen und hier vielleicht sogar Nahrung (Krautpflanzen) aufnehmen. Ein Informationsstreifen am unteren Rand jedes Fotos enthält Informationen zu Datum, Uhrzeit, Temperatur, Mondphase und Luftdruck bei der Bildauslösung.“ Quelle 

Bald zeigt sich ein Bestreben, das Grobe an der Angelegenheit auch grob erscheinen zu lassen. Als lebhaftes Gegenteil der Toten tritt Rocky-Lee von Hatzrod im Diorkleid mit Maud-et-Nano-Hut und Hermès-Schirm auf. Ihre Silhouette nannte man in kultivierteren Zeiten amerikanisch. Die Gräfin ist zwar als Gattin des Kaufmanns Viktor T. längst auf den bürgerlichen Hund gekommen und so abhängig von Vorschüssen wie jede verschwendungssüchtige Viral-Beeinflusserin, doch befreien solche populären Verminderungen sie nicht von ihrer Noblesse. Die Gräfin, eine Nachfahrin der Sophie Josephine Ernestine Friederike Wilhelmine Gräfin von Hatzfeldt-Wildenburg-Schönstein, geb. Gräfin von Hatzfeldt-Trachenberg (1805 - 1881), die als Sozialistin und Ferdinand Lassalles Gefährtin von sich reden machte, arbeitet als Zeilenschinderin für die „Söhre Post“, deren Gründungschef ich bin.

Sagen wir einfach Rocky. Die Nordhessin nimmt es auf sich, auf eigene Faust zu ermitteln. Ihre Ahnen waren hochfrei. Hochfreie standen in keinem Lehnsverhältnis. Nichts außer königlich-kaiserliche Rechte unterwarfen ihre Dynastien. Sie hausten im Allod (Eigenheim) solange sie es eben halten konnte. Auch sie überrannte eine neue Zeit noch bevor die Neuzeit anbrach. Doch ist es Rocky so, als sei das erst gestern gewesen. Wenn sie sich zu ihrem Viktor gesellt, dominiert Rocky ein Eindruck von Erhabenheit. Sie rüstet sich dagegen mit Wetterfestigkeit und einer knappen Sprache. Ihren Untertanen rät sie zur SPD und zum Langlauf.

Ständig sieht man Rocky mit ihren Weimaranern im Wald, wo sie ausdauernd ermittelt. Es wundert uns nicht, dass die Waldtote von Rocky irgendwann als Eva Annemarie Tasman-Schildbärlauch identifiziert werden wird. (Eva war Lehrerin an der Schule im Stellberg, wo auch die Sieben Zwerge einst auf einem dualen Ausbildungsweg zum Abitur geführt wurden. In Erwartung eines reitenden Fleurop-Boten sowie eines zinslosen Darlehens hatte sie sich an der Stellberg Wüstung eingefunden und hatte da ihren Mörder getroffen.)

*

Weil er weiß, dass die PR-Abteilung der Hisbollah in Beirut über einer Dessous-Parfümerie residiert, läuft Phil-Tecumseh außer Konkurrenz, sofern er es jedes Jahr wenigstens einmal schafft, in unserem Dorfjournalist*innenkreis das Licht anzumachen und uns mit seinen Highspeed-Investigativ-Interventionen zu illuminieren.

Interventionen ist Phil-Tecumsehs Lieblingswort. Er interveniert ohne Unterlass, selbstverständlich unversöhnlich und mit allen Mitteln.

Phil-Tecumseh hat vor uns allen begriffen, dass die Parteiendemokratie aus dem letzten Loch pfeift. Während Rocky und ich nostalgisch der SPD die Hand reichen, kapriziert sich Phil-Tecumseh auf die Linke und nun sieht es so aus, als bedürfe es gar keiner parlamentarischen Mehrheiten mehr, um Phil-Tecumseh politisch hochleben zu lassen.

Phil-Tecumseh begreift die dysfunktionale Gesellschaft. Wir begreifen sie nicht. Was uns vereint, ist eine um sich greifende Abneigung gegen Verächter*innen der parlamentarischen Demokratie. Wir setzen die parlamentarische Demokratie mit dem Rechtsstaat gleich. Der Rechtsstaat erscheint uns als letzte gute Kraft. Zumal Rocky versteht es zunehmend seltener, sich zurückzuhalten. Sie spielt auf den Straßenkampflyrismus Heumacher an, wenn sie Phil-Tecumseh einen High-Macher nennt.

Er trägt gerade vor. Gar nicht so selten, so Phil-Tecumseh, weiß ein Korrespondent so wenig wie die Leute in seiner Heimatredaktion irgendwo im globalen Norden, aber das macht dann auch nichts. Der Korrespondent figuriert zur beglaubigenden Bebilderung der Liveschaltung. Es wirkt einfach besser, die dpa-Schlagzeile mit unserer Person vor Ort zu kombinieren. Die Person vor Ort informiert sich aus demselben Pool, auf das der Redakteur daheim bequemer zugreifen kann. Allgemeinplätze garniert sie mit dem Klatsch vom Kellner.

Bedenke ich es recht, dann ist Phil-Tecumseh auch nur ein gescheiterter Angeber. Ich glaube nicht, dass dem noch mal was gelingt, was nicht auch unser Praktikant Klaus fertigbrächte.