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01.09.2020, Jamal Tuschick

Darren verkörpert Devianz im Geleit zumindest potentieller Delinquenz. Adam verkörpert Devianz ohne Aussicht auf ein Verbrechen, das sich unter einen Tatbestand subsumieren lässt.   

Akkreditierte Armleuchter

Aus der Ankündigung: Adam Gordon geht auf die Topeka High School, er steht kurz vorm Abschluss. Seine Mutter Jane ist eine berühmte feministische Autorin, sein Vater Jonathan ein Experte darin, »verlorene Jungs« wieder zum Sprechen zu bringen. Beide sind in einer psychiatrischen Einrichtung tätig, in der Therapeuten und Patienten aus der ganzen Welt zusammenkommen. Adam selbst ist ein bekannter Debattierer, alle rechnen damit, dass er die Landesmeisterschaft gewinnt, bevor er auf die Uni geht. Er ist ein beliebter Typ, cool und ausschreitungsbereit, besonders sprachlich, damit keiner auf die Idee kommt, er könnte auch schwach sein. Adam hat ein Herz für Außenseiter, und so freundet er sich mit Darren an – er weiß nicht, dass der einer der Patienten seines Vaters ist –, und führt ihn in seine Kreise ein. Mit desaströsen Folgen.

Don't be deceived by the embusen © Jamal Texas Tuschick

Politisiertes Kinderzimmer

Auf den ersten Blick sieht man es nicht. Darren erscheint überdurchschnittlich proper, solange der Kontakt flüchtig bleibt. Die Jungs in seiner Gegend schätzen Darren als Niete ein. Seine Tarnung verfängt bei ihnen nicht. Sie ignorieren ihn, wenn sie ihn nicht striezen. Im Verlauf ihrer Adoleszenz weicht die Grausamkeit der Ironie … und manchmal wird Darrens Anderssein auch einfach vergessen.  

Ben Lerner schildert eine sehr verhaltene Akzeptanz, die man auch als Prozess der Selbstbefragung lesen kann. Was trennt jeden einzelnen Gemeinschaftsbildner von Darren, der sich sehr wohl artikulieren kann und dessen Ballgefühl für zauberhafte Einlagen sorgt?

Narrative Analyse

Die vorgefassten Meinungen und andere Einträge ins Klassenbuch einer Generationsgeschichte im Mittleren Westen kollidieren immer wieder mit einer abweichenden Realität. Dann steht einer gleichsam aktivistisch vor Darren, will ausspucken, um einer Verachtung, die ihm aufgetragen wurde, Ausdruck zu verleihen, und lässt es lieber, weil auf der anderen Seite so viel Körperkompetenz ist und auf der Seite des gernegroßen Möchtegern-Spuckers nichts weiter als das Geschwätz der politisierten Kinderzimmer.   

Berner beschreibt Darren als Nachkommen der Dorfdeppen und anderer akkreditierter Armleuchter. Es geht in seiner narrativen Analyse um Daseinsberechtigung, um die Modalitäten eines moderaten Ausschlusses, der jederzeit auch verätzend und sozial tödlich ausfallen kann. Es stellt sich die Frage, warum passiert das eine und nicht das andere.

Darrens weiße Kindlichkeit erleben andere als Provokation. Der Außenseiter erfüllt zu viele Bedingungen der Normalität, als dass man sich einfach von ihm absetzen könnte. Er liefert Beispiele für die allerspielerischste Normübererfüllung. Auf diese Weise kann kein Unauffälliger auftrumpfen, ich möchte sagen: sich verströmen. Diese Wahnsinnspower koinzidiert nun mit Adams Nerd-Potentialen.

Darren verkörpert Devianz im Geleit zumindest potentieller Delinquenz. Adam verkörpert Devianz ohne Aussicht auf ein Verbrechen, das sich unter einen Tatbestand subsumieren lässt. 

Faseln, flirten ... © Jamal Texas Tuschick

Andere können Motoren und Gewehre zerlegen. Sie verfügen über eine technische Grundkompetenz, die Adam Gordon in einer poetischen Aufwallung dem Mittleren Westen zuordnet. Der Held in Ben Lerners Roman „Die Topeka Schule“ begreift die ausufernde Gegend als riesigen Landkreis. Die Doppelprojektion deutet bereits Adams Dilemma an.

Debattengenie

Adam ist anders. Anforderungen des Alltags erlebt er als Barrieren, die ihn wie einen Idioten aussehen lassen. Er scheitert an der schlichtesten Zündschlüsselmechanik. Gleichzeitig ist er pretty much der Sohn anspruchsvoller Eltern. Das Psychologenpaar, die Mutter genießt Feministinnen-Fame, hat den Nerd in Adam geweckt. Er ist das Debattengenie; eine Nummer Eins der Elaboration.

Ben Lerner, „Die Topeka Schule“, Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl, Suhrkamp, 24,- 

Zwar ordnet er seine Lücken einer überlebten (toxischen/vulnerablen) Männlichkeit zu, aber das Maskulinitätsdefizit nagt trotzdem am Eleven. Der Crack ahnt sich als Kröte, die keine zum Prinzen küssen will … wegen zu wenig smell of testosterone in the morning.  

Zwischen Gaga & Giga

Adam beteiligt sich an akademischen Diskussionswettbewerben, bei denen die Konkurrent*innen sich im „Schnellsen“ (ein Portmanteau aus schnell und lesen) übertreffen. 

Adams Studium an der Topeka High fällt in die Ära eines Paradigmenwechsels. Der Kulturkonservatismus der Prä-Boomer-Battle-Winner verliert seine Bastionen an das Laissez-faire der nicht inhalierenden Clinton-Boomer. Man assoziiert die Zäsur mit Fukuyama‘s End of History in altklug-haltlosen Gewissheitsfloskeln, während man die eigene so wie die im Weiteren verfügbare Attraktivität testet und sich gleichermaßen vereint und versteigt in der Idee, von verrotteten Milieus hervorgebracht worden zu sein.

Adam hegt Ertragserwartungen im Fall des spirituell verankerten Lehrmeisters Erwood, der sich auf die physiologischen Auswirkungen psychischer Vorgänge spezialisiert hat. Womit wir beim Thema wären. Es geht einmal wieder um Chi Sao without Touching. Erwood weist in elektromagnetischen Felduntersuchungen nach, dass Zugangsberechtigte dich mit einem Abstand von zehn Metern an- und aussaugen können. Sie kassieren deine Kraft, und du weißt nicht, wie dir geschieht.

Erwood lehrt, wie man „automatische körperliche Vorgänge“ den Kontrollinstanzen des Bewusstseins zuführt.

Adam streift die Modalitäten einer unkörperlichen Kontaktpunktpolitik. Er braucht Strategien zur Vermeidung der Folgen unbeherrschten Verhaltens. Sein Elternhaus gleicht einem Schulungszentrum. Das Verständnis geht durch die Decke. Die Forderungen sind gleichwohl präzise. Adam steht im Visier der Psychoanalyse. Man legt mit den besten Ratschlägen auf ihn an. Die alten Boomer Ma & Pa kennen kein Erbarmen. Sie wollen das Beste von ihrem Sohn. Sie nehmen das Kind in den Würgegriff der Optimierung.

Das erzählt Ben Lerner mit vorhersehbaren Volten. Es ist das weiße Mittelstandprogramm nach der Devise no brain no headache.

Ben Lerner wurde 1979 in Topeka, Kansas, geboren. Als Schüler war er US-Meister im Debattieren. Lerner ist der Autor von zwei international gefeierten Romanen – Abschied von Atocha und 22:04 –, drei Gedichtbänden, dem Essay Warum hassen wir die Lyrik sowie verschiedenen kollaborativen Arbeiten, u. a. zusammen mit Thomas Demand und Alexander Kluge. Lerner hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, u. a. das Guggenheim Fellowship und das MacArthur Fellowship. Er ist Professor für Literatur am Brooklyn College und lebt mit seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern in New York City.