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09.09.2020, Jamal Tuschick

„Wer das Jerichow der Jahrestage oder der Mutmaßungen über Jakob sucht, kann es in Klütz, am nordwestlichen Zipfel Mecklenburgs versuchen zu finden. Von Berlin in den Klützer Winkel sind es mit Bahn und Bus 270 Kilometer.“  Aus der Welt 

Mecklenburger Gemeinheiten

Historische Aufnahme von sowie der Himmel (von gestern) über Klütz, dem Mecklenburger Vorbildstädtchen für Uwe Johnsons Jerichow © Jamal Texas Tuschick

Heimweh nach Mecklenburg

Er sei am Heimweh wie an einem schweren Fieber gestorben. Mit dieser Diagnose verabschiedete sich Günter Grass öffentlich von Uwe Johnson. Für mich ist GG in einem solche Ausmaß diskreditiert, dass mir sogar sein Nachruf auf den komplizierten Gefährten wie eine Verrohungstat vorkommt; wie eine unerträgliche Einmischung in innere Angelegenheiten der Gelehrtenrepublik meiner Kindheit und Jugend.

Pornografische Kinderstube

Ich gehe in die Grammatik der Gegenwart von damals. GG dient Johnson als Hausmeister. Der Joviale ist dem Verriegelten bei Gelegenheiten gefällig, auch gemeinsam mit seiner Frau Anna, die auf einem Gruppenbild mit Damen so unerhört spitznasig apart erscheint, dass die Aussicht auf den westdeutschen Keimzeitsex ein pornografisches Programm eröffnet. Für die Aufmerksamkeit dieses Typus laufe ich mich warm. Sein Schoss ist mein Ziel. Deshalb will ich begabt sein.  

Die Premiumprotagonistin im Seidenschwall um Ingeborg Bachmann trägt ein ärmelloses Kleid. Ein auf das Knie gepflanzter Ellenbogen liefert der Figur das (körpersprachlich) rhetorische Standardelement. Der Mann an ihrer Seite verkörpert den gestikulierenden Republikaner mit Krawatte. Die übertriebene Gemütlichkeit quillt aus dem Hosenbund. Die Fresswelle im Wirtschaftswunderland erreicht alle.

Regina und ich sehen uns das im Klützer Uwe Johnson Haus an. Es gibt keine biografische Verbindung zwischen Johnson und Klütz. Das erstaunt in Anbetracht der Präsenz, die Klütz in Johnsons Werk hat. Der Autor prägt im Präsens seiner Produktivität die Klützer Topografie seiner fiktiven Hauptstadt Jerichow ein.

Jerichow ist die Zentrale einer ungestillten Sehnsucht nach Mecklenburg/Pommern und dem baltischen Licht über der Ostsee. Johnson kursiert in der westlichen Hemisphäre mit der Behauptung, als echter Pommerer nur in Mecklenburg kein Fremdling zu sein. Viele Schilderungen des Schriftstellers variieren das Genre des Fremdlings zum Fürchten. Akademiekolleg*innen heben hervor, wie unnahbar, wenn nicht sogar bedrohlich Johnson unter ihnen den Hecht im Karpfenteich spielt. Im Nachgang behaupten manche, Johnsons sinistre Schauseite putze ein ablandiger Humor.

Johnson distanziert sich mit grobem Witz. Da fragt einer, wie Sheerness on Sea auf ihn wirke. Johnson antwortet, da wirke gar nichts, da er aus dem Schreibkeller nicht herauskäme. Mehrmals verwendet Johnson den Götz von Berlichingen in der Biedermeier-Fassung: Fragen Sie meine Frau (statt Leck mich im Arsche). Er formuliert das noch, als das Verhältnis zu seiner Frau noch schlechter kaum noch sein kann.

Ihm fehlt das Umgängliche; der männliche Liebreiz. Er nimmt den Feind beim Wort und dreht ihm das Wort im Hals herum. Ulrich Enzensberger überlässt er seine Berliner Wohnung, der sie umgehend zu einem Labor kommunardischer Experimente macht. Vom Ich zum Wir (Heiner Müller) auf Kosten des Hausherrn. GG schreitet ein. Plötzlich ist die Polizei gefragt. Mit ihr im Rücken erzwingt GG in Johnsons Auftrag eine Räumung ohne Verzug. Man ahnt den bürgerlichen Vorschlaghammer, mit dem man sich in der APO-Hochzeit nirgendwo blicken lassen darf.

Mecklenburger Gemeinheiten

Nach dem Krieg kommt Johnson als Geflüchteter nach Güstrow. Das ist nicht weit weg von Waren an der Müritz, wo zur gleichen Zeit Heiner Müller als Sachse sich Mecklenburger Gemeinheiten gefallen lassen muss. Man bindet den „Ausländer“ an einen Marterpfahl. Das ist eine andere Geschichte.

Auf der Suche nach der Klützer Mühle stoßen Regina und ich auf eine Gärtnerei, die mit Exponaten des örtlichen Heimatvereins in einem Rahmen steckt. Antike Aufnahmen zeigen just jenes Klütz, das Johnson zum Abziehbild gemacht hat; während das Uwe Johnson Haus keiner Schätze Heimstatt ist. Es gibt in der Gegend ein Schloss, dessen Bauherr sein Werk niemals sah. Sein Motto stelle ich hier unter alles.