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19.09.2020, Jamal Tuschick

Für Arbeit nur Verachtung

Statos hatte eine Lektion für mich. Kein Mann, der mir an jenem Tag begegnet war, verfügte über ein größeres Vermögen. Umso schlichter war die Lehre: 

„Sie erkennen jemanden an seinen Socken, Madame. Man kann viel vortäuschen, aber seine Socken trägt jedermann mit unwillkürlicher Selbstverständlichkeit.“ 

Statos brachte mir noch eine Verdi-Partie nah, als die anderen schon schliefen. Statos dirigierte vor dem Plattenspieler. Er erinnerte mich an den Bernhardiner meiner Kindheit, einem prächtigen Trottel. Er behauptete, jeden Tag zweimal zu erwachen: einmal im Bett und zum zweiten Mal am Frühstückstisch. Statos sagte:
„Wer das Frühstück verweigert, schlägt auch den Tag aus.“

Sylvester Antony/Ambitions © Jamal Texas Tuschick

Du kommst aus erschlagender Hitze in eine klimatisierte Zone. Zwei vor Erschöpfung überreizte Kinder geben dir den Rest. Dein Mann ist in der inneren Emigration, zu nichts mehr zu gebrauchen. Du wirfst den Rucksack ab. Wie bescheuert muss man sein, um als Mittelstandsfamilie im Backpacker-Modus zu reisen.

Doch hast du es so gewollt.

Wie immer, wenn es hart auf hart kommt, bleibt alles an dir hängen. Und Marokko ist kein Land, in dem man einfach nur Fuck sagen muss, um die Dinge in Bewegung zu bringen. Der Concierge sieht verschlagen aus. Sein Englisch ist eine Katastrophe. Vielleicht will er dich nicht verstehen.

Fest steht, unser vorausgeschicktes Gepäck ist nicht angekommen.

Du greifst nach dem Rucksack zu deinen Füßen. Da hast du ihn eben abgestellt. Ihr habt es gesehen. Der Rucksack ist weg. Der Phantasiestreifen mit Jane Bowles und Humphrey Bogart in den Hauptrollen reißt. Jetzt drehst du durch.

Das ist eine wahre Geschichte.

Ich schrie Eric an. Er hatte nicht aufgepasst. Er passte nie auf. Er konnte das gar nicht. All das, was die meisten Männer aus dem Instinktärmel schütteln, aufpassen, einchecken, nachgucken, sich vor die Familie stellen, andere Männer einschüchtern, funktionierte bei ihm noch nicht mal ansatzweise. Deshalb hatte ich ihn geheiratet und deshalb hätte ich ihn damals in dieser Absteige, die als Burroughs' Palace und legendäres Beathotel annonciert wurde und uns von Bekannten empfohlen worden war, am liebsten verlassen. Eric stand da so elegisch-abgespannt, hoch-unmutig und unsagbar US-skandinavisch und erschien mir wieder einmal wie Siri Hustvedt als Mann. Seine besten Tage als Model lagen hinter ihm. Er knüpfte an seine ethnologischen, akademisch fundierten Interessen an, immer noch, wenn auch nicht mehr so blendend wie einst als Schönheit im Feld.

Im Feld arbeiten war ein stehender Begriff. Man arbeitete im Feld, um den Irrtümern zu entgehen, die in Bibliotheken geisterhafte Existenzformen ausbildeten. Eric interessierten Stämme, die von jeher im Südwesten gelebt hatten, ohne je einer Staatsidee nachgegeben zu haben. Sie diversifizierten sich in Familienverbänden, die normalerweise keine Anführer*innen brauchten, gegebenenfalls aber auch Frauen selbstverständlich die Vorherrschaft zubilligten. Das Prestige der Einzelnen hing von seiner zivilen Ausstrahlung ab. Gehorsams- und Abhängigkeitsverhältnisse ließen sich nur schwer und nie auf Dauer errichten. In diesen nicht ganz antiautoritären Konzept steckte ein Vernichtungskeim. Eric war der Sache auf die Spur gekommen. Ich sage das nur, damit Sie verstehen, warum ich einen alltagsuntauglichen Mann gewählt habe. Die Kombination von Intelligenz und Schönheit verzaubert mich manchmal noch.

Die autoritären Europäer trachteten danach, Verabredungen mit Honoratioren zu treffen. Das waren aber in den Augen der Indigenen nur Frühstücksdirektoren und Sonntagsredner. Wahrgenommen und in die Pflicht genommen wurden die im Grunde Machtlosen als Vertragspartner, die selbstvertretend für ihre Stämme entschieden.

Die Indigenen kannte das Stellvertreterprinzip nicht. Niemand konnte an ihrer Stelle ja oder nein sagen oder im großen Stil für sie handeln. Die Weißen interpretierten die Konsequenzen dieser Unabhängigkeit als Überschreitungen und sanktionierten die „Vertragsbrüche“ militärisch. Sie „bestraften“ Leute, die keine Ahnung von ihren Verbrechen hatten.

Eric sprach von kulturellen Missverständnissen.

Der Kommissar erfüllte sämtliche Voraussetzungen für einen Wahrnehmungskollaps. Er versprach das *Unwahrscheinliche: die umgehende und vollständige Wiedererstellung gestörter Eigentumsverhältnisse. Eine Szene wie von Buñuel.

Eine Stunde hatte ich meinen Rucksack wieder. Es war haarklein so, wie es der Kommissar vorausgesagt hatte. Es fehlte nichts. Vielmehr hatte sich jemand die Mühe gemacht, den Rucksack abzubürsten. Die gefrorene Raffinesse der Volte verlangte ein bisschen zu viel Aufmerksamkeit. Die Enttäuschung des Kommissars war unübersehbar. Er wollte mir etwas bieten und mit Eric in einen Wettbewerb eintreten. Wie alle zum Zug kommenden Machos witterte er Erics Devianz und interpretierte sie als Lücke. Er ignorierte meine Distanzierungsversuche. Ich fing schon an mich zu fragen, was gewesen wäre, wenn ich dem Kommissar nicht so gut gefallen hätte.

Es war uns nicht erlaubt, in der Abgeschiedenheit eines Hotelzimmers familiär aufzuatmen. Ich fühlte mich wie ein Ausstellungsgegenstand. Ich sah, wie Eric randlos aufgab. Er sackte in sich zusammen. Auch unsere Söhne verloren den Boden unter den Füßen. In diesem Augenblick geschah das Unwahrscheinlichste*.

Proust nennt Genie ein Verbrechen gegen die Routine. Zu haben nur um einen höheren Preis als jede profane Tat. Der einzige Mensch, den ich je für ein Genie gehalten habe, betrat die Lobby. Costas begrüßte uns so ungezwungen, als wären wir uns in Phoenix begegnet. Ihm gefiel seine Rolle als Erics einziger ernsthafter Rivale. Auch von dem amerikanischen Griechen Costas hatte ich etwas fürs Leben gelernt. Er hatte mir beigebracht: Ein antiker Grieche von guten Vätern kannte für Arbeit nur Verachtung, das schloss die Kunst ein. Während Jüngere in den lichten Jahrhunderten die Kunst für das Maß aller Dinge hielten und im Künstler das Genie und nicht den Handwerker feierten, stießen sich die Griechen vor allem an der Spezialisierung, die jede Kunst notwendig macht. Der Freie war kein Spezialist. Er bemühte sich nicht, außer beim Sport und im Krieg. Er verachtete die Voraussetzungen eines bequemen Lebens, nur das bequeme Leben selbst war ihm recht. Musiker, Dichter und Plastiker trugen als Dienstleister zur Bequemlichkeit bei. Man zählte sie zu den Banausen, die das perfekte Sein im Zustand der Kalokagathie zwangsläufig verfehlen mussten. Heute sehen wir umgekehrt, keiner kann sich nach unseren Begriffen weiter vom Banausen entfernen als das Genie.

Costas war zum Glück kein Künstler, sondern Prospektor. Wir hatten unsere Zeit gehabt. Nun hielten wir uns in Ehren. Wir waren beide auf Gold gestoßen.

Ich äußerte eine stumme Bitte, entschlossen mich darauf niemals ansprechen zu lassen. Costas verstand. Er veränderte die Spielanordnung. Wir wurden transferiert. Bald darauf lagerten wir auf der Terrasse einer abgeschirmten Villa. Sie gehörte dem Reeder und fanatischen Opernfreund Spoletta Statos. Wie alle potenten Gastgeber gelang ihm die Suggestion, wir wären zu seinem Vergnügen bei ihm untergebracht.

Statos war ein Mann küstennaher Machenschaften. Seine Familie nahm seit hundert Jahren eine beherrschende Stellung an all ihren mediterranen Ankerpunkten ein. Auch Statos hatte eine Lektion für mich. Kein Mann, der mir an jenem Tag begegnet war, verfügte über ein größeres Vermögen. Umso schlichter war die Lehre:

„Sie erkennen jemanden an seinen Socken, Madame. Man kann viel vortäuschen, aber seine Socken trägt jedermann mit unwillkürlicher Selbstverständlichkeit.“

Er brachte mir noch eine Verdi-Partie nah, als die anderen schon schliefen. Statos dirigierte vor dem Plattenspieler. Er erinnerte mich an den Bernhardiner meiner Kindheit, einem prächtigen Trottel. Er behauptete, jeden Tag zweimal zu erwachen: einmal im Bett und zum zweiten Mal am Frühstückstisch. Monostatos sagte:

„Wer das Frühstück verweigert, schlägt auch den Tag aus.“