MenuMENU

zurück zu Main Labor

21.09.2020, Jamal Tuschick

Regina & ich sind auf dem Weg nach Tirol

Das TexasTeamTuschick liefert heute aus München

Der Autor im Englischen Garten kurz vor der Tegernseer Teezeremonie © Palma Regina Müller-Scherf

Absichtslose Klarheit

Am 21. Oktober 1945 schreibt Samuel Beckett einen Brief an seinen in Kassel aufgewachsenen Cousin Morris Sinclair mit dem Absender Hospital de la Croix Rouge Irlandaise a Saint-Lô.

L‘hôpital irlandais dans le coeur ist dokumentiert: „La Croix-Rouge irlandaise participa à la construction d'un hôpital d'urgence constitué de 25 bâtiments (situé au niveau du collège Pasteur) et débarqua 174 tonnes de matériel. L'hôpital fut inauguré le dimanche 7 avril 1946 et l'équipe médicale irlandaise quitta Saint-Lô au début de janvier 1947.” Wikipedia

An anderer Stelle heißt es:

„D'août 1945 à décembre 1946, des Irlandais de la Croix-Rouge installent le premier hôpital d'après-guerre saint-lois. Près de 70 ans plus tard, la Saint-Patrick, fêtée aujourd'hui, est l'occasion de leur rendre hommage.” Quelle 

Morris Sinclair wuchs in Kassel auf. Seine Eltern waren in den 1920er Jahren vor dem schäumenden irischen Antisemitismus nach Deutschland ausgewandert. Seine Schwester Peggy, die 1933 in Bad Wildungen starb, war Becketts Jugendschwarm. Sie sorgte dafür, dass ihr Verehrer sich gern in Kassel aufhielt. Er reagierte darauf sehr unmittelbar in dem postum erschienenen Frühwerk Dreams of fair to middling women.

„You don’t love me” he said bitterly „or you wouldn’t keep me waiting for such Quatsch.”

In eingesessenen Kasseler Bürgerfamilien kannte man die Geschichte. Sie wurde nicht breitgetreten. Erst nach der Veröffentlichung von Dreams nahm die Idee, Beckett könne als Schriftsteller in Kassel aus der Taufe gehoben worden sein, die Gestalt einer Vermutung an, da die Stadt im Roman nicht genannt wird. In der anglosphärischen Rezeption spielte Kassel natürlich keine Rolle. Ich weiß nicht mehr, ob Deirdre Bair in ihrer Biografie Becketts Peggy-Liebe lokalisiert. Das deutsche Feuilleton war jedenfalls nicht informiert. Kassel lässt sich schließlich nicht so leicht identifizieren wie Frankfurt am Main oder Berlin. Ich habe dann die Sache aufgeklärt, was die Feststellung nach sich zog, dass sei allen immer schon klar gewesen. Nach meiner Erinnerung war das Wilhelm Genazino so klar, dass er auf Fulda tippte, als er 1993 über die Romanschauplätze spekulierte. Der Wahlhesse hatte Kassel nicht auf dem Schirm und die alten Kasseler Bescheidwisser rechneten Becketts nordhessisches Aventure amoureuse zu unseren Siegeln.

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Accident of transmission

Beckett reist 1945 im Auftrag des Roten Kreuzes durch Frankreich. Er kommt nach St. Lô. Die Stadt in der Normandie wurde während der Operation Overlord 1944 in einer Juninacht zu fünfundneunzig Prozent zerstört. Der Chronist nennt sie la Capitale des Ruines. Nach schweren Regenfällen hat sich St. Lô „in ein Meer aus Schlamm verwandelt“. Beckett quartiert sich in einem Schlossflügel aus dem 12. Jahrhundert ein, allerdings in Canisy.

„Wir wohnten erst beim Kastellan von Canisy.“

Nun wird es spannend. Grimmig verfolgt der Verteidiger des freien Frankreichs Nachrichten zum Verbleib von zwei Kollaborateuren höchster Prominenz. Beide haben eine sozialistische Vergangenheit und wurden flammende Faschisten.

„Ich dachte, sie hätten Déat erwischt, aber es scheint nicht so.“

Déat verstand es, auf der katholischen Rattenlinie seinen alliierten Verfolgern zu entgehen. Er starb unbehelligt zehn Jahre nach Kriegsende.

Auch Pierre Laval fing als Sozialist an. Beckett mokiert sich über den Vichy-Politiker als einen der „alten Irregeführten“. Höhnisch listet er auf, was Laval angeblich alles bedrückt: „ein Steckschuss 2 mm neben dem Herzen, Magenkrebs und ein Geschwür im Nacken“.

Man hört beim Lesen kriegerische Genugtuung. Der mitunter quietistisch wirkende Schriftsteller zeigt sich als Mann der Tat und der Satisfaktion.

Das Fleisch der Schmetterlinge

Eingebetteter Medieninhalt

„Schreiben ist unmöglich, aber noch nicht unmöglich genug.“

„Gott, wie ich meine eigenen Sachen hasse.“

Abscheu mischt sich mit Sorgfalt. Beckett schwankt zwischen Verzweiflung und Entschlossenheit. Obwohl er ein Pedant der Produktion ist, hält er (s)ein Werk für im Grunde ausgeschlossen. Trotzdem tritt er bedingungslos für seine Texte ein. Das geht so weit, dass er Jean Paulhan zum Duell fordern möchte, da jener als Redakteur des Nouvelle Revue Française ein Verbrechen am „Namenlosen“ beging, indem er eine anstößige Passage des zur Publikation bestimmten Auszugs dem Publikum vorenthielt. Ohnedies wäre es interessant, sich die Wirkungsgeschichte der sperrigen Prosa in der Ära vor ihrer Nobelpreis-Nobilitierung anzusehen.

Gleich mehr.

Tausend Jahre Schweigen

Estragon: We always find something, eh Didi, to give us the impression we exist?

Vladimir: Yes, yes, we're magicians.

Eingebetteter Medieninhalt

Die „absurde Freude“ beim Anblick eines Spechts – Ab 1953 zieht sich Samuel Beckett bei jeder Gelegenheit nach Ussy-sur-Marne zurück, er ist de l’Irlande à Ussy & Ecrivain du silence, erschüttert vom Pariser Betrieb und der Stille bedürftig.

„Ich brauche tausend Jahre Schweigen.“

Die Natur mischt ihn aber auch auf. Rebhühner sind „komische Vögel“. Beckett beschreibt ihre Eigentümlichkeit. Ihn stören die eigenen biologistischen Schlussfolgerungen. Der Dichter will nicht jedem Schritt übers Feld einen Gruß an Charles Darwin hinterher schicken. Die „furchtbaren Ergebnisse“ seiner Betrachtungen verstimmen ihn.

Samuel Beckett, „Ein Unglück, das man bis zum Ende verteidigen muss“, Briefe 1941–1956, Suhrkamp, herausgegeben von George Craig, Martha Dow Fehsenfeld, Dan Gunn und Lois More Overbeck, aus dem Englischen und Französischen von Chris Hirte

Warum nisten Lerchen auf abgeernteten Feldern, obwohl sie von der Fülle hochstehenden Hafers gedeckt sein könnten?

Ein Großaufkommen von Fliegen verleitet zu Überlegungen im Schlepp von Eros & Thanatos. Beckett begreift, dass sie alle zur Marne fliegen, um sich von Fischen fressen zu lassen, gleich nach dem Paarungsgeschehen im Widerschein des Wasserspiegels. Schmetterlinge assoziiert Beckett mit Würmern. „Ihr einziges Fleisch, das ist der …“.

Beckett neigt zum Quietismus. Das Landleben ist eine Kur, die zur Gewohnheit wird.

„Zwei Zimmer auf einer abgelegenen Anhöhe hinter Meaux.“ - Die Anhöhe ist sein Zauberberg. Ihn interessiert das Gras, wie es zwischen Steinen sprießt. Beckett gräbt grundlos Löcher in seinen Garten. Das erinnert mich an donnert sinnlose Arbeiten, zu denen ich angehalten wurde. Mein Großvater wollte mich beschäftigt wissen. Untätigkeit hielt er für ein Übel. Besucher*innen präsentierte er auch die Schnecken und Salamander auf seinem Anwesen wie nützliche Haustiere aus eigener Zucht. Zeitweise hielt er eine Ziege, um einen Aussiedlerhof vorzutäuschen. In Wahrheit ging es ihm immer nur um eine Liebhaberei rund um Pferde. Er erzählte oft, wie man das Ganze wirtschaftlich gut nutzen könne, ohne jemals ernsthaft Anstalten zu machen, die Passion zu ökonomisieren. Er war leidenschaftlich mit seiner Leidenschaft beschäftigt und erwartete von den Verwandten, das sie beherzt mittaten. Er hatte nicht nur kein Verständnis für abweichende Standpunkte, er verachtete auch jeden, der sich nicht für drei Mahlzeiten und wenigstens einen verbalen Arschtritt pro Tag krumm buckelte.

Allen, außer meinem Großvater, blieb unklar, mit welcher Perspektive der Aufwand getrieben wurde. Anders als Beckett kannte er die Sehnsucht nach Kino und Straßencafé nicht. Beckett fehlt der Rigorismus, an der Marne unentwegt im Schlamm zu wühlen. Auch wenn er die Pariser Wohnung eine Absteige nennt, will er doch immer wieder in der Hauptstadt müßiggehen. Er erkennt darin einen Makel im Zusammenhang mit seiner Bewunderung für den isolationistischen Salinger.

Vielleicht zweifelt Beckett an seiner Ernsthaftigkeit, weil er sich nicht vollständig verschlossen zeigen kann. Kokett schreibt er einem Kollegen, der als Kollaborateur das Unglück auf sich gezogen hat, er wolle nur noch in seinem „Rübenkaff in der Erde wühlen und die Wolken anglotzen“. Interessanterweise lässt sich Beckett nicht herab vom Hochsitz seiner Résistance-Veteranen-Souveränität. Beckett quält sich. Er altert widerwillig. Er ackert auf die Fünfzig zu und vernimmt „den Schrei derer (in Dantes) Purgatorium: Ich war“. Fast leutselig berichtet er von letzten Kirchgängen als Begleiter seiner totkranken Mutter. Wer denkt da nicht an die Weigerung von Joyce‘ Alter ego Stephen Dedalus am Sterbebett der Mutter zu beten.

Die Stille, die dem Scheitern folgt

Eingebetteter Medieninhalt

Sprachgymnastik auf der Wörtercouch

In den Fünfzigerjahren beginnt Samuel Beckett das eigene Werk in seine Muttersprache zu übertragen. Er übersetzt sich selbst aus dem Französischen, so wie er sich in den Zwanzigerjahren ins Französische zu übersetzen begann. Er synchronisiert seine Denksprachen nach Maßgabe perforierender Bedürfnisse, zunächst mit dem Ehrgeiz im Französischen völlig ungezwungen aufräumen zu können. Er sucht Wörter, die Realität halten. Schiere Sprachmöblierungen sind ihm ein Graus. Er will die Schonbezüge von den Wortsofas ziehen.

Mühelosigkeit als Ziel

Becketts Unnachsichtigkeit entgeht bald kaum noch ein Fehler. Sein Französisch schweift in der Originalität aus und gewinnt allmählich jene Elastizität, die man als sprachgymnastische Funktion in ihren Schwingungsgraden unbewusst wahrnimmt. Ihn treibt es, die innere Muttersprachbeweglichkeit fremdsprachlich zu veräußerlichen.

„Wer diese Briefe liest, nimmt Einblick in Becketts Gedankenschmiede.“

Polyglott schwelgt Beckett in Nuancen und Valeurs.

„Scheußliches Wetter. Crawled out after I to Stadtschänke. Sülze. Grässlich“. 1936 in Hamburg

Besonders gern harkt er die deutsche Sprache. 

Vor dem Ruhm

Seine Entscheidung, den II. Weltkrieg in Frankreich durchzustehen, versteht sich nicht von selbst. Beckett kannte in den Tagen vor dem Einmarsch kaum mehr als Paris und das Einzugsgebiet lediglich von Ausflügen. Ich erinnere mich, irgendwo in Richard Ellmanns nachatmenden Detailwucherungen gelesen zu haben, dass Beckett einmal wegen Formlosigkeiten zurückgelassen werden musste, und die von James Joyce angeführte Landpartie sich weiter nicht mehr um den unbekannten Iren scherte.

Beckett sah keinem Ruhm entgegen, er war ein weithin unbekannter Schriftsteller, als er einmal gemeinsam mit Joyce in ein anhaltendes Schweigen verfiel. Ellmann interpretierte es so: Beckett sei vom Zustand der Welt zum Grübeln gebracht worden, während Joyce den eigenen Zustand klagend beschwieg.

Beckett klagte nicht.

Er war kein Mann des Zweifels.

Er schloss sich der Résistance an.

Er zögerte überhaupt nicht, sich Gefahren auszusetzen. Die Schergen und Schranzen der Besatzungsmacht bezweifelten die Identitätsangaben des Expatriierten. Sie nahmen Beckett den harmlosen Iren nicht ab.

Jemand, der sich nie kompromittiert hatte, wirkte verdächtig.

Sein Werk rutschte ihm dann einfach so heraus.