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25.09.2020, Jamal Tuschick

Gehobene Stimmung

In gehobener Stimmung trinken sie auf den Tod eines Freundes. Sie dehnen den Abend aus.

Richard Ford ist sich nicht zu schade für Sprachspiele in dieser Preislage:

„Bobbi, die happy wirkte, Bobbi zu sein, nicht Happy.“

Richard Ford, „Irische Passagiere“, Erzählungen, aus dem Englischen von Frank Heibert, Hanser Berlin, 22,-

Regina und ich reden über Bobbi Happy K., einer Überlebenden im rauchenden Paarlaufgeschehen der zweiten Lebenshälfte. Sie übernahm Mick, nachdem der Lektor mit einer Vergangenheit als Schriftsteller sein Zeugungsprogramm in einer Ehekonstellation zum Abschluss gebracht hatte. Zusammen ergaben Happy und Mick eine harte Trinkergemeinschaft.

Die Übriggebliebene befragt sich. Der neue Status lässt sie segeln.

Ich aste über die Seitenwege der Narration und frage mich mit dem Hochmut des alten Hasen, wofür der alte Ford all die Schleifen, Arabesken und den ganzen kalten Kaffee krepierender Boheme-Existenzen eingekocht hat. Plötzlich sehe ich klar. Happy kämpft um ihren Unique Selling Point. Sie will weiter die hochtrabend-anmaßende Künstlerin geben, die ihre Gastgeber*innen beschimpft, ohne mit einem Rausschmiss rechnen zu müssen, und sich etwas darauf zugute hält, nie „in ein Gästebett geschissen zu haben“; so wie man das angeblich in Irland macht, wenn sich die Gastgeber*innen als „Arschlöcher“ entpuppt haben. 

Faltige Figur

Nach dem Verlust der Töchter an irgendwelche ebenso instabilen wie irrelevanten Ehemänner verkaufte Mick das Haus, in dem er als Vater vom Beat zum Blues übergegangen war, verdoppelte sein Körpergewicht und halbierte das Übrige. Mit einer Gang abgehalfterter Schriftsteller, die nicht einmal mehr als Schatten ihrer selbst überzeugen konnten, spielte der in Amerika altgewordene Ire Karten bis in die Puppen.  

Tennis mit der Tochter © Jamal Texas Tuschick

Kleinformatige Exotik

Nichts zu verzollen - Rien à déclarer heißt eine 2010 von dem mitspielenden Dany Boon abgedrehte Komödie mit Benoît Poelvoorde in einer weiteren Hauptrolle. Nichts zu verzollen lautet der Auftakttitel in Richard Fords jüngstem Erzählband. 

Narratives Parfüm

Ford fokussiert seinen irischen Hintergrund. Seine Held*innen teilen mit ihm das Schicksal einer Migration, in der die Hauptkonflikte aus der europäischen Anglosphäre in Amerikas größte Arenen exportiert wurden. Gleichzeitig konzentriert sich der Autor auf eine „Exotik im Kleinformat“. Zuerst spielt er die Karte einer Nachmittagsszene mit einer flirtvirtuosen Akteurin im Schneiderkleid.

„Die schummrige alte Nachmittagsbastion mit der Karussellbar. Es war noch nicht voll.“

Ich schätze, die meisten erkennen das narrative Parfüm auf Anhieb. Man ist in New Orleans und hat im Monteleone eingecheckt. Bevor die grobmotorischen Nachahmer*innen des richtigen Settings die Party versauen können, trinken sich die Tresen-Champs schon mal warm.  

Erotik als alter Hut

„Ein flatternder Blick“ aus dem Sortiment des Zufalls erhält unversehens die Injektion einer Bedeutungsschwangerschaft. Im Grunde ist die Runde zu alt für solche Sperenzchen.

Ford schaltet eine Rückblende ein.

„Gute Entscheidungen ergeben nicht immer gute Geschichten“, erkennt Barbara auf dem implodierten Planeten einer Sexgemeinschaft mit Sandy McGuinness knapp vierzig Jahre vor der Sause in der Hotelbar. Man ist aus den Annehmlichkeiten des Mittelstandes zu einer rustikal-naturverbundenen Lebensweise übergegangen. Das ist ein Experiment zur Ermittlung der Persönlichkeitskerne. Nennen Sie es ruhig den Elchtest für die nicht ganz so hart gesottenen Pfadfinder*innen unter uns. Die Resultate lassen alles Mögliche zu wünschen übrig. Also trennt man sich in aller Unverbundenheit, um nun auf einem legendären Schauplatz die niemals zu biografischen Schlünden verkraterten Animositäten anzuspielen. Man schenkt sich kurz unfreundlich ein: Hostility-Shots.  

Dann versucht man es mit dem Gegenteil.   

Wollen Barbara und Sandy etwas nachholen oder auch nur auffrischen? Welche Bedeutung steckt in der Episode aufeinander gerichteter Hoffnungen?

Vietnamesischer Kongo

Mein erster Richard Ford war „Verdammtes Glück“. Als ich den Roman zum ersten Mal las, wirkte Literatur auf mich noch so unmittelbar wie Musik. Ich las und hörte mich satt. Ich glaubte, Ford, der damals in Deutschland kaum bekannt war, schreibe Joseph Conrad fort. Ich war nicht der einzige, der Conrads Herz der Finsternis und Célines Reise ans Ende der Nacht für die Außenlinien des Spielfeldes hielten. Eben gab sich die Tatsache zu erkennen, dass ich an die Geschichte, die Ford in „Verdammtes Glück“ erzählt, Jahrzehnte überhaupt keine Erinnerung hatte. Gemerkt habe ich mir etwas ganz anderes; auf dem Sockel der Ford’schen Fiktion immerhin Fußendem. Meine Version saugt an Apocalypse Now. Lange befuhren alle meine Held*innen einen vietnamesischen Kongo; selbst wenn ich sie in Brandenburg bloß aufs Rad setzte.

Ich kriege schon noch die Kurve zu Ford, aber vielleicht nicht mehr heute.

Bürgerliche Kür

„Happy“ ist ein irreführender Titel, da er eine Person bezeichnet und nicht einfach nur trivial sein will. Die Bildhauerin Bobbi Happy Kamper überlebt ihren Liebhaber Mick Riordan, der bis zu seinem Tod den Irishman in New York gegeben hat. Er war als Dubliner Schriftsteller mit einigen altweltlichen Meriten nach Amerika gekommen und hatte da schnell die Seite gewechselt. Als Lektor war er eine Instanz auch auf der Partymeile seiner Branche gewesen. Sein Liebesglück mit Happy war ein Bonustrack im Nachhall der bürgerlichen Kür mit doppeltem Zeugungsnachweis.

Mick spielte sich selbst (in Watch Hill, Rhode Island) den Scheidungswitwer auf dem Land vor. Das war eine faltige Figur aus dem letzten Jahrtausend. Sie hatte nicht mehr viel zu sagen.

Zum Spaß malte der absurd Gewordene in Öl à la Jack Yeats.

Bevor er Lektor bei Berensen & Webb geworden war, hatte Mick erst einmal einen Schriftstellerehrgeiz vergraben. Der Ehrgeiz war längst verrottet gewesen, als Mick der explosiven Bildhauerin Bobbi Happy Kamper begegnete. Die beiden schmissen sich vehement zusammen. Sie kosteten es aus, betrunken Auto zu fahren und in irgendwelche Gräben zu schlittern.

Happy geht nun (das ist der Ausgangspunkt) als „überlebende Buhle“ in die Geschichte ein. Sie rennt mit ihren Riesenhunde Leute um. Als Tornado einer Zombievitalität, die niemand lange erträgt, wirbelt sie durch die Gegend.  

„Warum kann sie nicht einfach still sein?“ fragt Regina.

Happy hält sich mit Gin über Wasser.

Der Jahresertrag eines Zitronenbaums spielte den Ausbildungszins für den Stammhalter ein © Jamal Texas Tuschick

Die Geburtsstunde der Omertà

Whamm. Die Flügeltüren des Lamborghinis flappen auf und eine Grazie macht den Audrey Hepburn Loop. Ich möchte nicht einen Augenblick mit dem Reeder oder Regisseur tauschen, der als Galan in diesem Schauspiel vom Schicksal mit der Nebenrolle abgespeist wurde. 

Ungestümer Artefaktcharakter

Das Wahrzeichen in der Gegend des Gardasees ist der Zitronengarten in der Vielfalt seiner Erscheinungen. Archaisch wie jungsteinzeitliche Wehre wirken manche Anlagen. Ein ungestümer Artefaktcharakter fällt auf.

Der Jahresertrag eines Zitronenbaums spielte den Ausbildungszins für den Stammhalter ein

Limonaia in der Nähe von Limone sul Garda © Jamal Texas Tuschick

Limonaia heißen die Gärten an den Hängen über dem See. Wir befinden uns auf einer Kulturkreuzung. Lange waren manche Täler des Trentino und der Lombardei von der Außenwelt vollkommen abgeschnitten, während andere dicht genug an jenem Handelsweg lagen, auf dem auch die Zitronen nach Deutschland transportiert wurden. Zunächst kamen die Früchte aus Sizilien. Esel trugen sie über die Berge. In den Lasten sah man Beute.

Zug-Gegenzug/Das Gesetz des Schweigens

Es bildete sich eine zünftig zusammengeschlossene Gegenkraft zu den Zitronenräubern. Das war, so unser Gewährsmann, die Keimzelle der Mafia und die Geburtsstunde der Omertà.

Unser Informant ist ein Homo Faber wie er im Buch steht. Hans hat den ersten Airbus beinah im Alleingang konstruiert. Wenn die Russen bis zum Ende des Kalten Krieges vor wem Angst hatten, dann vor ihm. Denn auch die einzige effektive panzerbrechende Waffe geht auf das Konto seiner Findigkeit. Vielleicht kommen wir darauf zurück. Typischer als die angedeuteten Überschüsse ist das Weitere der biografischen Anlage. Der Ingenieur hat sich in den Neunzehnhundertsiebzigerjahren* einen verfallenen Zitronengarten zugelegt und bastelt seither daran herum. Alle paar Wochen donnert er aus dem Münchner Landkreis über den Brenner zu seinem Gut am Gardasee. Ständig bedarf etwas der Reparatur. Das Notwendigste beansprucht schon bis zum Verschleiß. Die Natur ist eine unerbittliche Herrin. Wo man sie nicht ständig zurückweist, beißt sie sich durch.  

Hans zeigt uns die Zisterne. Wasser ist ein Schlüssel zum Begreifen der Ungerechtigkeitsgeografie auf dieser Welt. Es gibt eine Theorie, die aus Wasserrechten die Herrschaftsverhältnisse erklärt.

Auch Hans hat ein beschränktes Wasserrecht, das ihn unabhängig vom Stadtwasser hält.

Er erzählt, wie die Zitrone in dem alpinen Milieu (mit mediterranem Air) heimisch wurde. Ihre Etablierung am Gardasee ist ein Nebenprodukt des Fernhandels in der Renaissance. Zitrusfrucht-Plantagen erreichten den Rang von Prestigeobjekten beim oberitalienischen Patrizieradel.

*Damals war das Trentino das, was später die Toskana für Italiensehnsüchtige in den deutschen Spielarten wurde.

Aus der Ankündigung: Die Menschen, von denen Ford in „Irische Passagiere“ erzählt, haben oft haarscharf die falsche Abzweigung im Leben genommen oder einfach Pech. Es geht so schnell – ein dummer Seitensprung, eine verpasste Chance, plötzliche Krankheit, ein Wirbelsturm, und schon ist man unterwegs zur eigenen Scheidung, muss sich ganz neu orientieren, ist plötzlich der Junge, der seinen Vater verloren hat und zum Außenseiter wird. Aber so klar Ford seine Figuren in ihren Schwächen zeigt, so beiläufig lässt er sie in Würde durch ihre Anfechtungen und Prüfungen gehen. Richard Ford begegnet dem menschlichen Makel in diesem Band mit einer Zärtlichkeit, die zutiefst berührt.

Richard Ford wurde 1944 in Jackson, Mississippi, geboren und lebt heute in Maine. 1996 erhielt er für Unabhängigkeitstag den Pulitzer Prize und den PEN/Faulkner Award, 2019 den Library of Congress Prize for American Fiction. Bei Hanser Berlin erschien von ihm zuletzt Zwischen ihnen (2017).