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28.09.2020, Jamal Tuschick

#Rassismus 

AvivA veröffentlicht den Text einer rassistischen Autorin, die gleichwohl als weiß-feministische Ikone verstanden wird. 

„Und ich begann schon zu befürchten, daß Herr Dougthy am Ende nur farbige Kinder hatte.“ Soll man das aus dem Geist der Epoche verstehen?

Wollt ihr das ignorieren? Ich war gestern in Bayreuth. Da lernt man von Stelen, wie dem Antisemitismus auf dem Grünen Hügel begegnet werden kann, ohne gleich alles abzureißen. Müssen nicht alle ihre Lizenzen überprüfen, in der Abwehrbereitschaft jedweder Menschenfeindlichkeit. Wer will schon Feminismus ohne Anti-Rassismus? 

Mousse au Missmut

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Ethnische Depression

Oft erscheint die Reisende als Gestrandete. Manche Gestade erreicht sie schwimmend … „ein bissiger Köter schwamm mir knurrend und murrend entgegen“.

Alma M. Karlin besichtigt Inseln, von denen sonst niemand was wissen will. Die örtliche Bevölkerung moussiert im Missmut. Die Wenigstens wurden auf die Eilande verschlagen. Die meisten sind da indigen, ohne indes (in der Darstellung) ein arrangiertes Verhältnis zu den widrigen Umständen gefunden zu haben.

Lost in Paradise

Man ahnt den imperialen Aufputz der ozeanisch verlorenen Weißen. - Ein im Dschungel verwachsener Junggeselle, der einen Handelsbetrieb schleppend in Gang hält. Ein Alter, der sich mit einer Einheimischen vermählt hat. In der Perspektive der rassistischen Autorin entsteht das Bild einer ethnischen Depression.

Alma M. Karlin, „Im Banne der Südsee“, zweiter Band der Reisetrilogie, mit einem Nachwort von Amalija Maček, AvivA Verlag, 346 Seiten, 22,-

Karlin registriert „Mischlinge“.

„Und ich begann schon zu befürchten, daß Herr Dougthy am Ende nur farbige Kinder hatte.“

Bis hierher und nicht weiter.

Lockdown Loser

Protestnotengeplänkel

Alma M. Karlin streift die Geschichte der Kolonialisierung. Eine delikate Episode memoriert sie auf dem Weg zu der Diözese Antipolo. Sie scheint zu summen, so melodisch verdunstend klingt der Text (beim Lesen). Die Blasierte passiert „die echten Hütten der Eingeborenen“. Sie kolportiert den philippinischen Kalenderspruch: „Eine Frau findet man überall, einen guten Hahn dagegen.“

Die Weisheit endet im Satz. Die Gedankenpunkte stoßen gegen ein Ausrufezeichen.  

So stoßen die Gedankenpunkte gegen ein Ausrufezeichen: …!  

Der Dreck am Kolonialstecken/ Lockdown-Loser

Was geht der Reisenden auf dem Weg nach Antipolo durch den Kopf? Der Missionseifer spanischer Mönche missfiel keinem mehr als dem Gewaltigsten unter der japanischen Sonne. Ich rede von Daimyo Hideyoshi Ieyasu. Er begann ein Beendigungswerk. In der Konsequenz seiner rabiaten Schlussstrichpolitik verwandelte sich ein blühendes Gemeindewesen in eine Untergrundkirche, die dann auch noch so hart bedrängt wurde, dass die imperiale Christenverfolgung im antiken Rom sich dagegen wie ein Protestnotengeplänkel ausnahm. Die Vorsichtigen unter den Missionaren zogen sich auf die Philippinen zurück. Der Daimyo schickte ihnen eine Dschunke voller „Aussätziger“.

Von wegen Nächstenliebe.

„Ihr habt solche Leute doch so gern.“

Die Kolonialherren zogen sich zur Beratung zurück. Das war ein heißes Eisen. Sollten sie die Dschunke versenken, um die Seuche nicht an Land kommen zu lassen? Jeder japanische Chef hätte umgehend die Versenkung angeordnet und sich dann in einem Gedicht mit der Flüchtigkeit allen Seins poetisiert und sich mit Tee für die nächste Großtat gedopt. Die Lockdown-Loser aber, die so viel Dreck am kolonialen Stecken schon hatten, machten wieder einmal halbe Sachen, so dass die Altverseuchten lediglich vor den Neuinfizierten starben.   

"Menschabart Mann"

Am 24.11.1919 bricht Alma M. Karlin auf. Von Triest fährt sie – ihre Schreibmaschine „Erika“ im Gepäck – via Peru, Kalifornien und Hawaii nach Japan, dem erklärten Ziel ihrer Reise. In „Im Banne der Südsee“, dem zweiten Band einer Trilogie, schildert die polyglotte und mit allen Wassern gewaschene Schriftstellerin die Wechselfälle ihrer Weltreise.

In Manila fühlt sie sich an Südamerika erinnert. Die Reisende registriert „die spanische Art des wiegenden Ganges der Frauen, die (glühenden) Blicke der Männer“. Alma Maximiliana Karlin feuilletonisiert wie für eine Gala ihrer Ära. „Gestärkte Unterröcke, bestickte Unterleibchen …“ Den Sehenswürdigkeiten ergibt sie sich im Rausch der Erschöpfung. Schlafmangel und andere Störungen bestimmen ihren Rhythmus. Ein Mann begehrt die Europäerin auf der Stelle zu heiraten und gibt sich als Drohaffe zu erkennen, da sie ihn abweist.

„Ich trüge überhaupt kein Verlangen nach der „Menschenabart Mann“, diktiert sie einem Boten des Düpierten. Nun kehrt der Laufbursche selbst den Freier heraus und erklärt sich fanatisch zur Hochzeit entschlossen.

Karlin spricht zur Seite wie auf einer Bühne, wenn das Publikum an den Mitspieler*innen vorbei theatralisch informiert wird.

„Das Bürschlein … verdiente neunzig Pesos monatlich als Maschinenschreiber.“

Den Galan schärft die Aussicht auf eine weiße Frau. Die Abfuhr verstimmt ihn bis zur Feindseligkeit. In diesem Stil geht es holterdiepolter weiter. Einerseits ist Karlin an die Konventionen ihrer Zeit gebunden. Andererseits gefällt sie sich als Meisterin der Selbstermächtigung.

Es bietet sich an dieser Stelle an …

our daily Wushu-Break

… eine Gong-fu-Weisheit einzuschieben:

“Be master of the space.”

Das sagt Sifu Sergio P. Iadarola. So beiläufig, dass man es auch überhören kann, bemerkt der Meister, dass Wing Chun ursprünglich ein inneres System war, das verholzt wurde, weil man schnell Kämpfer brauchte. Billigausgaben. Über die formalen Unterschiede zwischen Inneren und Äußeren Kampfkünsten reden wir später weiter.

Karlin lockert ihren Reisebericht mit historischen Bemerkungen auf.

Westlicher Überlegenheitskomplex

Irgendwo äußert sich Beckett über das Werk eines Kollegen so: „Seine Prämissen sind nicht so schwach wie seine Schlussfolgerungen.“

Ich weiß nicht mehr, wer sich die zweifach gespitzte Herabsetzung verdient hat. Ich lese gerade ein Buch, dass vor weißem Hochmut trieft, ohne, dass der Titel Gefahr liefe, aus dem Verkehr gezogen oder auch nur unter die Kuratel antirassistischer Kritik gestellt zu werden. Schließlich erscheinen die Feuilletons der Weltreisenden …

Alma M. Karlin bricht am 24.11.1919 auf. Von Triest fährt sie – ihre Schreibmaschine „Erika“ im Gepäck – via Peru, Kalifornien und Hawaii nach Japan, dem erklärten Ziel ihrer Reise. In „Im Banne der Südsee“, dem zweiten Band einer Trilogie, schildert die polyglotte und mit allen Wassern gewaschene Schriftstellerin die Wechselfälle ihrer Weltreise

… zumal als Emanzipationsmanifestationen. Da scheint es kaum ins Gewicht zu fallen, dass die Reisende es auf die selbstverständlichste Weise unannehmbar findet, mit „farbigen Mädchen“ eine Kammer zu teilen.

Sie erreicht Manila und stellt da fest:

„Die Filipinos (sind) eine Mischrasse aus Spaniern und Eingeborenen.“ Gleichzeitig unterscheidet sie zwischen „nicht reinrassigen Kindern und reinen Filipinos“. Ich weiß nicht, wie lange wir uns so etwas noch gefallen lassen müssen. Hat Antirassismus einen geringeren Stellenwert als weißer Feminismus? Ist weiblicher Chauvinismus leichter aus dem Geist der Zeit zu begreifen als männlicher? Immerhin findet Karlins westlicher Überlegenheitskomplex im Nachwort Erwähnung. 

1889 kommt Alma Maximiliana Karlin im deutschslowenischen Cilli (Celje) im damaligen Österreich-Ungarn zur Welt. 1908 geht sie nach London, wo sie sich dem Sprachenstudium widmet und ihren Lebensunterhalt mit Übersetzungen und Privatstunden verdient. Nebenbei legt sie an der Royal Society of Arts und am Chamber Of Commerce hintereinander Prüfungen in Norwegisch, Schwedisch, Dänisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Russisch ab und lernt Sanskrit, Chinesisch und Japanisch. Nach dem Ausbruch des ersten Weltkriegs 1914 verlässt sie London und lebt bis 1918 in Norwegen und Schweden, bevor sie für kurze Zeit nach Cilli zurückkehrt. 1919 bricht sie schließlich zu ihrer Weltreise auf, die sie in den folgenden acht Jahren durch fünf Kontinente führen sollte. Durch ihre Reiseerlebnisbücher »Einsame Weltreise« und »Im Banne der Südsee«, die sie nach ihrer Heimkehr nach Cilli verfasst, wird sie zu einer der berühmtesten und meistbewunderten europäischen Reiseschriftstellerinnen.

Koreanisches Sauerkraut

Die großen Reisenden des 19. Jahrhunderts wollten ihre Epoche in die Schranken weisen und als Entdecker von Ursprüngen selbst historisch, wenn nicht sogar mythisch werden. Man war Amateur und in jedem Fall Botschafter einer überlegenen Zivilisation, die den Rest der Welt zu einem Randgebiet erklärte.

Der weiße hemdsärmelig-tropenbehelmte Riese (in der Safariweste) unter Pygmäen ist ein Klassiker des Afrikaromantizismus.

Die Triumphmärsche im Dschungel kann man sich nicht kläglich genug vorstellen, aber ihre Überlieferungen waren grandios. Und ewig tränkte eine Melange aus Waffenöl und Schweiß den in Schweinsleder gebundenen Dramenband. Shakespeare diente dem fieberkranken Forscher als Formulierungshelfer.

Alma M. Karlin, „Einsame Weltreise“, AvivA Verlag, 393 Seiten, 22,-

Alma M. Karlin entspricht dem Typus und auch wieder nicht.

„Ich dachte mir die Welt wie Europa.“

Da hat sie sich geschnitten, die junge Weltreisende ohne Vermögen. Die äußere Anlage ihrer Existenz schillert vor Armut, aber die Eisenschmiede ihrer Persönlichkeit formte einen Gentleman im Rock nach den Maßen ihrer stürmischen Vorgänger.

„Die wenigen Weißen, die man sieht, gehen mit finsteren Gesichtern durch die Straßen.“

Karlin ist voller rassistischer Grillen und schnurrig vorgetragener Vorurteile. In Peru kommt sie sich vor wie „der einzige Dollar unter entwerteten Geldsorten“. 

Sie ist eine fabelhafte Beobachterin im Zentrum aller Betrachtungen. Ihre Perspektive bleibt ungetrübt. Es geht Karlin darum, nicht zu „zersplittern“ und „rein“ zu sein. Als Schriftstellerin erscheint sie sich einmalig, dazu befähigt, der Menschheit etwas Großes zu geben. Sie vergleicht sich mit Kolumbus.

Sie zahlt keinen geringen Preis für ihre Extravaganz und die Verweigerung der Vorformen des Pauschaltourismus. Es widerstrebt ihr förmlich da anzuhalten und einzukehren, wo andere sich vor den direkten Konfrontationen mit dem Fremden isolieren. Zugleich begegnen ihr Einheimische oft mit äußerstem Unverständnis. Der weißen Frau in ihrem Revier fehlt die Abschirmung der distinguierten Europäerin.

„Ich schreibe als Frau und für ein Weib ist der Körper ein unberührbares Heiligtum. Verschenken kann man es an … einen Heiligen; Wilde davon Besitz ergreifen zu lassen, ist etwas anderes.“

Die abgebügelten Verehrer sollen Karlins Reserve als weithin bekannte „Abneigung gegen Vertraulichkeiten“ zur Kenntnis nehmen. Doch kennt die Verschlossenheit Grenzen. Gelegentlich flirtet Karlin gegen das Heimweh an.

„Das was hier in gestreiften Hosen neben mir ging, war Europa, war die Heimat.“

„Jedermann ging vom tiefernsten Gespräch sofort zum gemeinsten Verhalten über.“  

Karlin tappt in manche Falle der kulturellen Differenz. Sie verdingt sich als Lehrerin. Einmal unterrichtet sie die dreizehn Kinder eines Mannes, selbstverständlich in allen Fächern, „mit Ausnahme von Mathematik und Physik“.

„Oft weckte mich ein Erdbeben schon früh am Morgen.“

Obwohl zur Emsigkeit verdonnert, bewahrt Karlin die Ruhe einer Narkotisierten. Ihre Lebhaftigkeit ist etwas Äußerliches. Erscheint es ihr angezeigt, sich umzubringen, um einen Aufstand zu beenden,

„Wenn Indianer einmal wildgeworden sind, kann sie niemand beherrschen.“

den ihr irritierendes Wesen ausgelöst hat, sieht sie sich kaltblütig nach einem Messer um.

Mut, Naivität und Zuversicht bestimmen das Verhalten der Reisenden. Karlin will etwas aus sich machen, durchaus auch im Geist einer ausgedachten Berufstätigkeit. Sich nicht auf das Vorgestanzte verlassend, muss sie ständig improvisieren. Sie pimpt ihre Boulevard Ansichten mit pseudohistorischen Abrissen:

„Ich erfuhr viel über den Aberglauben in Peru.“

Sie sieht die indigene Bevölkerung schwanken zwischen dem katholischen Gott der Kolonialherren und den „Göttern der Inkas“. Der konventionelle Ansatz wirkt aufreizend. Karlin könnte mehr wissen und sich den Reisepanoramen gewachsener zeigen. Sie weigert sich geradezu:

Chinesen und Japaner, selbst wenn sie reich sind, „fahren in der Dritten unter der menschlichen Ausschussware.“

„Irgendein Wesen“ wurde „aus mehreren Rassen zusammengegossen“.

Schließlich gelangt Karlin nach Korea. Sie skizziert Gegenden im Gegenlicht japanischer Impressionen. Sie kostet das koreanische Sauerkraut.