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01.10.2020, Jamal Tuschick

Vorsorgliche Vernichtung

Eine potente Gegnerin macht aus deiner Angriffslinie ihre Brücke © Jamal Texas Tuschick

“When the doors of perception open, things appear to man as they really are: endless.” William Blake.

Qi Feeling

Eingebetteter Medieninhalt

Hier können Sie Anwendungen der oben zelebrierten Form kennenlernen.  

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Sifu Robert Chu erklärt, wie man ganz einfach Qi (internal force) mobilisiert:

“You must align the Yin Tang (an acupuncture point between the two eyebrows), Tan Zhong (Ren 17, a point located on the midline of the body, level with the 4th intercostal space) and Qi Hai (ren 6, also known as dan tian, a point 1.5 cun below the navel) points in one line.”  

In meinem Fall verlangsamt die tägliche Praxis den lange rasanten, nun nur noch schleichenden Verfallsprozess. Ich habe meinen persönlichen Fürsten der Finsternis zur Schnecke gemacht. Sie können das auch. Suchen Sie sich Hilfe. Wie jeder häusliche Propagandist, habe ich nicht das Bedürfnis, meine Ansichten zu verbreiten. Ich kläre sie im Selbstgespräch ab und fertigaus.

Auf meinem Lebensweg durch die Kampfsport- und Kampfkunstwelt bin ich einem Typus wieder und wieder begegnet. Ich komprimiere die Marken seiner Persönlichkeit zu einem Wushu-Märchen.  

Rummelplatzmagier

John-John Marshall Longstreet war eine Rummelplatzfigur, aber kein Scharlatan. Zweifellos gehörte er in ein Milieu der Zurschaustellung von Abnormitäten; je monströser desto attraktiver, aber eben nur am Stadtrand und zu festgelegten Zeiten. Jeder Versuch, die Devianz in den bürgerlichen, halbbürgerlichen und gar nicht bürgerlichen Rahmen des Publikums zu integrieren, wäre einer Aufforderung zur vorsorglichen Vernichtung aller Abweichenden gleichgekommen.

Fassadenhafte Anmut

Manchmal erschien Longstreet als Großillusionist mit gefärbtem Bart. Seine Assistentinnen hatten das Repertoire zersägter Jungfrauen und Kontorsionistinnen. Mehr noch wirkten sie wie Entlaufene. Ihre fassadenhafte Anmut changierte ins Monotone. Der zum Mitreisen gesuchte junge Mann war ihr Gegenstück. Mit ihm verband sie das unruhige Blut.

Doch trifft man sie biografisch nicht, wenn man ihnen nur Schaustellergehilfinnen erkennt. Sie waren mehr, so wie ihr Meister mehr war.

Jawohl Meister. Longstreet nannte sich Großmeister, Professor und Doppeldoktor. Alle Würden erworben hatte er an der Dracula Hochschule in Transsilvanien. Rumänische und bulgarische Weltmeister verdankten ihm angeblich alles.  

Longstreets alleinerziehender Vater war ein mächtig spleeniger Mathematiker gewesen: ein Sibirier, der diverse Kosakenkünste einschließlich der Blutpharmazie beherrschte. Auf eine wissenschaftliche Weise hatte er sich dem Ringkampf sowie dem Gewichtheben verschrieben. In Sibirien tummeln sich bis heute ein halbes Dutzend Ringkampfkulturen. Es ist läppisch zu sagen, der chinesische Einfluss sei in jedem Fall unübersehbar.

Wir haben gestern über GM Tetsuhiro Hokama geredet, der irgendwo erzählt, dass er den Ursprung des Karate im (von der griechischen Kultur dominierten) Iran (Alexanders Persien) vermutet. Sibirien liegt zwischen dem Iran und China. Folglich können im weitesten Sinn greco-persisch-indisch-russisch-tatarisch-mongolische Systeme im Zug transkontinentaler Transformationen schon Gong-fu-förmig gewesen sein, bevor ihre technischen und prinzipiellen Basen China erreichten.

Im Maul des Hais weiden

Sich in einer Krokodilschnauze amüsieren/ weich im Maul des Hais weiden/ so geht die Kunst

Sehen Sie sich Jesus Lee-Morris-Videos an, falls Sie wissen wollen, was Longstreet draufhatte. Er konnte also eine Menge. Interessanterweise galt das nicht für seine mehrschichtig-paranoid initiierten Adepten. Es gab nur einen Schüler in Longstreets (in zahlreichen Dependancen) weltweit florierender Kunstschule, einen armenischen Kurden namens Dilan Astavdzaturyan (oder so ähnlich), der Longstreet aus seiner eigenen Außergewöhnlichkeit heraus das Wasser reichen konnte. Er wurde zum Renegaten. Als Abtrünniger fiel er tief. Es war ein Trauerspiel, mit einem fabelhaft schönen Mann in der Hauptrolle. Wie oft sah ich ihn geradezu bedrängt von Frauen. 

Ich glaube, Longstreet nahm nie etwas persönlicher als Dilans Autonomiebestrebungen. Er verfolgte den ausgestiegenen Kronprinzen, bis Dilan in einem kalifornischen Trailer Park angekommen war.

Longstreet bewies nicht nur keine Großherzigkeit, er zeigte sich auch brutal nachtragend. Er lehrte ein System, das nur er vollständig überblickte. Seine Meisterschüler *innen eröffneten lizensierte Lehrbetriebe auf der Basis sehr viel geringeren Wissens. Alle sahen das. Nie hörte ich eine Koryphäe Kritik üben.

Lost in Translation/ Biomechanisch logischer Bewegungsbefehl

Trotzdem verdanke ich Longstreet viel. Als Polyhistor, der historische und etymologische Wurzeln freilegte und sowieso so breit wie ein Lexikon aufgestellt war, brachte er mir die Bedeutung von Sprache in der (als) Kampfkunst bei. Viele systemischen Irrtümer erklärte er mit Übersetzungsfehlern und kulturellen Defiziten. Die Einsicht in die Folgen von Übersetzungsverlusten beginnt da, wo man versteht, dass die ursprüngliche Klarheit eines biomechanisch logischen Befehls in den Interpretationen nachkommender Überlieferungsexperten zu einer absurden Deutungsvielfalt geführt hat. Am Ende vom Lied macht man Bewegungen, deren Bedeutungen man nicht kennt. Die Lesarten der auf Technikauslegungen spezialisierten Instruktoren bleiben oft unbefriedigend, weil sie zu kompliziert sind.

Bei einem Angriff, der diesen Namen verdient, fehlt jedem die Zeit für mehrstufige Verfahren. Man reagiert auf so etwas wie Steinschlag. Alles muss mit dem kontraintuitiven oder natürlichen Normalfluss sympathisieren. Ich komme auf Robert Chu zurück, weil er in einfachen Worten das Wesen und den Nutzen von Übungen erfasst.

“He wants to get up, so I send him off.”

Man sollte das nicht als Anleitung nehmen. Wahrscheinlich haben Sie es mit mehr als einer, zudem bewaffneten Person zu tun und werden von einem gedungenen Belastungszeugen gefilmt. Doch um es sich einmal noch kurz in Chus geisterhaft einfachen Verhältnissen gemütlich zu machen; gerade haben Sie das Gleichgewicht des Aggressors gestört. (Wahrscheinlicher ist, dass er sich selbst stört oder Sie schon am Boden sind.) Er will jetzt zurück in die Balance: sich schlicht und ergreifend aufrichten. Er tut unwillkürlich das Nächstliegende. Man kann sich tatsächlich darauf verlassen, dass das passiert. Der Praktizierende nutzt lediglich die Energie, die der Angreifer freisetzt, um wieder senkrecht zu stehen. Er übernimmt den Impuls: mehr nicht.

Was sehen Sie als Beobachter*in?

Sie sehen einen Geschupsten. Der Angegriffene macht das Gleiche, was man auch im Kindergarten macht, sobald die Souveränität bedroht wird. Er schupst den Aggressor, nur eben optimiert und (im kino‘esken Idealfall) mit Qi Power.

Wie gesagt, die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ablaufs sinkt stündlich.

Genialer Großgaukler

Kehren wir zu dem genialen Großgaukler Longstreet zurück. Seine Fähigkeiten zur Manipulation erreichten spielend die Obergrenze seines sportlich-artistischen Vermögens. Alle wahren Meister sind Solitäre. Jeder beherrscht etwas Intransparentes, das sich aus einem ungewöhnlichen Mischungsverhältnis von Fähigkeiten ergibt und nur in Einzelfällen transportierbar ist.

…  

Allein Lana Turgenew ragte aus dem Strauß der Schaustellergehilfinnen. Sie war und sah aus. Und so weiter.