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07.10.2020, Jamal Tuschick

Notgemeinschaft der Fehlangepassten

...dann kommt es zu „lästigen“ Allianzen mit Leuten, die im „Niemandsland der Einzelgänger“ nichts verloren haben.

Finnland in drei Strophen © Jamal Texas Tuschick

Für Johnny gibt es die Spiegelung im Leben der anderen nur zu ihrem (nicht empfundenen) Nachteil. Als Befund ohne Auswirkungen. Die Expertise bleibt abstrakt. Johnny steht auf Katharina Franck. Ihr fehlt ein Gesicht, das sie Vertrauen fassen lassen könnte.

„… mit festem Ausweichblick in Katharina Francks angstlos fragendes Gesicht, von dem du plötzlich wusstest, es fehlte dir, ein solches, hier, warum gab es solche Mädchen hier nicht, mit denen du befreundet hättest sein wollen, gegen die Welt. Verbündet. I walk ahead alone. 

I walk ahead alone, you tell me not to go so fast
But I am slower than you think, I am as careful as your touch
When you want me to relax I am as serious as your looks
When you want me to believe, oh, oh
Here is a blueprint of your past, here is a blueprint of your destiny
I walk ahead alone, you tell me not to go so fast

Eingebetteter Medieninhalt

Judith Zander © Bogenberger Autorenfotos

Immer wieder steigen Atolle der Eigentümlichkeit aus dem Meer des Gewöhnlichen. Dann kommt es zu „lästigen“ Allianzen mit Leuten, die im „Niemandsland der Einzelgänger“ nichts verloren haben. Die Überschreitungen sind temporären Schrittunsicherheiten geschuldet. Fähige Opportunistinnen verirren sich auf den Wegen zu festen Lagern und landen bei Johnny.

Judith Zander, „Johnny Ohneland“, Roman, Deutscher Taschenbuchverlag, 25,-

Judith Zanders Heldin findet sich selbst „nicht übel“.

Johnnys Selbstbewusstsein bietet der Lektüre einen zusätzlichen Reiz. Johnny verkommt nicht in der Absonderung. Vielmehr findet sie da alles, was sie braucht.  

In anderen Familien ziehen die Kinder aus.  Bei Wolkenzins geht die Mutter mit Aplomb. 

„Diese Familie war wie auch immer entstanden, aber gewiss nicht durch Sex.“  

Eines Tages verabschiedet sich die Mutter von der Familienbühne. Schriftlich klagt sie das Recht auf ein eigenes, mit (von der Familie konzertiert verweigerter) Anerkennung verbundenes Leben ein. Die Tochter versichert den anderen Zurückgebliebenen, dass Versorgungsleistungen im Ersatzwege nicht in ihrer Absicht lägen.

Ihr Rigorismus bleibt erfrischend. Daraus ergeben sich schöne Partien. Wegen der vielen Hemmungen in den Normalverläufen, die sich aus dem unwillkürlichen Isolationismus der Heldin ergeben, hat Johnny Penetrationssex zum ersten Mal mit einundzwanzig. Sie lobt sich für einen effektiven Durchgang, übrigens in Finnland.

„Vom ersten Kuss bis zum ersten Mal in weniger als Stunden, alles ein Abwasch.“  

Loïc ist schwul und bekennt schließlich Farbe, indem er behauptet, nicht länger so tun zu können als sei Johnny keine Frau. Die Verlassene fühlt sich immerhin verstanden von jemandem, auf den ein Mangel an Weiblichkeit nicht abschreckend wirkt.  

Mir gefällt die unspektakuläre Darstellung einer Devianz, die zum Glück von der Autorin nicht zur Erklärung von Johnnys ungeselligem Wesen herangezogen wird.

Graublau divers © Jamal Texas Tuschick

Phonetisch auf den Hund gekommen

It seems I had to fight my whole life through
Some gal would giggle and I'd get red
And some guy'd laugh and I'd bust his head
I tell ya, life ain't easy for a boy named Sue

Eingebetteter Medieninhalt

„Es gibt nur ein Land und seine Einwohner heißt Menschen.“  Joana ‚Johnny‘ Wolkenzin
*
„Johnny Ohneland“ - Der Titel hat ein historisches Echo. Der als Jean Plantagenêt geborene Johann Ohneland folgte seinem älteren Bruder Richard Löwenherz gegen dessen Nachfolgepräferenz sowie im Triumph über wenigstens einen anderen Anwärter 1199 auf den englischen Thron. Als Herzog der Normandie stand Jean Sans-Terre in einer Reihe mit Guillaume le Conquérant, der 1066 die französische Herrschaft in England etabliert hatte. Anders als Bill The Bastard (dieses Fleisch gewordene Furioso aus der Wikinger-Dynastie der Rolloniden) verstand John Lackland nichts vom Siegen. Er verlor so viel mehr als das kontinentale Stammland der Plantagenêts, dass ihn englische Barone 1215 zur Anerkennung der Magna Carta zwingen konnten. Seinen Schmähnamen verdiente er sich dennoch nicht mit den Niederlagen, sonden mit seiner Bloßstellung als hochgeborener Habenichts vor der Amtsübernahme.

Armenhäusler mit großen Namen; ich weiß nicht mehr, wo ich das gelesen habe, aber irgendwo steht, dass ein Pariser König so pleite war, dass er sich die Peinlichkeit nicht verkneifen konnte, einen Diener anzupumpen. 

Davon weiß Charlie noch lange nichts, als er seiner ein Jahr älteren Schwester Joana* den Rufnamen Johnny verpasst. Der Bruder entpuppt sich in allen Stadien als Dulder mit Widerstandskraft. Andere Kinder fürchtet er noch mehr als Johnny sie fürchtet. Sein Heil sucht er in vorauseilender Unverzagtheit. Die Geschwister üben nicht nur Bescheidenheit im Trübsal eines gemeinsamen Schlafzimmers. Sie sind auch sonst dicht genug beieinander, um es von ihren Stimmungen abhängig machen zu können, ob sie sich gerade lieber als Einzelwesen oder als Zwillinge wahrnehmen wollen.

Die beste Freundin, eine zu Madlen phonetisch auf den Hund gekommene Madeleine, verkürzt Joana auf Jo.  

Johnny erzählt überwiegend in spiraliger Ansprache. Das Text-Du spricht für sie:

„Du spürst es heute als einen nicht zu überwindenden Automatismus.“

Die Familie Wolkenzin wohnt mit dem Klo auf halber Treppe.

*Die Idee zu dem Namen bezogen die Eltern aus einem Italowestern. Johnny fragt sich (bei einem im Jetzt der Niederschrift erinnerten Kurzaufenthalt in Mailand), ob der Abklatsch in den „Abruzzen, in Apulien oder Arizona“ gedreht wurde.

“A Girl named Johnny”

Johnny erwähnt indirekt das Waterboys-Lied “A Girl Called Johnny”

A Girl Called Johnny was inspired by American singer-songwriter Patti Smith. Scott discovered Smith's musical work and poetry in 1976 and became a big fan …” Wikipedia

Denken lässt sich ferner an Johnny Cashs “A Boy Named Sue”

“Well my daddy left home when I was three/ And he didn’t leave much to Ma and me/ Just this old guitar and an empty bottle of booze/ Now, I don’t blame him ‘cause he run and hid But the meanest thing that he ever did/ Was before he left, he went and named me Sue”.

Westprodukte

„Die Unannehmlichkeiten der Ehe bedrücken sie um so mehr, als sie ihnen von Dauer, ja ewig zu sein scheinen: daher rühren Abscheu, Verachtung, Zwistigkeiten - und all das ist der Vermehrung abträglich. Kaum ist man drei Jahre verheiratet, liegt einem am ehelichen Verkehr nichts mehr, und man verbringt dreißig Jahre in Gleichgültigkeit.“ Montesquieu

Die Eltern lernten sich beim 1979er Fasching im Volkshaus kennen. Mit ihren Kindern teilen sie beengte Verhältnisse und eine kaum darstellbare Ambivalenz, wenn es um die Gerüche von Westprodukten geht.

*

Joana, von allen außer der Mutter Johnny genannt, vergleicht sich mit der Kohorte. Da ist zum Beispiel Frauke mit ihrem Fremdwörterfimmel, die alle für sich einnimmt. Die Poserin badet in jeder Lichtpfütze. Sie bietet keine Angriffsflächen, während du stets aus dem Rahmen fällst. Deine Nicht-Zugehörigkeit ist sperrig.

Die Referenzgruppe vertritt routiniert ihre Interessen:

„Wenn überhaupt, hingen sie (die angepassten Mitschülerinnen) mit Jungs aus der Elften und Zwölften herum, ließen sich in deren Autos an nahe Seen und zu Dorfdiscos fahren, ohne sich auf allzu viel einzulassen. Sie hatten alles im Griff, sie wussten, wie man es macht. Und du: vermisstest dein früheres Alleinsein ...“

Aus der Ankündigung: Joana Wolkenzin weiß früh, dass sie anders ist. Sie liest stundenlang und lernt Songtexte auswendig; später verliebt sie sich in Jungs und in Mädchen. Im vorpommerschen Niemandsland der Neunziger gibt sie sich einen neuen Namen: Johnny. Aber bringt ein neuer Name auch neues Glück? Als die Mutter über Nacht die Familie verlässt, kreisen Johnny, ihr Bruder Charlie und ihr Vater auf wackligen Bahnen um eine leere Mitte. Schließlich macht Johnny sich auf die Suche nach einem Leben und einer Erzählung, die ihren eigenen Vorstellungen entsprechen, in Deutschland, Finnland und Australien.

Judith Zander wurde 1980 in Anklam geboren und lebt heute in Jüterbog. Für ihre Werke wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem 3sat-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs und mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis. Ihr letzter Roman »Dinge, die wir heute sagten« stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Zuletzt erschien bei dtv ihr Gedichtband »manual numerale«.