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26.10.2020, Jamal Tuschick

Sehnsüchtige Selbstbeschränkung

© Jamal Texas Tuschick

Was auch sonst man sich in die Tasche lügen möchte, die Verflüchtigung der Leidenschaft ist der einzige Grund für eine offene Ehe. Noch braucht man Sex, um sich in Gang zu halten; jemanden, den man geil finden kann und der Partner, dieser dämliche Hund, steht für diese Aufgabe nicht mehr zur Verfügung. Das ist der Ausgangspunkt in Annette Mingels‘ Roman „Dieses entsetzliche Glück“. 

Annette Mingels, „Dieses entsetzliche Glück“, Roman, Penguin Verlag, 347 Seiten, 20,-

Natürlich ergeben sich einschlägige Kalamitäten aus einem fragwürdigen Ehebegriff, also aus einer fatalen Verkomplizierung, die dann zur Zeit- und Nervenfresserin wird, wenn man über die Overflow-Phase hinaus mehr anstrebt als eine Versorgungsgemeinschaft. Im konkreten Fall ist Robert bereits fünfzig, ein alter weißer Mann wie er im Buch steht. Das heißt, er hinkt allem hinterher mit einer Begriffsstutzigkeit, die er sich längst nicht mehr leisten kann.

Dem Arrangement voran geht eine Fremdgehzeit, in der allerdings nur Amy so frei ist bei einem Liebhaber zu suchen, was sie zuhause nicht mehr findet. In der koinzidierenden Krise stellt sich als besonders verheerend heraus, dass Robert von dem institutionalisierten Seitensprung bis zur Beichte nichts mitbekommt. 

Man muss dem Mann alles sagen und erklären. Amy erspart ihm nichts. Sie schläft mit Liam, der mit „der behäbigen Figur eines ehemaligen Ringers“ antritt. Ich denke bei der Beschreibung an eine Lächerlichkeit im Comickostüm, die mit Zack & Wumm-Sprechblasen eine Leerstelle besetzt, während Robert ehrlich genug ist, in der sehnsüchtigen Selbstbeschränkung sein Maß zu erkennen. Er ist so solvent, sein Elend nicht in eine große Klammer zu ziehen und moralische Überlegenheit zu beanspruchen. Vielmehr begnügt er sich mit Fitnesstraining. Immer besser passt sein Erscheinungsbild in den Studiospiegeln zum Ideal von einem bürgerlichen Best-Ager.  

Aus der Ankündigung: Über unsere Neigung, einander misszuverstehen, und das schwierig-schöne Miteinander, das Leben heißt - Hollyhock, eine Kleinstadt irgendwo in Virginia: von hier kommen sie, von hier fliehen sie, hierhin kehren sie zurück, manche für immer. Fünfzehn Menschen, fünfzehn Leben, die miteinander verbunden sind. Da sind Robert und Amy, die vor einem Jahr eine Vereinbarung getroffen haben: sie dürfen beide mit anderen schlafen, was Robert gar nicht will. Da ist Aiko, die glücklich sein könnte mit Alex, der eine Zuversicht ausstrahlt, die sie von ihrem Bruder Kenji kennt, doch das Glück will sich nicht einstellen. Da ist Dan, dessen Ehe in die Brüche ging und der ahnt, dass auch die seiner Schwester Amy auf der Kippe steht. Da ist Kenji, der sich als Schriftsteller versucht, und Lucy, die sich zu ihrer eigenen Überraschung in eine Frau verliebt. Und da ist Basil, der ein Geheimnis mit sich trägt, von dem in Hollyhock niemand etwas ahnt. Annette Mingels erzählt mit großer Wärme, heiterer Melancholie und Virtuosität von Menschen, die auf Durchreise in ihrem eigenen Leben sind. Ein Roman über die Unmöglichkeit der Nähe, unsere Sehnsucht danach und den manchmal lebenslangen, verzweifelten Versuch, sie zu erreichen.

Annette Mingels, geboren 1971 in Köln, studierte Germanistik, Linguistik und Soziologie in Frankfurt, Köln, Bern und Fribourg. Promotion in Germanistik. Nach Stationen in der Schweiz, in Montclair (USA) und Hamburg lebt sie seit Mitte 2018 mit ihrem Mann Guido Mingels und den drei Kindern in San Francisco.