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31.10.2020, Jamal Tuschick

Masculinitites: Liberation through Photography

Gay Politics

“My photography wasn’t like snapshots of us. I was photographing gay politics.” Sunil Gupta

Peter Hujar - Preludes to Sex/New York, Christopher Street - A moment of Desire and Liberation © Jamal Texas Tuschick

Pressetext

Die Gruppenausstellung Masculinities: Liberation through Photography versammelt unter anderem Arbeiten von Laurie Anderson, Richard Avedon, Rotimi Fani-Kayode, Isaac Julien, Annette Messager sowie Wolfgang Tillmans und untersucht, auf welche Weise Männlichkeit seit den 1960er Jahren erlebt, performativ hergestellt und sozial konstruiert wird.

In einer Zeit, in der sich klassische Männlichkeitsbilder in der Krise befinden und Begriffe wie „toxische“ und „fragile“ Männlichkeit gesellschaftliche Diskurse prägen, bieten über 300 Arbeiten von 50 internationalen Künstler*innen, darunter Laurie Anderson, Richard Avedon, Rotimi Fani-Kayode, Peter Hujar, Isaac Julien, Annette Messager, Catherine Opie und Wolfgang Tillmans, ein Panorama der filmischen und fotografischen Auseinandersetzung mit dem Maskulinen in all seiner Widersprüchlichkeit und Komplexität. Zentrale Bezugspunkte sind Themen wie Patriarchat, Macht, queere Identität, Race und Class, Sexualität sowie die weibliche Wahrnehmung von Männlichkeit, welche als ein weitgehend fließendes, performatives Identitätskonzept ins Blickfeld rückt.

Kuratiert von Alona Pardo, Barbican Centre

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Die Erschütterung des Archetyps

In den letzten sechs Jahrzehnten haben Künstler*innen konsequent versucht, die engen Genderdefinitionen zu destabilisieren, die unsere sozialen Strukturen bestimmen, und somit Identität, Gender und Sexualität neu zu denken. Die Erschütterung des Archetyps untersucht die Darstellung konventioneller und bisweilen klischeehafter männlicher Subjekte wie Soldaten, Cowboys, Athleten, Stierkämpfer, Bodybuilder und Ringkämpfer. Indem sie das Bild traditioneller Männlichkeit – lose definiert als eine idealisierte, dominierende heterosexuelle Männlichkeit – hinterfragen, fordern die hier präsentierten Künstler*innen unsere Wahrnehmung dieser hypermaskulinen Stereotype heraus.

In verschiedenen Kulturen und Räumen spielte das Militär für die Konstruktion männlicher Identitäten eine zentrale Rolle, die unter anderem in den Arbeiten von Wolfgang Tillmans und Adi Nes erkundet wird. Collier Schorrs und Sam Contis’ Werke thematisieren die vorherrschende und fortdauernde Darstellung des einsamen Cowboys. Catherine Opies und Rineke Dijkstras zarte Porträts stellen Sportlichkeit als Repräsentation von männlicher Stärke in Frage. Der männliche Körper, ein zentrales Thema für Künstler*innen wie John Coplans, Robert Mapplethorpe und Cassils, wird indessen als fleischliche, sich im ständigen Wandel befindliche Leinwand begriffen.

Historisch unterzog der westliche Blick den nicht-westlichen männlichen Körper einem komplexen Prozess der Subjektivierung, indem dieser stets als kriegerisch oder sexuell aufgeladen dargestellt wurde. In diesem Kontext können sowohl die Werke Fouad Elkourys und Akram Zaataris als auch die Fotografien von Talibankämpfern, die Thomas Dworzak in Afghanistan fand, als Dekonstruktionen des orientalistischen Blicks gelesen werden.

Männliche Ordnung: Macht, Patriarchat und Raum

Männliche Ordnung lädt die Betrachter*innen ein, über die Konstruktion männlicher Macht, Gender und Klassenzugehörigkeit nachzudenken. Die hier versammelten Künstler* innen haben alle auf unterschiedliche Weise versucht, bestimmte männliche Verhaltensweisen, die zu Formen von Ungleichheit zwischen und innerhalb unterschiedlicher Gender geführt haben, darzustellen und zu untergraben. Richard Avedons The Family (1976) und Karen Knorrs Gentlemen (1981–83), zwei ambitionierte mehrteilige Werke, lenken unser Augenmerk auf weiße Männer, die charakteristischerweise Anzug tragen und Machtpositionen besetzen. Dabei wird die Exklusion sowohl von Frauen als auch von marginalisierten Formen von Männlichkeit hervorgehoben.

Organisationen, die Männern vorbehalten waren – wie das Militär, Privatclubs und Studentenverbindungen – dienten häufig als Schauplatz für die Darbietung „toxischer“ Männlichkeit, wie sie in Andrew Moiseys The American Fraternity: An Illustrated Ritual Manual (2018), festgehalten wurde. Dieses aufrüttelnde Buch dokumentiert das Fehlverhalten von Mitgliedern von Studentenverbindungen und umfasst eine indexikalische Bildersammlung US-amerikanischer Präsidenten sowie anderer führender Regierungs- und Industrievertreter, die diesen Studentenverbindungen einmal angehört haben. Richard Mosses Film Fraternity (2007) schlägt eine andere Richtung ein, indem er männliche Wut auf spielerische und zugleich höchst aufrichtige Weise porträtiert.

Zu nah an Zuhause: Familie und Vaterschaft

Seit ihrer Erfindung ist die Fotografie ein äußerst wirkungsvolles Instrument für die Konstruktion und Dokumentation von Familiennarrativen. Doch im Gegensatz zu den Konventionen des traditionellen Familienporträts geht es den hier versammelten Künstler*innen ausdrücklich darum, die „Unordnungen“ des Lebens zu dokumentieren. Ihre Bilder sind Reflexionen von Misogynie, Gewalt, Sexualität, Sterblichkeit, Intimität und sich entfaltenden Familiendramen, die eine komplexe und nicht immer angenehme Sicht auf Vaterschaft und Maskulinität zeigen.

Verlust und die alternde männliche Figur stehen im Mittelpunkt der Werke von Masahisa Fukase und Larry Sultan. Ihre jeweiligen Projekte zeigen einen neuen Ansatz hinsichtlich der Art und Weise, wie Männer einander fotografieren. Außerdem sind beide Arbeiten Kommentare darauf, wie das voranschreitende Alter zu einem Verlust von Männlichkeit führt. Richard Billinghams ebenso zarte wie triste Porträts seines Vaters, eine Untersuchung seines Alltags, die der Künstler in Ray’s a Laugh (1996) festhielt, werfen einen brutal ehrlichen Blick auf seinen alkoholkranken Vater Ray und schildern dessen sozialen Abstieg.

Anna Fox’ verstörendes autobiografisches Werk unterläuft Erwartungen an das traditionelle Familienalbum und legt zugleich Mechanismen paternalistischer Macht offen. Derweil lenkt Aneta Bartos’ sexuell aufgeladene Serie Family Portrait (2015–18), die traditionelle familiäre Grenzen erschüttert, den Blick auf die Beziehung zwischen Vater und Tochter.

Männlichkeit queeren

Den Vorurteilen und rechtlichen Beschränkungen zum Trotz, denen sich Homosexualität in Europa, den Vereinigten Staaten und darüber hinaus im Verlauf des letzten Jahrhunderts ausgesetzt sah, veranschaulichen die in Männlichkeit queeren gezeigten Werke, wie Künstler* innen seit den 1960er Jahren eine neue politische, queere Ästhetik geschaffen haben.

In den 1970er Jahren fotografierten Künstler wie Peter Hujar, David Wojnarowicz, Sunil Gupta und Hal Fischer die Lebensrealitäten schwuler Communitys in New York und San Francisco. Sie verhalfen der Homosexualität zu einer Zeit, als diese noch unter Strafe stand, somit zu öffentlicher Sichtbarkeit und Legitimität. Indem sie über ihre eigene queere Erfahrung nachdachten und sinnliche Werkgruppen schufen, schilderten Künstler wie Rotimi Fani-Kanyode und Isaac Julien „Schwarzes schwules Begehren“, während Catherine Opies bahnbrechende Arbeit Being and Having (1991) Mitglieder der lesbischenButch- und BDSM-Communitys in San Francisco dokumentierte und mit den physischen Attributen spielte, die mit Hypermaskulinität assoziiert werden, um so ein traditionelles binäres Verständnis von Gender zu überwinden.

Die Rückeroberung des Schwarzen Körpers

Dieses Kapitel verleiht der Komplexität der Schwarzen männlichen Erfahrung visuelle Gestalt. Es rückt Künstler* innen in den Vordergrund, die im Lauf der letzten fünf Jahrzehnte bewusst Erwartungen, die im Zusammenhang mit raceGender und dem weißen Blick stehen, unterlaufen haben, indem sie die Deutungsmacht über ihre eigenen Identitäten zurückforderten.

Von Samuel Fossos spielerisch inszenierten, in seinem Studio aufgenommenen Selbstporträts, in denen er in Schlaghosen und Plateaustiefeln für die Kamera performt oder kokett seinen jugendlichen, männlichen Körper entblößt, bis zu Kiluanji Kia Hendas fiktiven Szenarios, in denen er in die Rolle problematischer afrikanischer Machthaber schlüpft, thematisieren die hier präsentierten Werke, auf welche Weise Schwarze Männlichkeit den Status quo hinterfragt.

Die Repräsentation Schwarzer Männlichkeit in den USA ist tief in gesellschaftlicher, kultureller und wirtschaftlicher Unterdrückung und Verdrängung verwurzelt und aus einer gewaltsamen Geschichte von Sklaverei und Vorurteilen hervorgegangen. Unbranded: Reflections in Black by Corporate America 1968–2008 (2005–08) von Hank Willis Thomas legt den Fokus auf die Art und Weise, wie das kapitalistische Amerika die Erfahrungen von afroamerikanischen Männern kommodifiziert und gleichzeitig kulturelle Klischees aufrechterhalten, ja verstärkt hat. In ähnlicher Weise veranschaulicht Deana Lawsons eindrucksvolles Werk Sons of Cush (2016), wie die Schwarze männliche Figur häufig „(hinsichtlich ihrer physischen Schönheit) idealisiert und kulturell (als Symbol von Gewalt oder Furcht) pathologisiert wird“.

Frauen über Männer: Die Umkehrung des männlichen Blicks

In den 1960er und 1970er Jahren versuchten Aktivist*innen mit dem Aufkommen der zweiten Welle des Feminismus, tief verwurzelte Vorstellungen von Maskulinität aufzudecken und zu kritisieren, um alternativen Sichtweisen auf Gender und Repräsentation Raum zu geben. Vor diesem Hintergrund, oder motiviert durch sein Vermächtnis, haben die hier versammelten Künstler*innen Männer zu ihrem Sujet gemacht und dabei die radikale Absicht verfolgt, deren Macht zu untergraben. Sie stellten dabei die Vorstellung, Männer seien aktiv und Frauen passiv, grundlegend in Frage.

In den frühen 1970er Jahren objektifizierten Wegbereiterinnen der feministischen Kunst wie Laurie Anderson und Annette Messager ganz bewusst den männlichen Körper, um die problematischen Eigenschaften des dominanten männlichen Blicks aufzudecken. Tracey Moffatt und Hilary Lloyd dagegen drehen den Spieß um und richten den Blick auf männliche Darstellungen von Begehren, um so die Macht des weiblichen Blicks hervorzuheben.

In seiner humorvollen Serie The Ideal Man (1978) lud Hans Eijkelboom zehn Frauen ein, ihn nach ihrem Bild des „idealen“ Mannes einzukleiden. Dadurch kehrt Eijkelboom die Machtdynamik zwischen Männern und Frauen um und stellt die traditionelle Genderhierarchie auf den Kopf.