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06.11.2020, Jamal Tuschick

Inneres Blutbad

New York am 3. Juni 1968 gegen 17 Uhr. Der Mann in der Notaufnahme des Columbus-Krankenhauses scheint schon tot eingeliefert worden zu sein. Das Geschäft der Rettung rauscht über den scheinbar hoffnungslosen Fall hinweg. Ärzte bringen noch einen Thoraxkatheter an, ein junger Feuerreiter der Medizin namens Giuseppe Rossi untersucht die Leiche „eines Penners vom Union Square“.

So kommt Rossi der von Valerie Solanas angeschossene Andy Warhol vor. Wir kennen alle die Geschichte. Heute noch feiern manche Solanas als Urmutter einschneidender Radikalität. Blake Gopnik beschreibt sie in seiner Warhol-Biografie „Ein Leben als Kunst“ als „verstörte Mitläuferin“.

Blake Gopnik, „Warhol. Ein Leben als Kunst“, Biografie, auf Deutsch von Aus dem Amerikanischen von Marlene Fleißig, Hans Freundl, Ursula Held, Hans-Peter Remmler, Andreas Thomsen, Violeta Topalova, Bertelsmann, 1224 Seiten, 48,-   

Rossi entdeckt einen Blutpfropf. Er wirkt wie ein Flaschenhalsverschluss. Die Organhöhlen laufen voll im inneren Blutbadgeschehen. Die Milz ist ein Fetzen, ein Leberlappen: gequetscht. Die Därme sind perforiert. Magensäure steigt auf. Exkremente schwimmen in der Melange und erhöhen das Risiko einer tödlichen Infektion.

Rossi arbeitet sich einen Wolf. Schließlich erfährt der gute Mann, dass es an ihm ist, einen Superstar im Spiel zu halten.

Dem dramatischsten Augenblick in Warhols Leben folgen Momentaufnahme, die der migrantischen Tristesse seiner 1928 in Pittsburgh gestarteten Kindheit gewidmet sind. Es gibt ältere Brüder, der Vater ist Stahlwerker und Bauarbeiter. Er verlegt Häuser. Mitunter ziehen die Bewohner*innen in der mobilisierten Immobilie um.

Die Mutter spricht kaum Englisch. Mitunter wirtschaftet sie monatelang als Strohwitwe, während ihr Mann auf Montage ist. Die Familie wird zur Geisel der Großen Depression. Man verrührt Wasser mit Ketchup als Campell’s-Ersatz. Der oder das Ketchup immerhin von Heinz. Auch das eine Marke, die sich mit Warhols Genielabel verbindet.

Gopnik konzentriert sich auf die Pressplatten- und Plumpsklo-Armut. Schande, Schmach und Scham gibt es nicht, nur Kälte, die in den Arsch beißt. Trotzdem fühlt man kaum das Elend, da es alle beherrscht, die an den Maßstäben mitwirken.    

„Schließlich lebten alle anderen genauso.“

Zumindest in der Perspektive von jemanden, der über drei Straßenzüge nicht hinauskommt.

Der Biograf schildert Wirkungen der sozialen und topografischen Herkunftsmerkmale. Er charakterisiert sie als Markierungen.

Aus der Ankündigung

Die definitive Biographie: Andy Warhol ist der bekannteste Künstler der Pop-Art. Seine knallbunten Bildserien von Suppendosen, Bananen oder Hollywood-Stars wie Marilyn Monroe sind bis heute stilprägend, die Gemeinde aus Musen, Celebritys, Drag Queens und Intellektuellen, mit denen er sich in seiner New Yorker »Factory« umgab, ist legendär. In seiner monumentalen Biografie taucht Blake Gopnik tief in das Leben dieser ebenso radikalen wie rätselhaften Kunstfigur ein. Eindrucksvoll zeigt er, wie Warhol nicht nur in seinem Werk die Trennung zwischen Kunst und Leben auflöste und dadurch die Kunstwelt ebenso nachhaltig faszinierte wie revolutionierte. Eine akribisch recherchierte und umfassende Biographie einer der schillerndsten Gestalten des 20. Jahrhunderts. Mit zahlreichen Abbildungen.

Blake Gopnik, Jahrgang 1963, zählt zu den führenden Kunstkritikern Nordamerikas. Nach seiner Promotion in Kunstgeschichte in Oxford schrieb er für »Newsweek« über Bildende Kunst und Design, bei der »Washington Post« und der kanadischen »Globe and Mail« war er Ressortleiter für Kunst. 2015 war er Fellow am Leon Levy Center for Biography an der City University of New York, 2017 dann Cullman Center Fellow in residence an der New York Public Library. Er schreibt regelmäßig in der »New York Times«.