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07.11.2020, Jamal Tuschick

Olympischer Jesus

Andy Warhol verbreitete autobiografische Lügen. Als Newcomer in New York erzählte er das Märchen vom Kind aus der göttlichen Esse.

© Jamal Texas Tuschick

Der „Höhepunkt (seiner) Selbstoffenbarung“ ist eine Lüge. Als Andy Warhol in den späten Nachkriegsvierzigern nach New York kommt, erklärt er sich an Ort und Stelle seiner größten Wirkung zum Sohn eines Stahlarbeiters.

Ich wurde in einem Stahlwerk geboren, wie alle in Pittsburgh.

Tatsächlich war sein Vater im Wesentlichen ein nomadisierender Bauarbeiter migrantischer Provenienz; ein Spezialist für die Mobilisierung von Immobilien. Er wirkte am Transfer kompletter Häuser mit, die auf Sattelschleppern über Highways gezogen wurden. Manchmal reisten die Bewohner in ihrem aufgebockten Eigentum.

Warum dichtete Warhol seinem profanen Vater einen magischen Beruf an?

Natürlich entspricht die Metapher vom Stahlwerkersohn aus einer Stahlstadt im Stahlstaat Pennsylvania der zeitgerechten Adaption eines Mythos. Es geht um den Schmied in seiner Esse.

„Hephaistos ist einer der zwölf olympischen Götter. Als Gott des Feuers und der Schmiede ist er für seine besondere handwerkliche Geschicklichkeit bekannt, die im Gegensatz zu seinem körperlichen Gebrechen steht. Er ist der einzige Lahme unter den großen griechischen Göttern.“ Wikipedia

Auf einfache Weise macht sich Warhol so zum olympischen Jesus.

Blake Gopnik, „Warhol. Ein Leben als Kunst“, Biografie, auf Deutsch von Aus dem Amerikanischen von Marlene Fleißig, Hans Freundl, Ursula Held, Hans-Peter Remmler, Andreas Thomsen, Violeta Topalova, Bertelsmann, 1224 Seiten, 48,-   

Titanenlegende

Wikipedia weiß: „Beruf geht auf „berufen“ (mittelhochdeutsch beruofen) zurück, einer Präfixbildung des Verbs rufen - vocatio – Evokation. Martin Luther übersetzte vocatio als die Berufung durch Gott. ‚Jeder bleibe in dem Beruf, in dem ihn Gottes Ruf traf‘.“  

„Das Wort ‚Schmied‘ leitet sich vom altnordischen smiðr ab. Das zugehörige Verb að smíða war in den frühen germanischen Schriften gleichbedeutend für ‚erschaffen‘. Schmiedekunst und Schöpferkraft waren eins.“ Quelle

Anders gesagt: Warhol erschafft sich eine Herkunft nur vermeintlich auf blassem Grund. In Wahrheit stiftet die autobiografische Lüge eine Titanenlegende. 

Die Wahrheit, die ein fruchtbares Gebiet zur Wüste macht, interessiert niemanden. Je müheloser die sozialen Klimmzüge gelingen, desto vager werden die Auskünfte des Avancierten. Warhol spielt mit den Geburtsdaten Zeitpunkt & Schauplatz. Er ruiniert die Fakten, bis hin zu einer Aristokratisierung, die ihn zu einem von Warhol aus Cleveland in Ohio macht. Vor allem kehrt er kaum je zurück in seine Heimatstadt. Auch dem slowakisch-ruthenisch-bäurischen Ursprung seiner Eltern schenkt er zunächst geringe Aufmerksamkeit. Die Familie der Mutter besaß immerhin ein paar Bienenstöcke und galt darum als beinah begütert in Miková, einem Weiler, der im 14. Jahrhundert schon existierte als Heimstatt ursprünglich litauischer und ukrainischer Untertanen.   

Inneres Blutbad

New York am 3. Juni 1968 gegen 17 Uhr. Der Mann in der Notaufnahme des Columbus-Krankenhauses scheint schon tot eingeliefert worden zu sein. Das Geschäft der Rettung rauscht über den scheinbar hoffnungslosen Fall hinweg. Ärzte bringen noch einen Thoraxkatheter an, ein junger Feuerreiter der Medizin namens Giuseppe Rossi untersucht die Leiche „eines Penners vom Union Square“.

So kommt Rossi der von Valerie Solanas angeschossene Andy Warhol vor. Wir kennen alle die Geschichte. Heute noch feiern manche Solanas als Urmutter einschneidender Radikalität. Blake Gopnik beschreibt sie in seiner Warhol-Biografie „Ein Leben als Kunst“ als „verstörte Mitläuferin“.

Blake Gopnik, „Warhol. Ein Leben als Kunst“, Biografie, auf Deutsch von Aus dem Amerikanischen von Marlene Fleißig, Hans Freundl, Ursula Held, Hans-Peter Remmler, Andreas Thomsen, Violeta Topalova, Bertelsmann, 1224 Seiten, 48,-   

Rossi entdeckt einen Blutpfropf. Er wirkt wie ein Flaschenhalsverschluss. Die Organhöhlen laufen voll im inneren Blutbadgeschehen. Die Milz ist ein Fetzen, ein Leberlappen: gequetscht. Die Därme sind perforiert. Magensäure steigt auf. Exkremente schwimmen in der Melange und erhöhen das Risiko einer tödlichen Infektion.

Rossi arbeitet sich einen Wolf. Schließlich erfährt der gute Mann, dass es an ihm ist, einen Superstar im Spiel zu halten.

Dem dramatischsten Augenblick in Warhols Leben folgen Momentaufnahme, die der migrantischen Tristesse seiner 1928 in Pittsburgh gestarteten Kindheit gewidmet sind. Es gibt ältere Brüder, der Vater ist Stahlwerker und Bauarbeiter. Er verlegt Häuser. Mitunter ziehen die Bewohner*innen in der mobilisierten Immobilie um.

Die Mutter spricht kaum Englisch. Mitunter wirtschaftet sie monatelang als Strohwitwe, während ihr Mann auf Montage ist. Die Familie wird zur Geisel der Großen Depression. Man verrührt Wasser mit Ketchup als Campell’s-Ersatz. Der oder das Ketchup immerhin von Heinz. Auch das eine Marke, die sich mit Warhols Genielabel verbindet.

Gopnik konzentriert sich auf die Pressplatten- und Plumpsklo-Armut. Schande, Schmach und Scham gibt es nicht, nur Kälte, die in den Arsch beißt. Trotzdem fühlt man kaum das Elend, da es alle beherrscht, die an den Maßstäben mitwirken.    

„Schließlich lebten alle anderen genauso.“

Zumindest in der Perspektive von jemanden, der über drei Straßenzüge nicht hinauskommt.

Der Biograf schildert Wirkungen der sozialen und topografischen Herkunftsmerkmale. Er charakterisiert sie als Markierungen.