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15.12.2020, Jamal Tuschick

Die Prosa von Clarice Lispector trifft den Leser stets unvorbereitet. Sie bewahrt ihr Geheimnis und hört deshalb nicht auf, überraschend zu sein. Ihre Strudel fesseln den Erfassten. Er verliert sich wie in Labyrinthen.

Mühelose Aufmerksamkeit

Warum gelingt manchen das Leben mühelos, während andere sich vergeblich abmühen? Die Antwort ist einfach. Die, die sich schinden und glauben, immer kämpfen zu müssen, haben nicht verstanden, dass sie sich selbst blockieren. In Wahrheit kämpfen sie gegen sich. Sie müssten loslassen, um mühelos zu werden.  

Der große Kreis. Da es keinen Anfang gibt, bleibt auch das Ende fern. Doch viele lassen sich von dem Sackgassenschild hypnotisieren. © Jamal Texas Tuschick

Wir kennen die Avenida Copacabana als Boulevard der Verheißung. In der akuten Perspektive erschöpft sich der Prospekt in einem Dreiklang der Ansichten. Häuser, Meer und Leute wimmeln zusammen in einem kraftlos-unscharfen Bild.

Clarice Lispector, „Aber es wird regnen“, Erzählungen, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby, herausgegeben von Benjamin Moser, Penguin Verlag, 281 Seiten, 22,-

Im Kontext der Wahrnehmung unter den Vorzeichen des Jetzt stellt sich die Avenida Copacabana auch so dar:

„Die Apartments Av. Nossa Senhora de Copacabana bieten Ihnen Unterkünfte zur Selbstverpflegung und liegen nur hundert Meter von der berühmten Copacabana entfernt … Die U-Bahn-Station Cantagalo ist drei Blocks entfernt … Den Flughafen Santos Dumont erreichen Sie nach zehn Kilometern.“ Quelle

In „Gott vergeben“ färbt Sepia die Magistrale. Wieder erscheint die Erzählerin namenlos. Sie befindet sich in einem Zustand „müheloser Aufmerksamkeit“.

„Ich war etwas sehr Seltenes, nämlich frei.“

Zärtlich besitzt sie die Dinge mit den Augen. Anders will sie sie gar nicht haben. Sie betont, nicht auf einer tour de propriétaire zu sein. Gleichzeitig fühlt sie sich als „Mutter Gottes“.

Wer kennt das nicht?

Der Planet liegt einem zu Füßen. Man weicht zum Strand hin ab vom Straßenverlauf. Unter den Sohlen ergeben sich Muscheln, um mit einem Wohllaut zu zerbrechen. Der Sand macht sich geschmeidig. Der Strand wird zur Metapher der Privilegien. Man erlebt dies gewiss „ganz ohne Anmaßung und Selbstherrlichkeit“. – Und so stellt sich die Erzählerin auch Gott vor; nämlich als ein Wesen, „dass sich ohne jeden Stolz und jede Kleinlichkeit liebkosen“ lässt.

Die Erzählerin befragt sich. Sie argumentiert gegen sich selbst mit den Argumenten der Psychoanalyse, in der sie so bewandert ist wie du und ich.

Darf man so empfinden?

Steckt man jetzt in einer Hybrisfalle? Hat man sich wüst verirrt?

Die Erzählerin vollzieht an sich die Apotheose, und ich sage, so what, Baby. Vom Mummenschatz zum Nonnentanz … was wissen wir denn? Die Erfüllte mäandert aus der Geläufigkeit. Man fürchtet Gott auch da, wo man ihn liebt. So betet sie einen Allgemeinplatz nach. Bevor sie sich gedanklich selbständig macht:

„Von einer mütterlichen Zärtlichkeit für Ihn“ hat sie noch nie gehört. Nun aber liebt sie Gott wie einen Sohn. Deshalb kennt sie auch seine Schande.

Die Erzählerin vollzieht an sich die Apotheose, und ich sage, so what, Baby. Vom Mummenschatz zum Nonnentanz … was wissen wir denn? Die Erfüllte mäandert aus der Geläufigkeit. Man fürchtet Gott auch da, wo man ihn liebt; so betet sie einen Allgemeinplatz nach. Bevor sie sich gedanklich selbständig macht:

„Von einer mütterlichen Zärtlichkeit für Ihn“ hat sie noch nie gehört. Nun aber liebt sie Gott wie einen Sohn. Deshalb kennt sie auch seine Schande.

Clarice Lispector erzählt das so. Mir wäre es nie in den Sinn gekommen: diese Verdrahtung von Gott, Sohn und Schande. Vermutlich verwest in dem delirierenden Ich doch noch sehr viel mehr religiöse Erziehung als in mir. Es gibt da einen Übergang. Da will, so scheint mir, die Erzählerin für Gott (ihren Sohn) den Rock heben. Vielleicht habe ich mich verlesen. Andererseits standen wir den Göttern auch schon mal näher und waren mit ihnen verwandt und stammten heldisch ab von ihnen. Daran erinnere ich in der postheroischen Agonie, die auch eine Aporie ist.

Keiner weiß mehr.

Das alles interessiert mich weniger als die „Mühelosigkeit“. Ich verwende den Begriff in dem Sinn, den ihm Professor Kernspecht gegeben hat.

„Davon abgesehen denke ich, dass ein ganz entscheidendes Erlebnis war, als ich sah, wie Joseph Cheng damals einen Herausforderer nach dem anderen (mit Wing Tsun) besiegte. Und dabei elegant aussah! Das war, was ich wollte: mit dem Gegner kämpfen und mit ihm spielen. Mühelos.“ Großmeister K. Kernspecht/Quelle

Saugender Einstieg

Solange man Menschen anziehend findet, geschehen seltsame Dinge. Davon die Rede ist in „Unfreiwillige Fleischwerdung“. Auch diese Miniatur erzwingt mit einem soghaften Einstieg die Aufmerksamkeit der Leserin.

Wer - Von wem - Was - Woraus?   

Die Erzählerin liefert die Informationen auf einem Vorfeld des Geschehens, so als wähne sie sich in der Gesellschaft einer Schar messerscharf ermittelnder Jurist*innen oder Journalist*innen oder Polizist*innen.

Wer - Von wem - Was - Woraus? So geht die Litanei jeder Tatbestandsfeststellung.

Auf einem Flug bittet die Erzählerin Gott, ihr die Verschmelzung mit einer Missionsschwester zu ersparen.

„Ich will nicht diese Missionsschwester sein.“

Doch macht die Intuition keine Pause.

„Ich wusste … (ich) würde … mehrere Tage Missionarin sein.“

Clarice Lispector, „Aber es wird regnen“, Erzählungen, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby, herausgegeben von Benjamin Moser, Penguin Verlag, 281 Seiten, 22,-

„Das ausgesucht höfliche Zartgefühl“ der Nonne ergreift wie ein Krake Besitz von der wehrlos Empfänglichen. Das Programm der anderen geht ihr gegen den Strich. Die Erzählerin weist sich aus als geschäftige Person, befasst und erfüllt mit/von irdischem Kleinkram. In ihrer Person feiert sich die Diesseitigkeit. Das Apollinische ist Trumpf.

Eine Verächterin der Schwermut spricht. Übertriebene Empfindlichkeit erscheint ihr so störend wie mir. Die Nonne aber kam erschöpft auf die Welt, um da das Schauspiel eines zermürbten Kindes aufzuführen. Allem Praktischen begegnet sie mit „Bangigkeit“.

Prätentiös findet die Erzählerin jene „evangelikale Spannung“, die plötzlich in ihr arbeitet.   

Muss ich deutlicher werden? Clarice Lispector beglückt uns mit Genie. Zack schlägt sie eine Seite des Lebens auf und der Rest kommt wie das Katzenmachen.

Die Autorin spielt mit den Metaphern der Inkarnation. An die Stelle der göttlichen Fleischwerdung tritt eine triviale Inkubation. Das prosaische Ich registriert die Symptome.

„Noch im Flugzeug bemerke ich, dass ich mich wie eine heilige Laiin bewege.“

Geduld und Bescheidenheit nehmen drakonisch Quartier in der Erzählerin. Nun ist ihr jedes „kräftige Auftreten“ verboten.

„Ich bin jetzt blass, ohne eine Spur von Lippenstift.“

Indem die wie von Invasionstruppen Eingenommene das Nonnenrepertoire in ihren Registern speichert, desavouiert sie es. Sie kehrt die Schwächen der vorgeblich Makellosen nach außen. Sie verrät aber auch die heimlichen Freuden einer von ihrer Sendung Dauerpenetrierten; die das Leid überwunden zu haben behauptet: auf einer gauklerhaften Friedensmission.

Es geht um die Rummelplatzaspirationen des übergeordneten Standpunkts. Mit den Tentakeln der Nervosität einer konsequent Weltlichen spürt die Erzählerin das hausgemacht Muffige und klappernd Hochstaplerische an der Seligkeit ihrer Nonne auf. Die leichte Brise einer penetranten „Sanftheit“ weht über Maulwurfhügeln moralischer Anmaßung.

Ein Kaugummi verteilender Steward lässt die Nonne erröten. Das umgeleitete Begehren bewirkt eine an Hinfälligkeit grenzende Anfälligkeit. Die Erzählerin erkennt den „geläuterten Fanatismus dieser … Frau“. Die bloße Nähe eines jungen Mannes heizt sie auf.  

Die zwanghaften Anverwandlungen sind nicht nur belastend, sondern auch reizvoll. Die Gegenprobe macht die Erzählerin auf einer anderen Reise. Sie gerät in den Bann einer geruchsexpansiven Sexarbeiterin, die gerade einen Mann hypnotisiert. Die Nachahmung misslingt. Die Anverwandlungsartistin konstatiert einen „völligen Fehlschlag“. „Der Dicke“, den sie in ihr Anziehungsnetz zu spinnen versucht, offenbart sich als totaler Stoffel. Er bleibt mit seinem Interesse bei seiner Zeitung. Er bleibt bei sich. Warum sollte er den Hort seiner Bequemlichkeit verlassen. Vielleicht ist er Kriminalbeamter und versiert in verdeckten Observationen. Bestimmt hat er daheim alles, was er braucht. Da sitzt kein Ausgesetzter, während die Nonne, peinlich getriggert von grandiosen Ich-Ideen, nicht weiß wohin mit den irdischen Anhaftungen.  

Zum Menschen gezähmt

Ein namenloses Mädchen taucht am Erzählhorizont auf. Sein Erscheinungscharakter artikuliert sich in Verwehungsformeln. Man hat den aufgerissenen Himmel, die furiosen Wolkenformationen und das magische Licht aus dem Erzählbaukasten der Überwältigung. Darunter spielt sich das handelsübliche Kleinklein ab. Das Mädchen avanciert zur Hühnerdoktorin. Es erkennt ein beinah menschliches Repertoire bei ihren Gockeln. Die innersten Sehnsüchte der Hühner offenbaren sich ihm.

„Mit der Direktheit einer Krankenschwester (riecht) sie unter den Flügeln.“

„Das Mädchen“ lebt in Minas Gerais, „einem großen, im Landesinneren liegenden Bundesstaat im Südosten Brasiliens, bekannt für seine aus der Kolonialzeit stammenden Städte, die während des Goldrausches im 18. Jahrhundert (aus dem Boden gestampft wurden). Kopfsteinpflaster, elegante Villen und barocke Kirchen mit Skulpturen des Bildhauers Aleijadinho prägen das Bild jener Städte, zu denen São João del Rei, Tiradentes und die alte Hauptstadt Ouro Preto gehören.“ Wikipedia

Da trägt man keine Unterwäsche aus Nylon, sondern knistert in Batist. Weit und breit gibt es keine Apotheke in der Gegend, die den Schauplatz einer Geschichte abgibt, die wieder so ungerahmt von der Realität daherkommt. Clarice Lispector gelangen Fließbandwunder. Sie produzierte einen Kleinod nach dem nächsten. Die Stücke halten einem Vergleich mit der frühen Prosa von Joyce stand.

Das Mädchen liebt seine Menagerie namentlich. Eines Tages informiert es eine Tante:

„Wir haben Petronilha gegessen.“

Hass auf die Hühnerfresser*innen kocht in der Heldin hoch. Doch dann beginnt ein Transformationsprozess. Das Mädchen lernt die Hühner mit Haut und Haaren zu lieben. Endlich begreift es die Vollendung des Liebesglücks als Akt der Einverleibung. Schließlich setzen die Liebsten ihr Leben in der Vereinnahmenden fort. Die federleichte Moral von der Geschichte verweht mit allen Bildern. Ein Nebelschleier reißt, und die Dinge treten ungefragt aus dem Dunst. Der Zug fährt weiter in die Gewöhnlichkeit des Omnivoren-Alltags. Wir töten, was wir lieben, und fressen sowieso alles.    

Zum Menschen gezähmt

Woher kommt die Idee, der Mensch habe eine mentale Bestimmung jenseits des Vegetativen? Verbreitet bleibt die Vorstellung, er käme mit einer aristokratischen Grundausstattung zur Welt, die ihm dann in Prozessen abgerungen würde. Das Massenwesen Mensch strebt vielmehr zum Dung der Horde. Gleichzeitig macht es sich selbst klein in der Gefangenschaft des Egoismus.

Egoismus funktioniert für die meisten wie ein Häcksler.

Davon erzählt Clarice Lispector in „Federzeichnung eines Jungen“. Die Autorin beschwört ihre Melancholie angesichts eines „Jungen, der gerade seine ersten Zähne bekommt“ und doch ohne „die Chance auf einen Neuanfang“ startet.

Er scheißt ins Hamsterrad der Wiederholungen.

„Eines Tages werden sie ihn zu einem Menschen zähmen.“

Die Erzählerin dementiert das Lichte der Aussichten ihres Helden an allen Fenstern. Sie skizziert in einer Vorwegnahme des Unvermeidlichen die Stadien der Abrichtung. Sie betont, wie eifrig der Eleve an seiner eigenen Dressur mitwirkt.

Das ist vortrefflich formulierter Punk als Krise der Individualisierung. 

Die Erzählerin beschreibt den Verlust der seligen Innerlichkeit aus dem Wunsch, der Mutter zu gefallen. Die Mutter will die vorzeigbare Artigkeit zum Beweis, dass sie den Kontributionen der Nachbarschaft genügt. Ihr ist der Gehorsam längst in Fleisch und Blut übergegangen. Sie salbt sich mit einer Milch der Unterwerfung.

„Bist du … auch schön brav?“ fragt die Mutter, und das Kind robbt ihrem Verlangen entgegen.

„Und so wird (das Kind) weitermachen und Fortschritte (die in Wahrheit Rückschritte sind) erzielen, bis es nach und nach … aus der Zeit des Gegenwärtigen in die Zeit des Alltäglichen eintreten wird, aus der Meditation in den Ausdruck, aus der Existenz ins Leben.“

Das blitzt wieder auf:

„Sein gesamtes Gleichgewicht liegt innen.“

Die Perfektion wird ihm gerade ausgetrieben. Das Kind wird umgestülpt und nach außen gekehrt. Usurpatoren besetzen sein Gleichgewichtszentrum und zerstören die ursprünglichste Gravitation.  

Mit den Augen einer Meisterin erkennt die Autorin:

„Das Gleichgewicht löst sich auf. In einer einzigen … Bewegung fällt (das Kind) auf den Hintern.“

Beobachtung erzeugt Abstand. Folglich funktioniert sie als Distanzierungsmittel 

Die „Lebensanstrengung“ lässt das Kind speicheln. Die Erzählerin zählt jeden Tropfen wie er den Boden sprenkelt. Sie ist unfassbar genau und entsprechend distanziert. Das Kind hängt an dem Fleischerhaken einer Beobachtungsgabe, die obsessiv und zwanghaft zu nennen sich verbietet.

Das gestaltete Ich

„Es gibt nur zwei Dinge/ die Leere und das gezeichnete Ich“ Gottfried Benn

Clarice Lispector setzt das Meer und die Frau auf eine Linie der Betrachtung. Das betrachtete Ich triumphiert geschlagen. Es macht das Fass des Tages mit lauter Unbegreiflichkeitsfloskeln auf. Unbegreiflich sind ... Die Erzählerin nennt die Stunde der Erhebung. Morgens um sechs ist ihre Akteurin allein am Strand, sieht man von einem schwarzen Hund ab. 

„Warum ist der Hund nur so frei?“

Der Hund befragt sich nicht. Restlos mit sich selbst identisch, muss er sich nicht mit irgendeiner Sinnproduktion vom höllischen Nichts ablenken. Bedroht vom Horror vacui, feiert sich die Einsame als „Winzigkeit gegenüber der endlosen Weite“. Sie tröstet sich mit der Hingabe an eine totalitäre Erwartung.

„Ein Tosen ohne Wut“ wird sie aufnehmen und sie erlösen.

Aus der Ankündigung: Platz 1 der SWR Bestenliste, eine beeindruckende Anzahl hymnischer Rezensionen und eine Nominierung der Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020: der erste Band von Clarice Lispectors Erzählungen (»Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau«) begeisterte die Presse ebenso wie Leserinnen und Leser. Zum 100. Geburtstag der Autorin liegt nun der zweite und letzte Band vor. Auch er zeigt die brasilianische Ausnahmeautorin wieder als einzigartige Chronistin des weiblichen Lebens und seiner Abgründe: Eine junge Frau entdeckt nach vielen Demütigungen das ekstatische Glück des Lesens. Ein Hausmädchen versinkt in traurigen Gedanken, um gestärkt in den Alltag zurückzukehren. Eine Beobachterin taucht in fremde Menschen ein und wird zu deren Fleisch. In 44 Geschichten, entstanden auf dem Höhepunkt ihrer literarischen Karriere und für diese Ausgabe von Luis Ruby neu übersetzt, paaren sich widersprüchlichste Gefühle und kühne Bilder mit philosophischer Erkenntnis. Lispector macht uns staunen – nicht zuletzt über die Kompliziertheit des Lebens.