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22.01.2021, Jamal Tuschick

Textland LAB: Biografische Schreibworkshops - Heute Karosh Taha

Deutschland ist empirisch zu einem Einwanderungsland geworden. In Städten wie Frankfurt am Main weisen bereits rund zwei Drittel der unter Sechsjährigen eine mehrkulturelle Herkunft auf. Entsprechend heterogen sind die kulturellen Identitätsbezüge. Unser Ziel ist es, diese Vielfalt an Perspektiven und persönlichen Geschichten sichtbar zu machen, geleitet von der Frage, wie daraus eine „kollektive“ oder auch eine „pluralisierte“ Erinnerung entstehen kann.  Wir brauchen eine Vielzahl von Geschichten, die sich unterscheiden, widersprechen und miteinander in Dialog treten. Geschichten, die uns helfen, Verständnis aufzubauen und Wahrheiten nicht so absolut zu nehmen. 

Karosh Taha © Paul Englert

Karosh Taha wurde 1987 in der Kleinstadt Zaxo im Nordirak geboren und lebt seit 1997 im Ruhrgebiet. Sie hat an der Universität Duisburg-Essen sowie in Kansas/USA Anglistik und Geschichte studiert. 2018 erschien ihr Romandebüt „Beschreibung einer Krabbenwanderung“, ihr Roman „Im Bauch der Königin“ erschien 2020, beide bei DuMont. Karosh Taha leitet Textland LAB-Workshops mit Jugendlichen.  Zu den Fotos: Die Carl-Schurz-Schule in Frankfurt/Main wirkte am Textland Lab-Projekt mit 9 Schülerinnen und zwei Lehrerinnen verschiedener Klassen mit. Einige Schülerinnen schilderten ihre Leidenschaft fürs Lesen und Schreiben., was zeigte, wie vielseitig interessiert sie waren und wie sehr sie durch die Teilnahme am Workshop ihre Interessen für das Schreiben zu vertiefen wünschten.

Levend Seyhan hat den Workshop dokumentiert. Die Fotos sind von Alexander Paul Englert.

Textland Lab bietet biografische Schreib-Workshops für Jugendliche von 13 bis 18 Jahren. Sie erlernen literarische Ausdrucksformen und erarbeiten gemeinsam, angeleitet von Schreib-Profis, eine Erzählung bzw. Textsammlung. Diese soll im Anschluss publiziert und öffentlich präsentiert werden.

Traditionelle Überlieferungen bilden in allen Kulturen den Boden für das Verständnis und die Erschließung von Wirklichkeit. In verschiedenartige Narrative gepackt, besitzen die Mythen, Märchen und Erzählungen damit für jeden Einzelnen eine identitätsstiftende Funktion. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Was erinnern wir überhaupt? Was haben wir selbst erlebt und was „erinnern“ wir nur deshalb, weil es sich als Erzählung in uns eingegraben hat? Und wie beeinflusst dies unser Selbstbild, unser Zugehörigkeitsgefühl oder unsere Abgrenzung gegenüber anderen?

Diese Fragen loten die Jugendlichen in den biografischen Schreib-Workshops aus. Angeleitet werden sie dabei von Autorinnen und Autoren mit einem polykulturellen Selbstverständnis, die mit ihren Büchern bereits den deutschsprachigen Literaturbetrieb bereichern. Sie führen die Teilnehmenden zum einen in Ausdruckformen, dramaturgischen Aufbau und besondere Techniken des biografischen Schreibens ein. Zum anderen wird eine gemeinsame kaleidoskop-artige Erzählung erarbeitet, die den Bogen vom „Wer bin ich?“ zum „Wer sind wir?“ schlägt.

Ob die Teilnehmenden in ihren persönlichen Beiträgen innere Bilder schildern, wichtige Ereignisse ihres Lebens oder Gelesenes und Erzähltes (kulturelles Gedächtnis) literarisch wiederbeleben, entscheiden sie selbst (bei den Jüngeren ggf. mit den Eltern). Ebenso, ob sie als Form eine Erzählung oder Kurzprosa, Gedicht oder Textcollage, eine Bildergeschichte (Graphic Novel/Comic) oder auch ein Video-Biopic wählen.

Nach dem Ende der Textland-Workshops ist geplant, dass die Jugendlichen ihr gemeinsames Werk, ihre „kollektive Erzählung“ bei Veranstaltungen präsentieren. Ziel ist zudem, es als Buch und e-book zu veröffentlichen.

Erkenntnisgewinn: Die Jugendlichen üben literarische Schreibtechniken als künstlerische Ausdrucksfähigkeit ein und entdecken darüber den Zugang zu eigenen kreativen Ressourcen. Darüber hinaus lernen sie auch sich selbst als Akteure der eigenen Lebensgeschichte kennen. Sie erfahren ein positives Framing in der Wertschätzung ihrer Biografie und kulturellen Herkunft, was identitätsbildend wirken kann und das Selbstbewusstsein fördert. Parallel dazu reflektieren sie sich in einem Kontext der Vielfalt unterschiedlicher Stimmen in ihrem sozialen Umfeld. Die schafft menschliche und kulturelle Bezüge und trägt zu Verständnis und Toleranz im sozialen Miteinander bei.

Faktisches

Die Arbeitsgruppen sind außerhalb der regulären Schulzeiten anberaumt und richten sich an interessierte Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren (8. bis 12. Klassen). Pro Workshop Mindestteilnehmerzahl 8, Höchstteilnehmerzahl 15 (kann in Ausnahmefällen differieren). Schülerinnen und Schüler aller Schulformen sind angesprochen.

Eine Vertrauensperson, z.B. eine Lehrerin oder ein Lehrer, sollten im Idealfall an den Workshops teilnehmen.  Textland Lab stellt eine begleitende Assistenz, die die Workshops dokumentiert. Den Veranstaltungsorten entstehen, neben ggf. der Bereitstellung der Räume und der betreuenden Vertrauensperson keine weiteren Kosten.