MenuMENU

zurück zu Main Labor

05.02.2021, Jamal Tuschick

Gespenster der Liebe

L‘art pour l’art auf dem Boulevard Baudelaire - Dekyi Nakamura hat sich mit Gedichten, die an antike Filmplakate erinnern, ins Gedächtnis der Republik geschrieben.

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Jedes Fest braucht eine Überraschung, dekretierte der greise Goethe weiland in Weimar. Dekyi Nakamura sagt im Berliner Spothouse nichts anderes. Zu ihrem dreißigsten Geburtstag erweisen ihr viele die Ehre, die in Lemuren und andere Ungeheuer die Gespenster der Liebe zum ersten Mal zur Tat schreiten sahen, damals als jeder Tag mit einer feministischen Bluttat begann und das heisere Lachen am Ohr einer anderen tödlicher sein konnte als ein ballistischer Körper. Dekyi hat sich mit Gedichten, die an antike Filmplakate erinnern, ins Gedächtnis der Republik geschrieben. Die Anerkennung einer Goethe unserer Tage findet sie trotzdem nicht. Das liegt gewiss nicht an ihren Männerbildern, den vielen grobplastisch geschnittenen Reliefs und Sonnenuntergängen, dem Mut zur Sentimentalität und zu künstlichen Aromatisierungen - l‘art pour l’art auf dem Boulevard Baudelaire. Das unterscheidet sie nicht grundsätzlich von anderen, die als Würdenträgerinen zumindest sterben werden oder schon gestorben sind.  

Für die mürbe Geborenen ist alles Inszenierung und verspätete dies & das. Für uns, die wir soulful und gesegnet auf die Welt gekommen sind, sieht das natürlich anders aus. Ich drop hier keinen Scheiß. Ich glaube, dass sich Dekyi nie die Mühe gemacht hat, etwas darzustellen. Sie hat Karima Elliott nachgesagt, was sich nun ihr selbst voraussagen lässt: „Sie war too much für euch, Leute“.

Mir erscheint Dekyi wie eine britische Figur des 19. Jahrhunderts, federgewichtig, Brontë‘esk. Nicht umsonst nennt sie sich Currer Bell (nach dem Pseudonym von Charlotte Brontë). Dekyi verkörpert den Prototyp der Gentlewoman-Boxerin.

Alonaa Frühauf kam einst zu dem Schluss: Dekyi Nakamura ist unsere Loretta Snowflake. Vielleicht verwest die Wahrheit in einer Rinne zwischen den Aufgängen. Eine Gastronomin mit Rotweingesicht verspricht der Dichterin ein mehrgängiges Menü als flüchtiges Andenken. Eine Ärztin trägt ein Gedicht vor, im Gloom der GenerationsgenossInnenschaft. Man ist gemeinsam in die Jahre gekommen und hält es schon lange nicht mehr für möglich, wie eine Banditin über die Barrieren zu gehen und der Bürgerlichkeit zu entkommen.

Dekyi liest Gedichte. Für die Überraschung sorgt Akuta Mirindi mit einer Gedächtnisleistung nicht zuletzt. Die junge Frau, von der noch keine was gehört hat, kann Die Einschläferung der Begierde im Frost der Leukozyten seitenlang auswendig. Akuta modernisiert Dekyi. Ihre Interpretation beweist die Überlebensfähigkeit einer Poesie, der in Spektren zwischen radikaler Pose und Posse viel vorgehalten wurde. Im Publikum sitzen Frauen, die sich sichtbar gefeiert fühlen von der hochfahrenden Minne und den Kapriolen des Selbstüberhöhungseifers.  

Dekyi behauptet, dass sich manche Frauen „unmittelbar erotisch“ auf ihre Versen reagieren. Marandi hilft einer Ahnung des Begreifens auf die Sprünge. Sie transferiert den Text aus der Problemzone in eine Sphäre des unbedrohten Wohlklangs und Formschöns; ohne zu verschweigen, wofür Dekyi anfällig ist. Akuta verdoppelt die Spielfigur der Künstlerin als junge Frau. Dekyi streicht die Prisen der Faszination ein. Die Dichterin lobt die Kaperfahrerin über den grünen Klee.