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22.02.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Texas Tuschick

Parkbanksteinzeit

Chaosy ist zwar vollbeschäftigt, aber obdachlos. Aufnahme findet sie in den Bruchbuden ausgebrannter Broker oder esoterisch-freidrehender Ex-Yogalehrerinnen.

Chaosy ist zwar vollbeschäftigt, aber obdachlos. Aufnahme findet sie in den Bruchbuden ausgebrannter Broker oder esoterisch-freidrehender Ex-Yogalehrerinnen, die gar nicht wissen wollen, wie egal sie der Welt sind. Das Ding der prekären Gastgeber*innen ist: Tiernahrung so zuzubereiten, dass sie einem nicht hochkommt. Zur Belohnung wollen sie dann in den Arm genommen werden. Die Ärmsten haben keinen Sexdrive mehr. Sie lutschen Daumen und talken in Kindersprachen. Sie salbadern wie verrückt. Trotzdem rutscht manchmal noch eine vitale Regung durch. Dann reißt der Himmel verdammt noch mal auf und die Sterne fangen an zu morsen. 

Chaosy spürt kein Begehren mehr. Sie verwittert in einer alterslosen Feierabendgesellschaft.

Gut, das Programm kennt jede. Die Prozesse der Überwindung von Sesshaftigkeit muten wie Zeitreisen an. Das sind Expeditionen in eine Parkbanksteinzeit. Ma Chi-Hang, eine in Paris gestrandete Hongkong-Chinesin, verdient als Hostess im 24/5-Verfügungsmodus zu wenig, um auch nur in die Nähe von etwas zu kommen, das man landläufig als Wohnung bezeichnet. Sie teilt ihr Schicksal mit so vielen, dass sie eine Subkultur erweitert.

Ma Chi-Hang begegnet Chaosy. Die Frauen erkennen sich. Fortan nehmen sie (so erwartungslos wie interessiert) Besichtigungstermine gemeinsam wahr. Das ist ihre Basis. Es gibt sie nur noch als Paar im Kampf ums Überleben.