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28.02.2021, Jamal Tuschick

Sinti*zze und Rom*nja in Deutschland sind im Bildungssystem stark benachteiligt

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Der Beitrag erschien zuerst hier/Mediendienst Integration

Sinti*zze und Rom*nja in Deutschland sind im Bildungssystem stark benachteiligt. Das geht aus Studien der Arbeitsgemeinschaft "RomnoKher" hervor. Für die aktuelle, 2021 erschienene Erhebung wurden Interviews mit über 600 zugewanderte und nicht-zugewanderte Sinti*zze und Rom*nja aus allen Bundesländern geführt und ausgewertet. 

Das Ergebnis: Der Anteil der Befragten, die keinen Schulabschluss erreicht haben, ist deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung. Ebenso der Anteil derjenigen, die über keine formelle berufliche Qualifikation verfügen. Der Anteil der Abiturient*innen und Studierenden ist erheblich geringer als in der Gesamtbevölkerung.

Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den Generationen:

  • So liegt der Anteil der über 50-Jährigen ohne Schulabschluss bei über 50 Prozent, bei den 30- bis 50-Jährigen ist es knapp ein Drittel, bei den unter 30-Jährigen sind es nur noch 15 Prozent. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung sind es unter 5 Prozent.
  • Das Abitur als Schulabschluss haben etwa 2 Prozent der befragten über 50-Jährigen erreicht, 10 Prozent der 30- bis 50-Jährigen, bei den unter 30-Jährigen sind es bereits 15 Prozent. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung sind es 40 Prozent.
  • Knapp 80 Prozent der über 50-Jährigen und etwa 40 Prozent der 18- bis 50-Jährigen hat keinen beruflichen Abschluss.Quelle

Als Ursachen für die Benachteiligung nennen die Autor*innen fehlende explizite Fördermaßnahmen aber auch Diskriminierungserfahrungen: So gaben etwa 40 Prozent der Befragten mit Kindern an, dass ihre Kinder Diskriminierung in der Schule erfahren haben. Zwei Drittel der Befragten gaben zudem an, wegen ihrer Zugehörigkeit diskriminiert worden zu sein. Viele von ihnen im Bildungssystem.

Die Studie zeigt auch: Die weit überwiegende Mehrheit der Befragten betrachtet schulische Abschlüsse als wichtig oder sehr wichtig. Über 70 Prozent weisen der schulischen Bildung zudem eine hohe Bedeutung für das Ansehen in der Gesellschaft zu. Der Mythos, Sinti*zze und Rom*nja hätten kein Interesse an schulischer Bildung, lässt sich demnach nicht empirisch belegen.Quelle

2011 wurde die Studie erstmals durchgeführt. Damals gaben über 80 Prozent der Befragten an, persönliche Erfahrungen mit Diskriminierung und Beleidigung zu haben – besonders in der Schule.

In einer Studie im Auftrag der Hildegard Lagrenne Stiftung und der Freudenberg Stiftung aus dem Jahr 2016 wurden zudem die Bildungsbiographien erfolgreicher Frauen aus Sinti*zze und Rom*nja-Familien untersucht. Die befragten Frauen berichteten von Diskriminierungen in der Schule – besonders schwer erweist sich der soziale Aufstieg für Frauen mit unklarem Aufenthaltsstatus (Duldung oder irregulärer Aufenthalt in Deutschland). Entscheidend für den Bildungserfolg war die Unterstützung der Familie und der Einfluss starker weiblicher Vorbilder. Die Autorinnen der Studie fordern gezielte Fördermaßnahmen für den Bildungsaufstieg von Sinti*zze und Rom*nja.