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28.02.2021, Jamal Tuschick

In der Retrospektive wirkt der Film wie ein Formenarsenal der Wiederaufbau-Ästhetik mit kleinbürgerlichen Vorzeichen.

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Bowles lästert über die reduzierte Spielweise im Folk; die Sache mit den drei Akkorden lange vor Punk.  

© Jamal Texas Tuschick

Karitativer Folk und altruistischer Sex

Im Gaslight Cafe spielten Musiker:innen ohne Gage. Nach der Show kursierte ein Hut im Schankraum.

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Alles ist geheim oder es ist nicht dienstlich

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„Berlin – Ecke Schönhauser“ war eine Antwort der DEFA auf die westdeutschen „Halbstarken“.

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Berlin – Ecke Schönhauser“ war eine Antwort der DEFA auf die westdeutschen „Halbstarken“. Der Film aus dem Jahr 1957 erzählt von Jugendlichen im Prenzlauer Berg. Unter der U-Bahn-Brücke der Schönhauser Allee beanspruchen sie eine Tagungsfläche. Ihre häuslichen Notlagen übertreffen die Tristesse im Allgemeinen.

In der Retrospektive wirkt der Film wie ein Formenarsenal der Wiederaufbau-Ästhetik mit kleinbürgerlichen Vorzeichen. Dieter, Kohle, Karl-Heinz und Angela sind Schwarzmarktkinder, herangewachsen in Milieus der Überlebenskriminalität. Sie waren schon einmal freier, nun reiben sie sich an Autoritäten, die sie nicht anerkennen können. Sie stellen ihren Mut zur Schau. Sie prüfen die Formate ihrer Zukunft hart an der Demarkationslinie des Kalten Kriegs. Für eine Westmark wirft Kohle den ersten Stein. Sein Leben ist Flucht vor dem süchtigen Stiefvater. Ihm bedeutet Freundschaft so viel, dass er daran sterben wird.

Im Bauch des Dramas steckt eine Farce. Ein unsicherer Staat begegnet verunsicherten Jugendlichen mit unglaubwürdiger Autorität. Bei Brecht findet sich die Zeile: „Tauche wieder unter in die Tiefe, Sieger.“ Brecht rät dem Sieger vergessener Kämpfe zu einem furchtsamen Absinken. Er empfiehlt den Untergang im Massenphänomen. Das hat Tate hinter sich, als er auf Hauptstadtschauplätzen der Ost-Halbstarken die Ansprüche eines Platzhirsches in Nazileder stellt.

Tate taucht hinter den Spielfiguren auf und erscheint so verdammt real. Und doch stimmt nichts. Keine seiner Geschichten ist wahr.  Zwar war er in der Normandie. In einer Normandie voller Schlamm und Schlehen. Und war da auch am D-Day. Doch nicht als deutscher Soldat, sondern als britischer Spezialist in besonderem Einsatz. Vier Jahre nach dem Berliner Intermezzo betritt er die amerikanische Bühne.

New York 1961. Die Hipster treten ab. The Conquest of Cool zieht nicht mehr. Cool (im Sinn von eingefroren) waren die süchtigen Seemänner in den Automatencafés. Cool war Jazz. Bill Burroughs sitzt in Mexiko einen Haftbefehl aus. Als man ihm erzählt, in den Staaten seien Drogen inzwischen auf Schulhöfen angekommen, kann er das nicht glauben. „Kinder fallen in einer Vernehmung doch sofort um.“
Amerika entspannt im Village. Robert Zimmerman trifft ein, aber noch nicht als Bob Dylan auf. Erste Auftritte in einem „Basket House“. Im Gaslight Cafe spielen Musiker: innen ohne Gage. Nach der Show kursiert ein Hut im Schankraum. Zimmerman begegnet einem musikalischen Matrosen der niederländischen Handelsmarine. Der Mann nennt sich Brasil Damon. Ihr nennt ihn Tate. Aber ich weiß, wie er wirklich heißt. Brain (nicht Brian) Texas Thunderbold übernachtet bei Freund:innen und Förderern* auf der Gästecouch. Die Couch zählt zu den festen Einrichtungen in Kreisen des karitativen Folk. Die Kreise rekrutieren sich aus Akademiker:innen, die Volksmusik reizvoll finden. Die Musik liefert den Soundtrack zu einem sexuellen Notdienst. Lauter Frustrierte erscheinen als verfrühte Woody-Allen-Figuren. Wie anders die Gegenwart von Jetzt ist, erkennt man auch daran, dass Woody Allen nicht mehr geht. Der Mann funktionierte fast ein halbes Jahrhundert als kleinster gemeinsamer Nenner. Seine Filme bebilderten altruistischen Sex in einem Bonobo-Academia.

Die schlechtesten Nummern der Welt werden auf der Besucher:innencouch geschoben. Leute, die sich in kontinentaleuropäischen Gesellschaften siezen würden, duzen sich geschlechtlich mit dem guten Willen eines im Dekangarten grillenden Kollegiums. Damon nimmt eine Gelegenheit nach Chicago wahr, im Auto eines giftigen Dinosauriers. Der Jazzmusiker Andrew Bowles bewegt sich auf Krücken zum Klo. Er spritzt Heroin, verliert immer wieder das Bewusstsein. Seine Zeit ist abgelaufen, die Zeichen stehen auf Folk. Bowles lästert über die reduzierte Spielweise im Folk; die Sache mit den drei Akkorden lange vor Punk. Die Dimension der Instrumentalisierung des Folk zu politischen Zwecken im Woody Guthrie-Stil verweigert Bowles jede Betrachtung.

Der Pete Seeger-Pazifismus einer Joan Baez ... 

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In Chicago wurde zwar der Blues elektrifiziert, doch sind auch da die Post-Existenzial:istinnen im Folkfieber.