MenuMENU

zurück zu Main Labor

19.03.2021, Jamal Tuschick

Fadenscheinige Unverwüstlichkeit

Bei der ersten Gelegenheit entflieht Giulia dem desolat-provisorischen Migrantenmilieu ihrer auch seelisch gestrandeten Eltern. Die Mutter überlebt in einer Art religiösem Delirium, der Vater hält sich an der Whiskyflasche fest.

Jamal Tuschick denkt über Tuschicks Textland nach © Palma Regina Müller-Scherf

Religiöses Delirium

Silvios Religion ist der Knoblauch. Der in Amerika gestrandete Maurer bleibt sein Leben lang ein Kind der alten Heimat. Geboren und aufgewachsen in den Abruzzen, einer Region, die ihrer geografischen Lage zum Trotz als nördlichster Zipfel Süditaliens verortet wird. Das hat historische Gründe. Die Abruzzen gehörten zum Königreich Sizilien.

Der stumpfe Maurervater absolviert in Colorado die Laufbahn eines Versagers in allen Fächern. Nur Giuli erkennt in der Niete ein Vorbild. Wenn schon sonst nichts hinhaut, dann will man sich wenigstens den Schneid nicht abkaufen lassen. In der Person der schwererziehbaren Einwanderertochter paart sich Trotz mit Treuherzigkeit. Giulia beweist in allen Lebenslagen unbegründeten Optimismus.

Die Schulden der Familie sind umfassend. Nichts gehört ihr. Nicht das Haus, in dem bedrückende Enge herrscht (sieben Schwestern teilen sich ein Bett), und nicht die Lebensmittel, die in den Stoffwechselkreislauf eingespeist werden. Silvios Frau lässt über Wochen und Monate anschreiben. Die Ausgelieferte tröstet sich mit ihrem Rosenkranz. Sie wirkt als Agentin des Rückschritts und schuftet sich still und ergeben dem Grab entgegen; eine Dulderin im Zwiegespräch mit ihrem Herrn. Bei der ersten Gelegenheit entflieht Giulia dem desolat-provisorischen Milieu. Sie erreicht Los Angeles in der Verfassung einer Quasi-Obdachlosen, die sich ein Dach über den Kopf zu erschwindeln weiß. Sie jongliert mit den Modalitäten des Verzugs und der nicht geleisteten Voraus- und Nachzahlungen. In Berlin nennt man solche Leute Mietnomaden. In Kalifornien kurz vor dem II. Weltkrieg laufen die Prekären Gefahr, wegen Landstreicherei festgenommen und eingesperrt zu werden.

Giulia erkennt in guter Kleidung die beste Tarnung. Tagelang ernährt sie sich von Bananen, die es im Dutzend billiger gibt. Zum Preisnachlass gewährt ihr ein warmherziger Straßenhändler Äpfel gratis.