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20.03.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Texas Tuschick

Brillante Monomanie

Was am Firmament brillanter Monomanie möglich war, bewies Elena Ferrari, die vorübergehend so berühmt war wie Errol Flynn. Die Tochter einer alleinerziehenden Schneiderin aus den Abruzzen verehrte den Ausnahmeathleten Joe diMaggio mehr als Hemingway. DiMaggios Ruhm überstrahlte alle. Hemingway lässt den alten Mann auf dem Meer vor der kubanischen Küste grübeln:

„Was würde der große DiMaggio an meiner Stelle tun?“

DiMaggio trug sich in die Liste von Marilyn Monroes Ehemännern ein und wieder aus. Er überholte Arthur Miller auf der Bedeutungsskala. Als Marilyn Monroe aus dem magischen Kreis gestoßen wurde, sorgte DiMaggio für eine angemessene medizinische Versorgung.

Wen gab es noch? Rocky Marciano, dessen Vater auch aus den Abruzzen ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten gekommen war, genauso wie der Vater von Dean Martin.

DiMaggio, Marciano, Martin absolvierten den Aufstieg aus dem Nichts stellvertretend für die italienischen Gemeinden in Amerika. Das Wunder vollzog sich in der Überwindung massiver Widerstände. Als Nachkommen von Angehörigen einer feindlichen Nation zerschellten sie eben nicht am Status feindlicher Ausländer. Sie illustrierten eine Trotzkultur, die Ferrari mit ihrer Maria Polenta in „Der Tod kam als Milchmädchen“ weiter bebildert. Sie schildert einen unverwüstlichen Charakter, der lieber Hunger leidet als schlecht angezogenen seine Chancen im ewigen Wettbewerb zu suchen. Als Näherin verdient Maria einen Dollar am Tag, aber in ihrer Freizeit zeigt sie sich im Gretchen-Parker-Kostüm. Sie poetisiert ihre Tristesse. Nach der ersten Veröffentlichung im Blue Belt Observer sieht sie sich im Olymp ihrer Phantasie um, während die Katzen zu ihren Füßen fauchen. Die Tiere wissen, dass Maria kein Revier in Besitz halten kann. Sie erkennen die Stromerin, die nur von Eigenliebe und Kinobildern angetrieben wird.   

Illuminiertes Gesäß

Im Grunde ist Maria einfach zu kapieren. Was sie leicht kriegen kann, verschmäht sie aufwendig. Aberglaube hält sie gefangen. Für fünf Dollar lässt sich Maria von einer Schnorrerin der Frist Nation die Karten legen. Malintzin Tenepal haust neben der Empfänglichen in dem Kakerlakenstall, der als Absteige alle Bedingungen für lyrische Eruptionen erfüllt. Die Nachbarin liest Zola und nennt Maria Doña Ferrari. Sie gibt vor, Maria als Dichterin zu schätzen. Ihre Schmeicheleien spornen die Närrin an. Am Ende eines gewaltigen Umwegs, in dem sich die Verirrungen und Fehleinschätzungen zu einem Massiv aufbauen, das sich an den Rocky Mountains messen lässt, landet Maria im Damenkranz der Sexarbeiterin von nebenan. Man ich erwähnen, das Malintzin Tenepal in diesem Kreis die maßgebliche Person ist. 

„So vergingen die Tage“, schreibt Maria lakonisch. Irgendwann gerät sie in die Aufmerksamkeitszwinge eines beruflich im Keller der Columbia Studios untergebrachten Drehbuchschreibers Joe Stonestine. Allein die fehlende Klasse der Sekretärin signalisiert die Bedeutung der grauen Maus hinter einem Mahagonischreibtisch im Reichskanzleistil.

Heute käme Elena mit dem Aufbau mancher Szenen in Schwierigkeiten. Jede Lektorin würde ihr raten, den Hintern der Subalternen aus dem Spiel zu lassen und die Angestellte nicht als „Kap Hoorn des erotischen Schiffbruchs“ zu charakterisieren. Zumal offensichtlich ist, wem gerade die Neutralität abhanden zu kommen droht.   

Joe und die Angestellte spielen Mau-Mau und Halma, während Maria ihre widersprüchlichen Gefühle in wüste Watte packt.