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21.03.2021, Jamal Tuschick

Fabio Ghelli im Gespräch mit Paola Barretta 

Migration in Italien - "Die Debatte kann schnell wieder kippen"

Der Verein "Carta di Roma" beobachtet die Berichterstattung über Eingewanderte und Geflüchtete in Italien. Die war in den letzten Jahren weniger alarmistisch, sagt Medienforscherin Paola Barretta im Interview. Das könnte sich aber schnell wieder ändern.

Symbolfoto © Jamal Texas Tuschick

Der Beitrag erschien zuerst hier/Mediendienst Migration

MEDIENDIENST: Frau Barretta, hat die Corona-Pandemie das Thema Migration aus den italienischen Medien verdrängt?

Die Pandemie hat alle anderen Themen überschattet. Aber Migration bleibt ein wichtiges Thema. Vergangenen Sommer berichteten etwa viele Medien darüber, dass wieder mehr Geflüchtete über das Mittelmeer kommen. Einige verbreiteten die Behauptung, dass sich dadurch das Corona-Virus stärker verbreiten könnte. Insgesamt ist der Ton aber weniger dramatisch als noch vor zwei oder drei Jahren.

Woran liegt das?

Zum einen kamen in den vergangenen drei Jahren weniger Menschen aus afrikanischen Staaten nach Italien. Noch wichtiger ist aber, dass das Thema nicht mehr so stark im Mittelpunkt politischer Debatten steht. Italienische Medien widmen der Parteipolitik sehr viel Platz. Auch das Thema Migration wird deshalb häufig aus einer parteipolitischen Perspektive diskutiert. Dadurch war es etwa für Matteo Salvinis "Lega" relativ einfach, mit ihren rechtspopulistischen Positionen so viel Gehör zu finden. Es ist bezeichnend, dass der Name des ehemaligen Innenministers immer noch eines der Wörter ist, die in der Berichterstattung am häufigsten im Zusammenhang mit Migration vorkommen.

Sind es denn vor allem rechtskonservative Medien, die den alarmistischen Ton prägen?

Nein, nicht nur. Wir haben in acht Jahren fast 100.000 Artikel ausgewertet. Darunter Berichte lokaler und überregionaler, konservativer und liberaler Medien. So haben wir zum Beispiel in diesem Jahr beobachtet, dass viele Medien – unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung – das Wort "Clandestino" (Illegale*r) als Synonym für Asylsuchender oder Migrant benutzen. Das Wort gehörte ursprünglich zum Jargon der Rechtspopulisten. Doch jetzt hat es sich auch in Qualitätsmedien etabliert, und festigt die Assoziation zwischen Migration und Illegalität.

Was hat sich denn in den letzten Jahren daran geändert, wie Medien über Migration sprechen?

Seit wir 2012 mit dem Monitoring angefangen haben, konnten wir drei Hauptphasen beobachten: Zunächst gab es die "Lampedusa-Phase". 2013 machte eine Reihe tragischer Schiffsbrüche vor den italienischen Küsten die Öffentlichkeit darauf aufmerksam, dass tausende Menschen ihr Leben riskieren, um nach Europa zu gelangen. Diese Phase war von einer starken emotionalen Anteilnahme gekennzeichnet.

Hat sich das 2015 geändert, als die Flüchtlingszahlen stiegen?

Der Ton der Debatte hat sich erst 2017 deutlich verschärft. In Italien blieben die Flüchtlingszahlen – im Gegensatz zu Deutschland – nach einem Anstieg 2014 relativ konstant. Sie lagen 2014 bis 2016 zwischen 150.000 und 180.000 Ankünften im Jahr. Die zweite Phase begann dann 2016 als viele italienische Medien private Seenotrettungsorganisationen verdächtigten, mit Schleppern zusammenzuarbeiten. In dieser Phase hatte fast jeder zweite Artikel zum Thema einen alarmistischen Ton. Viele Medienberichte sprachen von "Krise" und "Notstand".

Und die dritte Phase?

Die nenne ich Phase der "progressiven Entspannung". Sie hat ungefähr 2018 begonnen und dauert bis heute an. Sowohl die Zahl der Medienberichte über Migration als auch die Zahl der alarmistischen Berichte ist in dieser Phase zurückgegangen.

Hat sich die Debatte also zum Positiven gewandelt?

Das kann man so nicht sagen. Das Thema Migration ist in Italien noch sehr stark mit Ängsten und Sorgen behaftet. Mehr als die Hälfte der Begriffe, die 2020 in Artikeln über Migration vorkamen, gehören zur Kategorie der Sorgen – etwa Quarantäne, Ansteckung, Flucht oder Tod. Da muss man sich nicht wundern, wenn etwa ein Drittel der Italiener*innen sagen, sie würden Einwanderer*innen als Gefahr sehen. Sobald wieder mehr Menschen über das Mittelmeer kommen, kann die Debatte sehr schnell wieder kippen.

PAOLA BARRETTA forscht über öffentliche Meinung und Krisen-Kommunikation beim italienischen Institut "Osservatorio di Pavia". Seit 2015 koordiniert sie den Jahresbericht des Verbands "Carta di Roma" – einer Non-Profit Organisation, die Medien in puncto diskriminierungssensible Sprache beobachtet und berät. Für ihre Jahresberichte hat die Organisation in acht Jahren knapp 100.000 Print-, TV- und Radioberichte ausgewertet.