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14.04.2021, Jamal Tuschick

Ein Mann in kurzen Hosen und doch kein Narzisst © Palma Regina Müller-Scherf

Der Täter in den kurzen Hosen des Narzissmus

Semantische Demenz

Bei Ovid stirbt der Narziss in einem Exzess der Selbstliebe. Sozial ist der TV-Tatort-Täter Anton Maler gewiss längst tot, als er zur Tat schreitet.    

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Hier noch mal das Besteck für den Hausgebrauch. Der pathologischen Unwucht aus Beeinträchtigungen des Kindes bietet Heinz Kohut drei Varianten: die Mutter versagt empathisch, ein Trauma führt zu Verkapselungen, die Eltern erlauben ihre Idealisierung nicht. Die Beeinträchtigten rauschen in eine Konkurrenz zwischen grandiosem und realem Selbst. Sie überfordern sich in der Selbstüberschätzung. Bezogen auf Donald Trump hieß es immerhin noch: ein bedauernswerter Kindgreis durfte den Atomknopf drücken. Sie erkennen gleich das Gefälle. Der seine Ablehnung erheischende Fliegenfranz Anton Maler kann sein Grandiositätsphantasma nur mit einem Baseballschläger ausleben. Same same but different.  

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Angeregt von dem Narzissten-TV-Tatort am letzten Sonntag, habe ich meine Gedanken zum Narzissmus aufgeschrieben. Mich wundert es überhaupt nicht, dass der Täter kurze Hosen trägt. Ich will das jetzt aber auch nicht vertiefen. Lieber kläre ich im Vorfeld noch einmal ab, was die Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen über Trump sagte, dessen brüderliche Ähnlichkeit mit Anton nur von dem Umstand verschleiert wird, dass Trump reich geboren wurde.  

Eingebetteter Medieninhalt

„Präsident zu sein, ändert nicht, wie du bist, sondern offenbart, wer du bist.“ Michelle Obama

Hirigoyen ferndiagnostizierte damals: Die amerikanische Oberschicht hält ihn für den schlimmsten Clown seit Caligula. Trump fehlt die Klasse, um in der feinen Gesellschaft mithalten zu können. Er erlebt sich als Außenseiter wie jeder Honk. Hirigoyen beobachtet beim Präsidenten der Vereinigten Staaten eine Verarmung der Sprache und fehlende Triebkontrolle und vermutet sogar semantische Demenz im Zuge einer Frontalhirndegeneration.

Trumps Neigung zu Scherzen und Wortspielen, seine überbordende Heiterkeit und Gereiztheit zeigen ihn, so Hirigoyens, als kranken Mann. Hirigoyen spezifiziert Trumps (verletzlichen) Narzissmus und grenzt ihn von Putins perversen Narzissmus ab. Trump sei im Herzen ein zurückgesetztes Kind (geblieben). Er wiederhole Erfahrungen der Ausgrenzung, die ihm unbotmäßiges Verhalten in den Jahren seiner Unmündigkeit eintrug. Gleichzeitig erliege er, schwelgend in Allmachtsphantasien, der Vorstellung, wunderbare Dinge hervorzubringen.

Die Welt als Ich-Erweiterung

Hirigoyen legt Narzissmus-Theorien dar. Sie klärt den Begriff nach Freud und über Freud hinaus. Den raumgreifenden Narzissten schildert Hirigoyen als eine Person, „die in einem primitiven Stadium ihrer psychischen Entwicklung verharrt und … die Welt als Erweiterung ihres Ichs begreift“.

Bei Ovid stirbt der Narziss in einem Exzess der Selbstliebe. Sozial ist Trump gewiss längst tot. Er konnte noch so weit aufsteigen, nur um sich zu wiederholen.    

Entsprechen Trumps Entgleisungen gewissen gesellschaftlichen Symptomen in den Nebelauen des Nonkonformismus?

Vor ein paar Jahren erst haben wir uns mit Bérengère Viennot beschäftigt. Sie übersetzt tagesfrisch aus dem Englischen ins Französische. Als Übersetzerin „durchforstet sie die Landschaft des … Tagesgeschehens“. Die Präsidentschaftswahl von 2016 war ein Job für Viennot. Sie bemerkte eine brutale Vereinfachung in Trumps Ausführungen. Das deckt sich mit Hirigoyens Feststellung einer semantischen Demenz.  

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Für Adorno gehörte der Narzissmus zur Abwehr „gegen die (von den Produktionsbedingungen verursachte) Schwäche eines kollektiven Ichs“. Amerikanische Soziologen der konkreten Nachkriegszeit erklärten „wirtschaftlichen Wohlstand“ zur Ursache einer Egoismus-Explosion. Die Bereitschaft zur Selbstverherrlichung käme direkt aus der Kultur.

Kollektive Emanzipation versus individuelles Heilsversprechen

Der Historiker Chistopher Lasch, von dem nebenbei die bemerkenswerte Einsicht stammt: „Je höher das Ansehen der Achtsamkeit steigt, desto näher (rückt) der Kollaps der Gesellschaft“, erkannte in den 1970er Jahren eine Korrelation zwischen narzisstischen Störungen, die psychiatrischer Behandlung bedürfen, und dem Auftritt der Narzissten auf allen gesellschaftlichen Bühnen. Für Lasch ist Narzissmus die psychische Antwort „auf die Bilderflut und den Massenkonsum“. Narzissmus sei die beste Art, „die Ängste des modernen* Lebens zu ertragen“. Die Erwartungen an eine kollektive Emanzipation wurden früh enttäuscht, während dem Hedonismus immer neue Bewährungsflächen eingeräumt werden.

*Moderne und Postmoderne setzt die Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen in eins. Zweifellos spricht Hirigoyen ständig von der „ideologisch leeren“ Postmoderne, aus der „das Heilige und das Kollektive verschwunden sind“. So sagt es Gilles Lipovetsky, auf den sich Hirigoyen bezieht. Der Akteur habe die Wahl zwischen „Narziss oder der Leere“.

Gottfried Benn: Es gibt nur zwei Dinge/die Leere und das gezeichnete Ich

„Der Mensch setzt sich (ratlos) in Szene“, da kein Gott mit ihm spielen will. Er beschränkt sich auf die „Gestaltung einer flexiblen Gesellschaft, die auf Information und Bedürfnisstimulierung, auf Sex und der Berücksichtigung menschlicher Faktoren, auf dem Kult von Natürlichkeit, Herzlichkeit und Humor gründet“.

Freude an der eigenen Existenz

In einer „bipolaren Struktur“ verschmilzt das authentische Selbst das heruntergeputzte grandiose Selbst mit dem idealisierten Eltern-Imago. Reifen kann nur, wer den Zugang zu sich nicht verstellt und das setzt Freude an der eigenen Existenz voraus. So argumentiert Heinz Kohut. Der Wiener Psychoanalytiker und Professor für Psychiatrie betont die „positive Seite des Narzissmus: den Instinkt der Selbsterhaltung“. Hirigoyen referiert den Standpunkt neben anderen.

Der pathologischen Unwucht aus Beeinträchtigungen des Kindes bietet Kohut drei Varianten: die Mutter versagt empathisch, ein Trauma führt zu Verkapselungen, die Eltern erlauben ihre Idealisierung nicht. Die Beeinträchtigten rauschen in eine Konkurrenz zwischen grandiosem und realem Selbst. Sie überfordern sich in der Selbstüberschätzung.