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16.04.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Nachtrag zu unserer Narzisst:innen-Debatte

Der Historiker Chistopher Lasch, von dem nebenbei die bemerkenswerte Einsicht stammt: „Je höher das Ansehen der Achtsamkeit steigt, desto näher (rückt) der Kollaps der Gesellschaft“, erkannte in den 1970er Jahren eine Korrelation zwischen narzisstischen Störungen, die psychiatrischer Behandlung bedürfen, und dem Auftritt der Narzissten auf allen gesellschaftlichen Bühnen. Für Lasch ist Narzissmus die psychische Antwort „auf die Bilderflut und den Massenkonsum“. Narzissmus sei die beste Art, „die Ängste des modernen Lebens zu ertragen“.

Pandemia-Paranoia/Wuhan Blues

Aus dem Tagebuch der Alpha-Agentin Gloom Costigan

Ein offizielles Katastrophenvideo zeigt Stille und Leere, als habe jemand auf die Weltstopptaste gedrückt. So stelle ich mir das Grauen vor. Auf der Suche nach einem freien Bett irren Infizierte von einem Krankenhaus zum nächsten. Sie schleppen das Virus überall ein. In welchem Horrorfilm haben wir das schon gesehen?

Wuhan wird am 23. Februar 2020 abgeriegelt. Der Shutdown stellt elf Millionen Bürger:innen schlagartig unter Quarantäne. Ich konsumiere den Vorgang als TV-Nachricht. Obwohl die Katastrophenolympiade meinen Horizont übersteigt und ich keinen Vergleich anstellen kann, stellt sich noch nicht einmal Ratlosigkeit ein. Ich ordne das Virus-Drama dem globalen Süden zu und verknüpfe die Seuchensuada unspezifisch mit Defiziten, die wir nicht haben. Dabei sehe ich im Fernseher Leute, deren qualifizierter Opfermut in meiner Umgebung ohne Beispiel ist.

Vier Tage später folgt ein drastischer Perspektivwechsel. Aus dem Fernsehen wird Nahsicht. Die Alpha-Zentrale verlegt GC nach Wuhan. Wir springen in die Ermittlungen.

Glooms Gewährsfrau Jinjin Lǐ hat fast ihr ganzes Leben in Wuhan verbracht. Sie fängt immer wieder von vorn an, sich im Virusland zu verorten und zu etablieren. Sie stützt sich ab und geht in die Schonhaltung kaum noch brauchbarer biografischer Gewissheiten.  

Jinjin zieht den Kindergarten und die Grundschule als Erfahrungsgrundlage heran. Sie erwähnt eine Zeit als Packerin im Viertel Baibuting. Seufzend sehnt sie sich nach dem unspektakulären Alltag zurück, der sie Jahrzehnte in der Spur hielt. Sie besingt den Konformismus und das Glück, an jeder Ecke Bekannte zu treffen.

„Ich bin eine waschechte Wuhanerin.“

Das sagt Jinjin ständig. Sie möchte auf keinen Fall den Eindruck entstehen lassen, die Sturmspitze der Kritik zu schärfen. Im Verhältnis zu Gloom geht es Jinjin primär darum, die Bedürfnisse der Quarantäne-Bürger:innen zu artikulieren, ohne sie besonders anspruchsvoll oder gar herausfordernd erscheinen zu lassen.