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23.04.2021, Jamal Tuschick

Line wächst am Bodden auf. © Jamal Tuschick

Traumbeute

Nein. Nicht.

Ich will nicht.

„Ich will nicht.“

Sie hört sich.

Jemand schiebt Line zur Seite. Sie widersetzt sich mit einem rotzigen Ruck.

„Die Ostsee ist nicht immer so ruhig“.

Wer spricht?

Der Traummann riecht wie ein kalter Pfeifenkopf. Noch im Schlaf wundert sich Line über eine vertraute und doch verschwundene Mischung aus Schweiß, Tabak, Asche und dem Ranz jener Greise, die ihre am Hafen spielenden Enkel:innen und Urenkel:innen mit knotigen Händen zu fassen versuchten. Entweichen oder erwischt werden - Line wusste früh, dass da etwas als Spaß ausgegeben wurde, dass kein Spaß war. In einer Szene hocken die Alten gespenstig aufeinander. Sie bilden einen Trotzklumpen. Das Bild ist eine Traumbeute. 

Sie wacht auf, und es ist Abend.

*

Sie kommt ungelegen und muss sich abfertigen lassen nach einer Aufführung im baltisch-proletarischen Theaterstil. Das Weitere dreht sie durch einen Wolf der Direktheit. Für Aplomb ist Line nicht gemacht. Sie steckt fest. Da entdeckt sie an einer Wand ein Foto, das Thomas Brasch und Charles Bukowski zeigt. Braschs Mimik konserviert ein ungern preisgegebenes Erstaunen darüber, dass Bukowski sich offenbar ernst meint. Gemessen an den Ernsthaftigkeitsfestivals des Ostens konnte Brasch Bukowski nur als Farce-Figur wahrnehmen, weiß Line.

Da ist niemand, dem sie das sagen kann. Die jungen Schauspieler:innen drehen ihren eigenen Bedeutungsfilm ohne DDR-Knowhow. 

Man braucht das nicht mehr. Wer weiß schon noch, dass eine Mauer Deutschland teilte. Ich meine, wer von denen, die noch Zukunft haben und nicht bloß eine Vergangenheit, die sich allmählich grauenhaft verfärbt. Line fühlt sich wie in ihren Wasserträumen, ruppig umgarnt von Schlinggewächsen, die mit den Händen der Hafengreise verwandt sind. Die alten Stinker griffen nach den Kindern. Das Dorf war eine Fressgemeinschaft und ein böser Verein, der den Spießrutenlauf feierte. 

Soziale Stampede - Wie alles anfing

Line reimt sich auf Biene. Das ist ein Problem, wenn man in der Pubertät ist. Deshalb verlangt Line von ihren Freund:innen die zwar maskulin gedachte, aber doch eher chinesisch klingende Verknappung Lin. Entfernt erinnert das an die burschikosen Kameradschaftsvermännlichungen, die ab den 1920er Jahren unter verschiedenen Flaggen en vogue waren.

Lin wächst am Bodden auf. Sie wohnt sieben Meilen vom nächsten Lidl in einer Wohnung, die vorgibt, ein Haus zu sein. Ohne Keller und Dachboden steht das Ding da wie einer größeren Einheit entnommen. Mit einem Ehrgeiz bis zur Verstiegenheit verfolgt Lin seltsame Ziele. Sie härtet sich mit Kältetraining ab. Einmal entgeht sie nur knapp dem Tod durch sportliches Ertrinken.  

Natürlich ist das alles nur Intermezzo.