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24.04.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Geometrie der Gärten

Irgendwo schreibt Haruki Murakami dem Sinn nach: Wenn ein Ei an einer Wand zerbricht, stehe ich auf der Seite des Eis, egal, wie richtig oder falsch das Ei und wie richtig oder falsch die Wand ist.

In einer Oktobernacht zuzeiten von Eduard III. (1312 – 1377), dessen Herrschaft, so sagt man, eine galante Angelegenheit war, trieben zwei Matrosen auf Landgang in einem Wirtshaus im Sprengel von St Andrew by Castle Baynard auf. Die Säuferampel zeigte in Schrift und Bild ein(e) „Beauty of Marrakech“ an, das Kneipenregime war aber restlos prosaisch. Der Schankraum verfügte über den Komfort und die Anmutungen einer Köhlerstube im Sherwood Forest. Vermutlich zog die Rußpatina nicht wenige Obdachlose an; es gab vor Ort keinen Grund, sich seiner Dürftigkeit zu schämen.

Es haftet ein Erbarmen an den schartigen Gesellschaftsenden, das einer gewissen Großartigkeit nicht entbehrt. Zumindest glaubt das Jesse Albright zu bemerken. Der legitime Spross & Erbe eines neuenglischen Tabakbarons ist nicht nur im Vergleich zu den Zecher:innen unermesslich reich. Der König selbst würde sich glücklich schätzen, könnte er auf das Vermögen der Albrights zugreifen. Im Augenblick dreht sich aber alles um das erotische Vermögen einer Person namens Mayda (oder Maida) Blackfriars. Angesichts Maydas Vorzügen schwärmt Jesse von der Geometrie der Gärten voller Flieder und Maiglöckchen in seiner Heimat Virginia. Jesse hat rechtzeitig gelernt, sich die Schuhe selbst zuzubinden und den Erscheinungen des Magischen nicht mit dem Aberglauben einer Groschenvernunft zu kommen. Trotzdem saß auch er schon auf einem Kutschbock im Regen. Was ich damit sagen will: es ist vielleicht doch keine so gute Idee, um Mayda oder Maida zu werben. Während ich mit einem Auge den Betrieb in der Londoner Kaschemme verfolge, taucht das andere in eine Szene vor bald vierzig Jahren. Ich sitze im „Kühlen Grund“ nahe der Frankfurter Großmarkthalle. Der Kneipenname erinnert an den ursprünglichen Riedcharakter der Gegend. Da war viel trockengelegt worden. Goethe berichtete. Die Theken- und Servicekraft ist eine Tochter der Nachbarschaft, dazu erzogen, Säufer:innen aus allen Abteilungen so normal zu finden wie ein Konfirmand das sonntägliche Aufkommen in der Kirche. Das hat nichts zu sagen. Das ist normal.

Für Gerda ist der alte Alkoholiker am Tresenpass kein Verworfener, dem auf Erden nicht mehr zu helfen ist, sondern Onkel Hermann, der sonst immer im Windeck-Stübchen sitzt. Heute geht er fremd, weil irgendein familiärer Knatsch ihm Protest abnötigt. Gerda verwöhnt den Oheim, so wie er es gewöhnt ist. Hermann kann nicht mehr geradeaus trinken. Schwerste Zumutungen haben aus seinem Magen eine Mimose gemacht. Also rührt Gerda den Mariacron in Kondensmilch; für Hermann eine fürsorgliche Selbstverständlichkeit. Er hat sie alle gekannt, die Mütter und Väter der Gerda und ihrer Schwestern und, ja, auch deren Mütter und Väter. Und mit allen ist Hermann stets blendend ausgekommen, von Ursachen abgesehen, die im Streit mündeten und langjährige Überwerfungen nach sich zogen.

Das hat sich alles erledigt im Augenblick des Nachmittags. Hermann arrondiert seine Position als wichtigste Person vor Ort. Er trinkt die Milch mit Schuss als „Seemannsmischung“.