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06.05.2021, Jamal Tuschick

Auf den Stoppel- und Rieselfeldern geistiger Armut fährt Baudelaire reiche Beobachtungsernten ein.

„Wir sind wie der Reisende, der die heiße Schlacke eines Vulkans benutzt, um darauf Eier zu braten.“ Ralph Waldo Emerson

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„Die natürliche Welt hat sich immer als Fläche für menschliche Projektionen angeboten. Die Romantiker nannten es den pathetischen Irrtum ... Wir projizieren unsere Ängste und Sehnsüchte auf alles, was wir nicht sind.“ Leslie Jameson

Bourgeoiser Ritus

Sein Haschisch-Setting folgt einem bourgeoisen Ritus. Jede Entzündung der Sinne gehorcht den Regeln eines Klippensprungs ...

Seinen Aufsatz über Haschisch beginnt Baudelaire mit der Meldung, dass Hanf aus heimischem Anbau die „Tollköpfe“ den Rausch entbehren lässt. Ihnen bliebe weiter nichts übrig, als sich auf den Wegen des Kolonialwarenhandels einzudecken. Den Unbedarften erklärt der Essayist:

„Haschisch ist ein Gemisch aus indischem Hanf, Butter und einer kleinen Menge Opium.“

Baudelaire unterweist die Leserin. Er rät zu Kaffee als Verstärker und Brandbeschleuniger. Auch empfiehlt er einen leeren Magen.

Baudelaires Setting folgt einem bourgeoisen Ritus. Jede Entzündung der Sinne gehorcht den Regeln eines Klippensprungs von den Höhen des idealen Rausches. Mitunter landet man hart oder es geschieht gar nichts; es sei denn, die Userin erwägt, Übelkeit und Erbrechen zu Gegenständen ihrer Konversation zu machen.  

Charles Baudelaire, „Wein und Haschisch“, Essays, aus dem Französischen von Melanie Walz, mit Nachwort von Tilman Krause, Manesse, 22.95 Euro

Baudelaire spricht von Dummköpfen, Ahnungslosen und Ungläubigen. Er bündelt den Drogen-Plebs zu einer Gegenpartei, um sich als Wissenden zu adeln. 

„Marseille, 29. Juli. Um sieben Uhr abends nach langem Zögern Haschisch genommen. Ich war am Tage in Aix gewesen. Mit der unbedingten Gewißheit, in dieser Stadt von Hunderttausenden, wo niemand mich kennt, nicht gestört werden zu können, liege ich auf dem Bett. Und doch stört mich ein kleines Kind, das weint. Ich denke, es ist schon eine Dreiviertelstunde verstrichen. Aber nun sind es doch erst zwanzig Minuten.“  Walter Benjamin, „Über Haschisch“

Grauenhaftes Etwas

Charles Baudelaire findet ein Gemälde so verboten, dass es ihm nicht reicht, in der Sache „das absolute Gegenteil von Kunst“ zu erkennen. Vielmehr stellt er eine „kriminelle Absonderlichkeit“ fest. Er wütet und weitet das Areal seiner Abneigung so weit aus, dass der Urheber des „grauenhaften Etwas“ sich vor Nachstellungen nicht in Sicherheit zu bringen weiß.

Baudelaire nennt den Verfolgungswahn „philosophische Neugier“. 

„Ich wettete mit mir selbst, dass er von Grund auf schlecht sein müsse ... Ich erfuhr dass das Ungeheuer regelmäßig vor Tagesanbruch das Bett verließ ... und nichts anderes trank als Milch!“

Psychologisches Barometer

Als Zeitdiagnostiker konstatiert der Dichter: Die Orgie als Quelle der Inspiration hat ausgedient. „Gesunde Ernährung ... ist das Einzige, was ... Schriftsteller benötigen.“

Baudelaire hält das Dichten für eine rein männliche Domäne. Das beweist er in dem Essay Von den Mätressen. Unter diesem Titel listet B. „gefährliche Frauen“. Für die „despotische Seele eines Dichters (sei) die ehrbare Frau eine magere Weide“. Der „Blaustrumpf“ taugt gar nichts. Der Schauspielerin spricht B. schließlich sogar ab, „eine Frau im wahren Sinn“ zu sein. Die Begründungen sind so  albern, dass ich mich mit ihnen nicht aufhalte. Ich verweile bei der kurzen Entgleisung doch nur, um mich nicht dem Vorwurf auszusetzen, alles Strittige allenfalls zu überfliegen und es mit dem Tau meiner Aufmerksamkeit kaum zu benetzen. Nein, ich lese den Unfug Zeile für Zeile. Ja, ich beeile mich nicht einmal fertig zu werden mit der Lächerlichkeit, die darin gipfelt, dass ein Dichter nur „Freudenmädchen oder dumme Frauen“ gewogen sein dürfe. Die Titelschote komplettiert sich im Nachsatz. „Verglichen als Mittel zur Vervielfältigung der Persönlichkeit“ folgt der Überschrift „Wein und Haschisch“. Baudelaire nimmt E.T.A. Hoffmann in die Pflicht als Gewährsmann für die Vorschrift: „Der gewissenhafte Musiker soll sich Champagner einschenken, wenn er eine komische Oper komponiert.“

Nach der Kreisleriana verlangt religiöse Musik Rheinwein oder Wein aus dem Jurançon. Heroische Musik braucht Burgunderbeat. Baudelaire rühmt Hoffmanns Vorurteilslosigkeit. Der komponierende Kollege habe ein „eigerartiges psychologisches Barometer erstellt“. Im Verein mit Hoffmann treibt Baudelaire Zustände zusammen, angefangen bei der Nachsicht eines ironischen Geistes bis zur sarkastischen Fröhlichkeit. Der Essayist argumentiert direkt aus dem Portfolio persönlicher Vorlieben und Empfindungslagen. Er verzichtet auf Distanz und Abstraktion. Anders gesagt, er rezensiert die Hoffmann'sche Burleske ernsthaft; der eine Dichter nimmt den anderen beim Wort und findet die aus unmittelbaren Erleben gewonnenen Einsichten plausibel.

Der Wein macht die Musik.

Das bezeugt einen höheren Ordnungssinn. Die Römer nahmen mit Wein Völker für sich ein. Unter unseren Besten gibt es Autor:innen, die dem Rebstock eine zivilisatorische Kraft zusprechen. 

Bei Baudelaire brüsten sich mit Nüchternheit nur solche, die etwas zu verbergen haben.  

„Ein Mensch, der nur Wasser trinkt, hat seinen Mitmenschen etwas zu verbergen.“

„Die ihr einen unersättlichen Geier nährt“
 
„Ihr alle die ihr einen unersättlichen Geier nährt ... möge die Liebe euch ein Beruhigungsmittel sein.“

Baudelaire wähnt sich in einer Gesellschaft, „die Hinfälligkeit jeder Art schätzt“. Der Dichter erkennt in den Verhältnissen „ein großes System von Widersprüchen“, in dem die Eitelkeit vor den Spiegeln des Nichts triumphiert.

Auf den Stoppel- und Rieselfeldern geistiger Armut fährt Baudelaire reiche Beobachtungsernten ein.

Die von Baudelaire ermahnten Leser:innen finden, so sagt es das Genie, irrtümlich die Zeit kostbar und die Natur grausam. Falsche Auffassungen grassieren im Dutzend billiger.

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Man muss schnell schreiben. Wie von einem fliehenden Pferd davongetragen, darf man selbst „bei der Geliebten“ die Verwertungskette nicht reißen lassen. Seufzt sie, treibt man die Regung in einem Roman auf die Spitze. 
Von Überarbeitungen rät Baudelaire ab.  
„Ich bin kein Befürworter von Korrekturen“, erklärt er, da sie Manuskripte in Unordnung brächten. Erschmäht Balzac, der sogar noch Druckfahnen „aufs Lächerlichste“ vollschmiere.  
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Die Orgie als Quelle der Inspiration hat ausgedient. „Gesunde Ernährung ... ist das Einzige, was ... Schriftsteller benötigen.“ 
 
Aus der Vorschau
 
Wer Charles Baudelaire ausschließlich als Verfasser der dunkel-brillanten Gedichte aus «Die Blumen des Bösen» kennt, lässt sich ein wahres Lesevergnügen entgehen. In seinen geist- und pointenreichen Essays vergleicht Baudelaire die unterschiedlichen – und nicht gleichermaßen empfehlenswerten – Wirkungen von Wein und Haschisch, gibt jungen Schriftstellerkollegen Tipps zum Umgang mit Gläubigern, schildert seine Begeisterung nach der ersten Aufführung einer Wagner-Oper in Paris oder erteilt Ratschläge, wie man das Glück in der Liebe finden kann. In dieser exklusiven Zusammenstellung in Neuübersetzung begegnet uns der feinsinnige Ästhet als ironischer Lebenskünstler, als hellsichtiger Literaturkritiker und als wortmächtiger Protagonist der Pariser Boheme. 

Gebunden in dunkelroten Samt mit Glanzfolienprägung, ist der Band zudem ein bibliophiler Hingucker.

»Ein wunderbares Buch ... Baudelaire erzählt hier sehr geistreich von der Apologie des Weines, der Literatur, von dem Rausch, den wir durch die Musik erhalten können.« 

Charles Baudelaire (1821–1867) war Dandy, Ästhet und Inbegriff der Pariser Künstlerbohème. 1857 veröffentlichte er den Gedichtzyklus "Die Blumen des Bösen", der ihm eine Anklage wegen "Beleidigung der öffentlichen Moral" eintrug. Seinen Zeitgenossen war er vor allem als scharfsinniger Kunst- und Literaturkritiker bekannt.