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19.05.2021, Jamal Tuschick

Amerikanische Antike

Die meisten Texte verlieren ihre literarische Lesbarkeit an die Zeit. Sie verwittern erst und verstummen dann wie alte Leute, die sogar ihr Geschwätz vergessen haben. Viele Romane und Erzählungen bleiben noch nicht einmal als Quellen interessant. Unbemerkt erlitten sie den Schock der Zeit. Manche Sachen gewinnen unter ihrer Patina neue Qualitäten. Indem man sie liest, liest man sie wieder, auch wenn man sie zum ersten Mal liest. Als Parteigänger:innen unserer Gegenwart teilen wir die Ernten aus den Kloaken des kollektiven Bewusstseins. Das fällt mir ein, während ich Julien Green (1900 - 1998) in das von ihm vor Jahrzehnten bestechend erinnerte Jetzt seiner Pariser Kindheit folge. Der Knabe vergisst nicht, seinen Stolz zu reklamieren, da er den deutschen Feind nicht aus der Ferne einer unberührten Gegend erlebt, sondern an der Pariser Front der Mobilisierung. 

Unbefriedigende Wirklichkeitserträge

Das erzählende Kind taucht in den Seerosentümpeln des magischen Denkens. Es knüpft an die eigenen Vorstellungen hochgespannte Erwartungen. Die Wirklichkeitserträge der Erwachsenen erscheinen lächerlich auf dieser Folie. Weit davon entfernt, sich „zu beklagen (spornt es Green an) Tage zu erleben, die später in Büchern als die entscheidenden Tage der Geschichte unseres Jahrhunderts stehen würden“.   

Am Anfang des Begreifens seiner Begabung steht für den Künstler als Knaben die Erfahrung, dass er mit der Kraft seiner Gegner:innen besser arbeiten kann als mit seiner eigenen. Der Heranwachsende rezensiert die Formate der Bewältigung des I. Weltkriegs an der Pariser Heimatfront. Allmählich schleicht sich der Mangel ein. Das Personal desertiert ins Feld als Halm und Helfer blutiger Ernten. 

Der Mythos von der alles plattmachenden Streitmacht des Zaren

Als Vierzehnjähriger wird Green zum ersten Zeuge eines (auf Paris gerichteten) deutschen Begehrens. Der Heranwachsende bemerkt die kläglichen Vorkehrungen gegen den Einmarsch; getroffen von einer vorauseilend abgerückten Regierung. Green erwähnt „chevaux de frise, spanische Reiter, waren vor ... Hindernissen aufgestellt worden, die, wie man uns versicherte, den Feind behindern oder ganz aufhalten würden. Dieser ganze Kram schien jämmerlich unzureichend“. 

Julien Green, „Erinnerungen an glückliche Tage“, Roman, auf Deutsch von Elisabeth Edl, Carl Hanser Verlag, 22,-

Das Desaster wird zum Menetekel der Einsicht: „Das 19. Jahrhundert sei 1914 zu Ende gegangen.“

Es endet im bösen Erwachen, und Green ist als parteiischer Zeuge dabei. Er rückt nicht ab von seiner Liebe zu Frankreich. Unbekümmert feiert er seinen Patriotismus. Das bleibt deshalb erhellend, weil der gebürtige Amerikaner seine Pariser Segel einfach streichen könnte, um sich zumindest seelisch Richtung sichere Seite einzuschiffen.

Das macht er nicht.

Das deutsche Oberkommando „muss das Fest (der Eroberung von Paris) abblasen und im vernichtenden Feuer unserer 7,5 cm-Kanonen den Rückzug antreten“. 

Die Franzosen hoffen auf le rouleau compresseur russe, die angeblich alles plattmachende Streitmacht des Zaren.  

Green bezieht sich auf eine fundamentale Weise auf Paris. Die Stadt ist Frankreich für ihn, und zugleich das Beste von Europa. 

„Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce.“

Karl Marx notiert das zur Akademikerbinse heruntergekommene Donnerwort in seiner Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte. In Julien Greens Erfahrungswelt steht die hochrangig abgesicherte, so offensichtlich im Wind der Zeitgeister segelnde, steile Leichtsinnigkeit auf dem Kopf. Als Eleve des Lycée Janson, das Green zur selben Zeit wie Jean Gabin besucht, wird er Zeuge des verpatzten deutschen Einmarschs anno 1914. Der Feind kommt nicht. Seine Drohungen erweisen sich als leer. Das macht ihn lächerlich.

Jahrzehnte später folgt der Ankündigung die Tat. Die Pariser:innen erleben den erzfeindlichen Aufmarsch*. Der in Paris geborene Amerikaner Green erlebt die Okkupation als Entweihung Europas. Ich erwähne an dieser Stelle nur eines der metaphorischen Gebilde in der Konsequenz einer allergischen Abwehr. 

„Und Calibans wahres Opfer, wenn es ihm gelingt, Prospero zu überwältigen, ist Caliban selbst, das wird man sehen, sollte der Fluch deutscher Herrschaft nicht von Europa genommen werden.“ 

*„Die deutsche Besetzung Frankreichs nach dem Westfeldzug begann mit dem Waffenstillstand vom 22. Juni 1940. Die Forces françaises libres und General de Gaulle führten den Kampf mit Unterstützung der Alliierten weiter. 1944 bildete er schließlich die Provisorische Regierung der Französischen Republik. Die Besetzung endete mit der Kapitulation der deutschen Truppen anlässlich der Befreiung von Paris am 24. August 1944.“  Wikipedia

Gemünzt auf die deutsche Besetzung Frankreichs, sagt Julien Green, der Sieg eines Teils von Europa über den anderen mache Europa zur Hauptverliererin. Das ist feinsinniger Chauvinismus und geostrategischer Siegmund Freud. Der Amerikaner in Paris begreift Europa als Schatztruhe der Welt, die nicht beschädigt werden darf. Er strahlt förmlich vor eurozentrischer Selbstgewissheit. Dass der Glanz Frankreichs mit dem Elend seiner Kolonien erkauft ist, spielt in Greens Gleichung keine Rolle. 

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich wende mich diesem Denkmal einer verblassten Moderne zu, um der Gegenwart zu entkommen. Ich liebe es, auf Greens Auen auszuruhen.  

In den Soldaten der Wehrmacht erkennt der wahlfranzösische Patriot „fein herausgeputzte und gut bewaffnete Kerle“.

Green verdammt den Aufmarsch, ohne über Bügelfalten hinwegsehen zu können. Die Wehrmacht trampelt in Paris ein, verlegen gemacht von ihrer eigenen Anmaßung. Natürlich geben die Soldaten ihre Verlegenheit nicht zu. Aber jeder uniformierte Abiturient bleibt vor den Bildungsampeln stehen.

Aus der Ankündigung

Die Kindheit eines kleinen amerikanischen Jungen in Paris, am Beginn des 20. Jahrhunderts. Julien Green lässt in seinen Erinnerungen die "Belle Époque" auferstehen: das Klappern der Pferdehufe auf dem Pflaster, den Alltag ohne Radio und Telefon, die Schrecken eines strengen, unmenschlichen Schulsystems und die Geborgenheit in der bürgerlichen Familie. Erst als Frankreich in den Ersten Weltkrieg zieht, bricht auch für ihn ein neues Zeitalter an. Ein wunderbares Buch über eine versunkene Welt: Zeitdokument, Entwicklungsroman, Hymnus auf das Glück der Kindheit und ein großes Lesevergnügen. 

Julien Green wurde 1900 als Sohn einer amerikanischen Familie in Paris geboren, wo er 1998 starb. Bei Hanser erschien das erzählerische Werk, zuletzt in der Neuübersetzung von Elisabeth Edl: Adrienne Mesurat (Roman, 2000), Fremdling auf Erden (Erzählungen, 2006), die Erinnerungen an seine Kindheit Erinnerungen an glückliche Tage (2008) und sein letzter Roman Der Unbekannte (2011).