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31.05.2021, Jamal Tuschick

Unverschämte Phantasie

In Degania Alef war Geschichte geschrieben und Pioniergeist bewiesen worden, und Keren tat einmal wieder so, als sei sie dabei gewesen. Wo hatte sie das nur her, diese unverschämte Phantasie? Manchmal kratzte sie was, das konnte sie auf nichts Bekanntes zurückführen. Woher kam die Lust, wo sie stand und ging, Liegestütze, Kopfstände und Klimmzüge zu machen. Ihre in Deutschland vergreisenden Eltern waren Sitzmenschen. Bewegung war eine Herausforderung, der sie sich allenfalls zähneknirschend stellten. 

Master meets Master © Jamal Tuschick

Jerusalem des Sozialismus

„Israel ist eine Hochburg der Empfänglichkeit für charismatische Sendungen. Scharaden der Göttlichkeit und des Übersinnlichen finden da seit Jahrtausenden ein dramatisches Publikum. So kamen von Jesuse Christus bis Urina Geller Wanderprediger:innen, Wasserläufer:innen und Gabelbieger:innen zu einem Auskommen.“

Keren Hasson redete so vor sich hin. Sie war sich nicht zu schade, den Tourist:innen Bären aufzubinden und Binsen anzudrehen. Keren hatte keine hohe Meinung von diesen Leuten, die sie für eine waschechte Kaktusfeige hielten, obwohl sie genauso deutsch war wie die Besucher:innen der Sehenswürdigkeiten. Nach ihrer Herkunft war Keren nicht weniger keine Jüdin wie irgendeine(r) der (von Beschwerlichkeiten demoralisierten) Nachläufer:innen, die gerade auf der To-Do-Liste ihres Lebens den Israelaufenthalt abhakten. Trotzdem war sie Israeli. In ihren Erzählungen türmten sich Wunder und Zeichen neben banalen Halluzinationen und anderen Folgen großer Hitze. In der Gereiztheit eines glühenden Vormittags gerieten vor den Augen der Pilger:innen Palästinenser und israelische Soldat:innen aneinander. Die Wehrpflichtigen waren die Augensterne ihrer Eltern mit Kükenflaum unter den Nasen, sofern sie (zumindest oberflächlich) männlich waren. Was männlich und was weiblich war, wusste eh keine(r) mehr so genau. 

Die Adoleszent:innen verkörperten die Besatzungsmacht nicht eben souverän. Keren, die seit ihrer Kindheit im Modus lebte und vom Kampfgeist erfüllt war, schämte sich für die unsmarte Performance ihrer Schwestern und Brüder. Auf dem Höhepunkt der Eskalation erschien der Showdown unvermeidlich.

Plötzlich legte sich Frieden auf die Szene.

Ein überwältigendes Licht gab dem (Kerens Mythomanie bizarr heimleuchtenden) Mirakel einen altmeisterlichen Anstrich. Die Streithähne und -hennen liefen wie geblendet auseinander. Sie tauchten unter in unverfänglichen Konstellationen. 

Das Geschehen passte zwar zu den Märchen, die Keren routiniert vom Stapel ließ, ergab aber keinen Sinn. Was sollte der Scheiß? Worum schrien sich die Gegner:innen nicht weiter an? Hatten sie vergessen, wie man schubst und rempelt? Der Schauplatz dieser Merkwürdigkeit lag in Galiläa und hieß Degania. Keren präsentierte den Deutschen eine sozialistisch-zionistische Gründung aus dem Jahr 1910 mit dem Status mother of all kibbutzim. Der See Genezareth lag nah. Es war alles super historisch und sogar heilig im aktivistischen Weltbild; ein Jerusalem des Sozialismus. 

In Degania Alef war Geschichte geschrieben und Pioniergeist bewiesen worden, und Keren tat einmal wieder so, als sei sie dabei gewesen. Wo hatte sie das nur her, diese unverschämte Phantasie? Manchmal kratzte sie was, das konnte sie auf nichts Bekanntes zurückführen. Woher kam die Lust, wo sie stand und ging, Liegestütze, Kopfstände und Klimmzüge zu machen. Ihre in Deutschland vergreisenden Eltern waren Sitzmenschen. Bewegung war eine Herausforderung, der sie sich allenfalls zähneknirschend stellten. 

Eine in anderen Angelegenheiten vor Ort ausschwärmende Käseblatt-Reporterin dokumentierte die Pazifizierung, indem sie Zeug:innen vor ihr Telefon befahl. Auf einem Triumphbogen des Wahns kam jemand zu der Überzeugung, das Verständigung möglich sei, würde man sich nur zuhören. Keren wollte davon nichts wissen.