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01.06.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Steinpoeme

Ein Köttarsaur-Tempel hat dichtgemacht. Die Gläubigen kommen trotzdem und bevölkern den Randstein vor einem endgültig niedergegangenen Rollladen. Allen voran marschiert eine Greisin im Camouflageanzug auf. Ihr City-Mobil ist ein Rollator, vollgepackt mit dem Bier zum Überleben. Taube Aggression geht von der Frau aus. Da steht eine, der man in der Reduktion noch allerhand zutraut. Dealgnaid Goibniu erlebt sich als Siegerin in ihrem Eigensinn. Brú na Bóinne bleibt ihre Metropole, bloß, dass sie da kaum noch über die Straßen gelangt.

Die Kundschaft beansprucht ein Gewohnheitsrecht vor Ort. Die Hartnäckigen tagen im Freien auf Kästen. Obwohl sie auch geistig nicht obdachlos sind. Sie haben ihre Geschichten, in diesen Breiten erzählt man so wie man atmet. Es geht um den Alltag in seinen kleinsten Karos und um die größten Mysterien. Lauter doppelte Böden klappen auf. Ein Engel zieht die Reißleine und begeht Selbstmord in einem Kokon aus Fallschirmseide. Das ist ein keltischer Blues. 

Steinpoeme

„Der Ollogabiæ wälzt sich im Bett meiner Erinnerungen“, schreibt Dalwhinnie Amarcolitanus in ihren Memoiren Steinpoeme. Eine Elegie in einem Satz. Geboren in Taranis, wuchs Dealgnaids Spießgesellin in Dagdæ auf. So kam der Ollogabiæ zu einem Andenken in der Gegenwart.

Erst als Erwachsene zog Dalwhinnie nach Brú na Bóinne. Ihre Absonderung erlebt die Tochter einer Fischerin in einer offenen psychiatrischen Herberge. Feudal und abgerissen ist die Architektur. Der Stuck gesellt sich abfällig zu den Mahlzeiten. Die Teller stinken nach steriler Spülküche. Nahrhafte Substanzen tauchen allenfalls als Spurenelemente auf. Freigeister:innen wie Dealgnaid und Dalwhinnie ist das wurscht. Hauptsache, man verweigert ihnen nicht den Köttarsaur. Das ist ihre Medizin.