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05.06.2021, Jamal Tuschick

Postmortale Klugscheißer

Der Pathologe Otto Prokop ging in den Osten zu einer Zeit als komplette Professorenkollegien in den Westen zogen

Unter Ärzten gelten Gerichtsmediziner als „postmortale Klugscheißer“. In Fernsehkrimis halten sie an der Hades-Pforte bürgerliche Umgangsformen hoch. Gern sind sie die letzten Lateiner im Labyrinth der Amtsflure. Sie tragen Fliege und ermitteln auf eigene Faust. Ernst Jünger sieht sie in einer Tradition ägyptischer Mumien-Spezialisten im Dienst der Pharaonen. Der Typus des Pathologen verdichtet sich in der Person von Otto Prokop (1921 - 2009). Jahrzehnte leitete er das Gerichtsmedizinische Institut an der Berliner Humboldt-Universität (in der Charité). Wie Manfred von Ardenne war Prokop ein DDR-Wissenschaftler mit internationaler Ausstrahlung. Der aus St. Pölten in Österreich gebürtige „Blutgruppenspezialist“ folgte 1957 einem Ruf nach Berlin.
 

Mark Benecke, „Seziert – Das Leben von Otto Prokop“, 302 Seiten, Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2013, 19.99 Euro 

Die nationalsozialistische Rassenideologie hatte sich auf Prokops Ausbildung zwangsläufig ausgewirkt, Benecke skizziert Biografien verstrickter Lehrer und Kollegen, im ständigen Verlauf vom NS-Studentenbund zum Großen Bundesverdienstkreuz.

Der Autor zeigt Prokop als einen Mann der Tatsachen. Prokop habe als akademischer Mitarbeiter Ergebnisse von Reihenuntersuchungen nicht in Einklang gebracht mit den rassehygienischen Ansichten seiner Ausbilder. Bei der staatstragenden Suche nach einem „Zusammenhang von Blut und Charakter“ verhalf er stets der Statistik und der Skepsis zum Sieg über das NS-System „mit (s)einer klebrigen, alternativmedizinisch-spirituellen Anschauung“.

„Eine Anfälligkeit niedriger Rassen für Verbrechen“ war auch in der Bundesrepublik als Lehrmeinung noch salonfähig. Benecke stellt deshalb fest: „Prokops Haltung brauchte Mut.“

Prokops Leidenschaft gehört dem Blut, für Prokop ein Eldorado. Er treibt eine Methode der Vaterschaftsbestimmung voran. Er untersucht die Unterschiede „zwischen Kuh- und Frauenmilch“. Er denkt nach über Alkohol und die Risiken der Gewöhnung. Mit großem Unterhaltungswert tritt er als Sachverständiger in Prozessen auf, die paranormale Phänomene in „Okkult-Delikten“ bei der Wahrheitsfindung berücksichtigen müssen. Prokop befähigt nicht nur ein nie auskühlender Drang zur Forschung, ihn kitzelt außerdem der pädagogische Eros.

Benecke exponiert Prokops „wissenschaftlichen Spieltrieb“, eine interdisziplinäre Nonchalance. Des Professors gute Laune. Andererseits lebt der Wissenschaftler im Spinnennetz der Staatssicherheit. Die Grenzen „zwischen Forschung, Polizeiarbeit, Justiz und Geheimdiensten“ fließen. Selbstmorde werden umgedichtet, Suizid gilt als „unsozialistisch“. Benecke nennt Prokops Engagement einen lückenlos überwachten „Eiertanz zwischen Forschung und Staat“. Man stattet ihn mit den höchsten Preisen aus, Prokop überspielt die ambivalenten Bindungen mit Bonhomie. Sein Biograf Benecke verbeißt sich, er liefert die Gewerke des Kalten Kriegs in soziologischen Einschätzungen ab. Der Autor leuchtet dem Leser in Dunkelkammern der Geschichte. Benecke kann seinen Gegenstand ganz erfassen, ich kann nur staunen. Dem Buch eingegliedert sind Interviews, so mit Gabriele Goettle, die Otto Prokop porträtierte, und mit Prokops Kollegenfreund Gerhard Uhlenbruck, der sagt: „Meine wichtigsten Bücher sind die, die ich mit Otto Prokop verfasst habe.“

Ich erinnere hier noch mal an eine Szene mit Mark Benecke in der Hauptrolle

Die Leiche als Staat - MB redet über Fliegen, die in Särgen wohnen und auch Dracula heißen

Berlin/Invalidenstraße - Fünfhundert Fliegenforscher auf Kongresstournee steigen, stürzen, fallen aus Busen. Lauter Begabungen auf einer Domäne des Lebens, die zum Beispiel mit „Leichenerstbesiedlern“ aufwartet. Die Erde wird von sechs- bis achtbeinigem Kleinwuchs dominiert. Die Betrachtung der Arten lehrt, wo unsere Albträume herkommen. Der Kongress kreist einen skelettierten Brachiosaurus brancai ein, wir sind im Naturkundemuseum. Kriminalbiologe Mark Benecke spricht zu Kollegen und Laien. Exemplarisch verkörpert er die neuste Neo-Gotik. Sein Stil verbindet archaische und futuristische Elemente. Er sieht aus wie der Hauptredner auf einer SM-Tagung. In seiner Aura fallen Leute auf, die ihm ähnlich sehen. Benecke schildert die Bedeutung der Fliege für die Forensik. „Fliegen, die gern auf Käse gehen, gehen auch gern auf Leichen, die nach Käse riechen.“ Der Biologe holt aus, er weiß, warum Fliegenforscher am liebsten Karohemden tragen. Bestimmte Muster steigern die Attraktivität. Die Evolution spielt mit Farben und Formen. Es gibt Schmeißfliegen im getunten Manta-Look, Fleischfliegen mit Schachbrettmuster und Fliegen in kultiviertem Schwarz. - Fliegen, die in Särgen wohnen. - Fliegen, die sich nur mittags zu einem Leichenschmaus bereitet finden. Jede Leiche wird zum Staatsgebiet von Insekten. Ihre Gewohnheiten verraten dem forensischen Entomologen Todesumstände. Madenteppiche sind besonders aufschlussreich.

„Von der Fliege lernen, heißt siegen lernen“, verkündet Benecke. Manche kann ihr Gesäß zum Atmungsorgan modifizieren. Das ist praktisch, wenn man bis zum Hals in einer Leiche steckt. Benecke hat die Mumien von Palermo untersucht. Er studierte Krümel, die man für Mäusekot gehalten hatte. In Wahrheit waren es Fliegenleichen, deren Art, Zustand und Lage dem Forensiker Auskunft gaben. Benecke half den Kriminalbiologen von Bogotá zu der Zeit, als da wie im Fließband unnatürlich gestorben wurde. Man stapelte die Leichen, die faulenden Stapel waren den Fliegen ein Fest – und so auch der forensischen Entomologie. Benecke spezifizierte gleich eine neue Art. Er spricht vor lauter Begeisterung für sein Fach wie im Fieber. Ich merke mir noch, dass Zebrastreifen vor Mücken schützen. „Mücken stechen nicht gern in Streifen.“