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12.06.2021, Jamal Tuschick

Die liebliche Wetterau brachte einen Menschenschlag hervor, der alsfort ans Essen und Trinken dachte, und den Römer:innen nichts entgegen zu setzen wusste. Fressorgien waren den Wetterauer:innen der ersten Stunde heilig. © Jamal Tuschick

Handlanger:innen und Fußlappen

Das tiefe Hessen war den Römer:innen unheimlich, aber in der weich gezeichneten Prärie vor Frankfurt am Main schienen Land und Leute bezähmbar. Die Römer:innen sprachen schon von Hess:innen, insofern sie von Chatt:innen sprachen. So nannten sie die nördliche Bevölkerung, die immer wieder, von Fritzlar via Alsfeld und Schotten kommend, über die Besatzungsmacht hereinbrach und gegen den Limes trat, dass der Zaun wackelte wie ein Milchzahn. In Gaëlle Viðarsdóttirs Wetterau werden die Römer:innen von Amerikaner:innen gespielt. Als ungenaue Sieger:innen sind sie zumal den hessischen Wirt:innen hoch willkommen. Für einen Dollar gibt es vier Mark. Das läppert sich, wenn man für ein Bier bloß einen Dollar verlangt. Für echte Friedberger:innen bleibt Gaëlle Viðarsdóttirs Mutter das Berlepsch-Renate. Die Berlepschs haben von jeher was an den Füßen. Das ist ein ganz ausgeschlafenes Gaststätten-Geschlecht, während sich über die Viðarsdóttirs nichts Genaues sagen lässt. Gaëlles Vater fungiert als eingeschmeckter Handlanger und Fußlappen seiner Frau und kann dabei noch froh sein.  

Gaëlle ahnt Mysterien des Wäldchestages als einer Frankfurter Angelegenheit ohne Beispiel in der Welt. Plötzlich fährt der Geist von Friedrich Stoltze aus der Debütantin. Er geriert sich, garstet gar: „Es will merr net in mein Kopp enei: wie kann nor e Mensch net von Frankfort (aka Friedbersch) sei!“

Das ist auch schwer zu verstehen. Cousinen und deren Freundinnen veranstalten private Modenschauen, sie ziehen Gaëlle heran. Sie hüten sich davor, von Erwachsenen überrascht zu werden.   

Originalitätshandbuch

Zehntausend Soldaten sind in der Gegend stationiert. Nicht Wenige geben sich die Klinken in die Hand, um unter Aufsicht artig Konversation mit den Töchtern der Verlierer:innen zu machen. Sie orientieren sich an Originalitätshandbüchern sowie an schillernden Tipps, die in den Kasernen kursieren. Um nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, sollen die Freier bienenkundig die Lage peilen. Gaëlle ermutigt einen Cosmo Bannister aus Kansas, sich bei ihren Eltern einzuschmeicheln. Cosmo beruft sich auf Jean-Henri Fabre. Das war ein Mann der Schlupf- und Grabwespen. Schlupfwespen ernähren ihre Brut mit anderen Insekten. Grabwespen paralysieren Raupen und legen dann ihre Eier auf den Raupen ab. Die Larven leben schließlich von den Raupen, die auch noch leben.

Cosmo hebt den Vorbildcharakter von Termit:innen hervor. Die Soldat:innen der Termit:innen halten jedem Ameis:innenangriff auf ihre Heimstatt stand, während hinter ihnen Arbeiter:innen fieberhaft den Bau versiegeln, der nun nicht mehr ihre Rettung sein kann. Sie kämpfen in der Gewissheit, den Feind:innen ausgeliefert zu sein. Nun spricht Renates dynastische Kneipe wie eine Frau über König Leonidas und seine Spartaner:innen im Kampf gegen die Perser:innen an einer Engstelle im Kallidromo-Gebirge.