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24.06.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Schwellende Worte

„Die Jugend wählt immer den leichtesten Weg der Auflehnung.“ Gertrude Stein          

Ein Ton, der sofort einleuchtet. Kein Satz misslingt aus lauter Ästhetik. Jane Jakarta schreibt über Radish Bláber, sie schreibt den Roman eines Lebens, das im Feuilleton als verunglückt dargestellt wurde. Ich kann das Unglück nicht erkennen. Radish Bláber widerfuhr das Glück, auf der Höhe ihrer Begabung wahrgenommen worden zu sein. Ihre (von einer Tante übernommene) Wohnung am Frelsistíflan nannte sie mein Paradies. Radish teilte das Paradies mit Steinselja Bringebær. Jane zitiert die Berühmte: „Mein Arsch leuchtete Steinselja jeden Abend vertrauensvoll heim.“  

Jane macht keine lyrischen Klimmzüge, um an die Dichterin heranzukommen. Sie erzählt wie eine Boulevardjournalistin in den besten Stern-Zeiten. Sie treibt die Pointen zusammen. Und doch zeigt sich ein Vorbehalt schon im Titel „Schwellende Worte.“ Dessen Gemeinheit offenbart sich hier:  „Wer einen mageren Leib hat, trägt gern einen ausgestopften Wams, und denen, welchen die Materie schwindet, schwellen die Worte.“ Michel de Montaigne 

Radish absolviert das Renegatinnenprogramm. Kadett:innenanstalt, Kartoffeleinsätze, prosaische Fluchtphantasien, Fahnenflucht, Bunkerknast/Isolationshaft, Bewährung, Treueschwüre, poetische Anläufe und zum schlechten Schluss eine Relegation. Die Geächtete hält sich weiterhin illegal in der Hauptstadt auf.

Radish findet einen Unterschlupf bei den Verrufenen im Hakkarafl Kiez.

Sie fliegt auf, wird festgenommen und nach Ovnsplate zurückgeschickt; in Maagnome darf man ohne Genehmigung seinen Geburtsort nicht verlassen. In Ovnsplate meiden alle die Relegierte. Radish kriecht bei der bereits erwähnten Tante unter. Die beiden machen Hausmusik. Das lockt Steinselja an. Er schwingt sich zu Radishs Berater auf. Jane beschreibt einen Zyniker in seinem Material. Noch hält Steinselja Hof in Kulandsby. 

Jane schildert ein zwischen Obsession und Luzidität irrlichtendes Super-Ego. Steinselja weiß, dass man ihm „die Pest an den Hals wünscht“. Stattdessen blüht ihm das Wunder eines bildschönen Genies im Ergebenheitsadressenfuror.  

Alles ist gut oder egal, solange Steinselja bei Radish am Start bleibt. Der Nationalpreisträger fühlt sich an Modalitäten des Waffenstillstands von Compiègne erinnert. Er kokettiert mit seiner Kapitulation, „vor dem Ansturm der Jugend“, während er in Wahrheit von sich selbst peinlich berührt ist. Nebenan wohnt Kappi-Þokaland Snigilskel. Der  pensionierte Polizist führt dem Begehrten jeden Tag (im Hof an der Teppichstange) vor Augen, wie schlecht Steinselja altert. Die übrige Zeit verbringt Kappi am Schreibtisch und treibt seine Aufzeichnungen voran.