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29.06.2021, Jamal Tuschick

Das Lob der Anderen

Aus meiner Besprechung von Kerstin Cantz' Roman „Fräulein Zeisig und der amerikanische Freund“ zitiert der Knaur Verlag: 

„Rassismus in all seinen Spiel- und Tonarten ist ein großes Thema in Kerstin Cantz' grandioser Boulevardrevue.“  Jamal Tuschick, Blog Tuschicks Textland

„Mit Proust‘scher Präzision beschreibt Kerstin Cantz nächtliche Sensationen um 1960 in Amerikas europäischer Puppenstube. Wir nannten sie Bundesrepublik Westdeutschland.“ Jamal Tuschick, Blog Tuschicks Textland

© Jamal Tuschick

Premiumbinse

„Das hängt nun wieder damit zusammen, daß die Weimarer Klassik ein Revolutionsersatz war. Es gab keine (deutsche) Revolution (wegen der zu frühen Bauernkriege), aber es gab Schiller.“ Heiner Müller in einer Erweiterung der Brecht'schen Premiumbinse: „Die Bauernkriege waren das größte deutsche Unglück.“  

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Müller will Hamlet Goes Business von Aki Kaurismäki sehen – im Reflet Médicis.

Eingebetteter Medieninhalt

Dem Apfelsinenfresser frisst die Fruchtsäure das Maul auf. In einem Stück, das über den ersten Entwurf nicht hinaus gelangt. In der Verlorenheit einer fremden Sprache schreibt Müller 1987 ein Gedicht auf Englisch, er ist in Paris. Jemand notiert ihm den Weg ins Kino in der Rue de Champollion auf einer Speisekarte. Müller will Hamlet Goes Business von Aki Kaurismäki sehen – im Reflet Médicis. Später gibt er ein Interview und holt aus: „Wolfgang Hildesheimer hat in einem Interview gesagt, dass er es für sinnlos hält, heute noch zu schreiben ... (da es keine Nachwelt mehr gibt.) Das ist etwas ganz Defätistisches, glaube ich. Wenn ich eine Arbeit mache, dann mache ich sie doch, weil ich diese Arbeit gern mache, weil ich sie so gut machen will, wie ich kann. Da ist es doch uninteressant, ob das fertige Produkt morgen in einem Museum steht oder wie eine Flaschenpost im Atlantik treibt.“
In der Flaschenpost stecken Selbstermächtigung und Neubeschriftung. Müller vergleicht die eigene Gattung mit den Silberfischen in seinem Badezimmer. Das könnte Dittsche nicht besser: „Aber manchmal, morgens, wenn ich ins Bad komme, hat sich wieder einer die Wanne hochgearbeitet. Den spül ich dann weg; drei Tage später ist wieder einer da, wahrscheinlich nicht derselbe, die leben ja irgendwie kollektiver. Für den Silberfisch ist das, was sich da abspielt, Geschichte. Aus hinreichend astronomischer Entfernung ist unsere Geschichte auch nichts anderes als der Versuch, an den Rand der Badewanne zu gelangen. Was die Silberfische nie schaffen, solange die Wohnung bewohnt ist.“
Bleibt die Frage, wer wohnt gegen uns?
Das ist die Sinnfrage. Dieser Drang nach oben ist in uns drin. Wie bei den Silberfischen. Dabei haben sie es doch gut in den Leitungen. Was treibt sie aus der Wanne? Überdruss am Alltag, Lust auf Abenteuer, Grenzüberschreitung? Lust auf Schuld und Sühne?“
Müller kann kein Französisch, dichtet aber doch französisch auf einer Serviette in Gesellschaft. Er sitzt zusammen mit dem österreichischen Bühnenbildner Erich Wonder und dem Regisseur Patrice Chéreau - und mit Trauer im Herzen. Die Rheinländerin Margarita Broich ist dabei, ihn zu verlassen.

In diesem Augenblick erscheint Jane Jakarta auf der Bildfläche. Müller macht große Augen. Jane brennt ein Mindforce-Loch in die Speisekarte. Sie bringt Licht ins Dunkel. Müller läuft der Sabber. Er dreht am Rad. Hell & Damnation. Das ist der Westen, und so sind seine Frauen. Wie soll man da klug bleiben?