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05.07.2021, Jamal Tuschick

Koloniale Onaniervorlage

Es ist der Anfang vom Ende einer Geniestrecke, die in Jahrzehnten nicht abbricht. Mitte der Neunzehnhundertfünfzigerjahre reagiert Pablo Picasso konsequent auf ein Genre, dem Jean-Auguste-Dominique Ingres einen Leitstern verpasste. Im Auftrag der Königin von Neapel schuf Ingres 1814 „La Grande Odalisque aka Une Odalisque“. In dem Gemälde kulminierte eine maskuline Euro-Phantasie von der totalen Verfügbarkeit und überwältigenden Schönheit orientalischer Frauen, die man in Konkubinaten kasernieren konnte. Die koloniale Onaniervorlage strotzte vor Implikationen, die das weiße Herrschaftsgefüge stützten.  

Ich setze die Beschreibung deshalb in die Vergangenheit, weil vermutlich kein Mensch mehr das Bild so liest. 

Picasso vertieft den Bewusstseinsstrom eurozentrischer Maskulinität mit seinen Femmes d’Alger in einer Serie von fünfzehn Gemälden. In den Visionen/Versionen leuchten die Feuer von Eugène Delacroix und Henri Matisse.

Pablo Picasso – „Buste de Femme d’apres Cranach le Jeune“, gesehen am 25.06. 2021 im Berliner Museum Berggruen © Jamal Tuschick

Nacktheit ohne Mythos/Kasernierte Schönheit

Gegenüber Interessenten behauptet der Galerist Daniel Henry Kahnweiler, der Künstler sei entschlossen, das Werk im Werk bloß en bloc abzustoßen. Sally und Victor Ganz erwerben das Bunch für achtzig Millionen französische Francs. Ich habe eben ein bisschen herumgerechnet und kam auf 672.000 Dollar. Eine bestätigte Zahl lautet 212.500 $. Dafür kriegt man heute keinen Zahnstocher mehr, den PP mal im Mund gehabt haben könnte. In dem Währungsgefälle spiegelt sich das Nachkriegsgeschehen in seiner totalitären Ungerechtigkeit.  

Die Ausstellung überliefert die Ansicht eines New Yorker Wohnzimmers der Ganz‘ mit fünf großen Picassos. Das Foto schießt mich ab. Ich bin in meinem Leben lediglich einer Person begegnet, die einen echten Picasso in den eigenen vier Wänden vorzuweisen hatte. Das war Max Bense.  

Please telephone your reply © Jamal Tuschick

Formate weiblicher Ausbeutung

Einführung in die Ausstellung Picasso & Les Femmes d’Alger im Museum Berggruen

Eingebetteter Medieninhalt

„Alle zehn Jahre ne neue Frau.“

So redete mein Vater über Picasso. Das war seine Kapitulationserklärung vor der Moderne. Meine Mutter (mit ihrem Kunstwillen von der Blockflöte bis zur Basteloriginalität) markierte einen für unsere Gegend überhöhten Anspruch mit Picasso- & Chagall-Kalenderblättern, die zeittypischen Tapetenmotiven entsprachen. Ich erinnere keinen Einwand gegen Picassos Frauenbild. Ohne besondere Rahmung referierte meine Mutter: „Bei Picasso kommen Frauen nur als Huren oder Madonnen vor.“ 

*

Kulturell anspruchsvolle Formate weiblicher Ausbeutung sind vielleicht die letzte Bastionen, die bis zu den Kasematten anachronistischer Legitimationen geschliffen werden.

Es ist vorbei. Das Spiel ist aus.

Nacktheit ohne Mythos

Das Selbstverständnis, mit dem Pablo Picasso den Odaliskenkult (ihn sich einverleibend) ausmalt, verflüchtigt sich in neuen Perspektiven. Picasso bezieht sich im Präsens der 1950er Jahre auf eine Generalansage von Jean-Auguste-Dominique Ingres nicht zuletzt: Die große Odaliske; eine Auftragsarbeit* aus dem frühen 19. Jahrhundert. 

Die Odaliske gehört zum kolonialen Themenkreis. Napoleons Ägyptenfeldzug von 1798 stiftete eine europäische Erzählung vom Orient, in der Badeschönheit ohne mythologische Verzuckerung möglich war. Man beneidete den Pascha um seine Haremsdamen und spielte mit auf dem Klavier des Voyeurismus plus Cultural Appropriation. 

*Auftraggeberin war die Königin von Neapel (Caroline Murat), eine Schwester von Napoleon Bonaparte.  

Aus dem Katalog

Pablo Picassos Spätwerk beginnt 1954 mit „Les Femmes d’Alger“, einer seiner wichtigsten und außergewöhnlichsten Werkserien. Erstmals seit 65 Jahren zeigt das Museum Berggruen in Deutschland den Großteil der weltweit verstreuten Ölgemälde. Der malerische Zyklus steht für einen veränderten Blick auf Malerei und ist in seiner künstlerischen Variation einzigartig in Picassos Gesamtwerk.

Inspiriert von Eugène Delacroixʼ berühmter Darstellung „Die Frauen von Algier“ (1834 und 1849), die er im Louvre studiert hatte, widmet sich Picasso der großen Idee der malerischen Variation in völlig neuen Dimensionen: In drei Wintermonaten 1954-55 entstehen 15 Ölgemälde, sowie über 100 Zeichnungen und Druckgrafiken, in denen er die Anordnung von Delacroix‘ Figuren bis zur anatomischen Überdehnung variiert. Die Darstellungen sind zum Teil farbintensiv und weichkurvig, andere erinnern mit scharfen Kanten in Grautönen an seine kubistische Phase. Der Reichtum an Variationen und die vielfältigen Anspielungen auf die Kunstgeschichte macht die Serie zu einem der größten Manifeste auf die Möglichkeiten von Malerei.

Internationale Leihgaben und zeitgenössische Positionen

Seit Jahren zeigt die Nationalgalerie im Museum Berggruen als einziges öffentliches Museum in Europa dauerhaft ein Werk der Serie: Die zwölfte Version (kurz „Version L“ genannt) bildet den Ausgangspunkt der Ausstellung, die mit über der Hälfte der Ölgemälde einen signifikanten Teil der berühmten Serie aus US-amerikanischen Museen und internationalen Privatsammlungen nach Berlin bringt. Papierarbeiten aus dem Musée Picasso Paris begleiten die Entwicklungsschritte zwischen den Ölgemälden. Leihgaben aus dem Louvre und dem Musée Fabre in Montpellier präsentieren Picassos Inspirationen. Zeitgenössische Werke, unter anderem von Künstler*innen aus Algerien, setzen das Thema der „Femmes d’Alger“ bis in die Gegenwart fort.