MenuMENU

zurück zu Main Labor

12.07.2021, Jamal Tuschick

Konrad Witz, „Die Königin von Saba vor Salomo“, ca.1434 © Jamal Tuschick

Epochensignatur

„Die Goten waren es auch, die die spitzbogigen Wölbungen eingeführt und ganz Italien mit ihren verfluchten Machwerken erfüllt haben.“ Giorgio Vasari  

Die Zeitgenoss:innen der sogenannten Gotik hatten mit der Epochenzuschreibung nichts am Hut. Sie handelten als Verspätete. Neuzeitliche Stürme schmirgelten die Wälle des Bewährten flach. Die Bastionen der Beharrungskräfte standen unter Zukunftsdruck. Doch die Akteure im Jetzt von Damals lebten lieber den alten Stiefel des Mittelalters weiter.

Tilman Riemenschneider, „Die vier Evangelisten des Münnerstädter Altars“

Eingebetteter Medieninhalt

Kunst und Architektur der Spätgotik spiegeln nicht das Futur einer Gegenwart, sondern ihr Praeteritum. Die Folgen der Gutenbergschen Buchdruckrevolution überrannten die Akteure. In der - viele Analphabeten ansprechenden - Bildsprache scheint das keine Rolle zu spielen. Dabei hätte ein Walter Benjamin der Spätgotik bereits einen Aufsatz mit dem Titel Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit publizieren können. Wie Pilze schossen die Unarten der Ratgeber:innenliteratur aus merkantilen Feuchtgebieten. Kaum ging das Original in Serie, musste es en masse illustriert werden. Die Epochensignatur verkündet das nicht. Nur selten geraten profane Gegenstände in die Zentralperspektive. Jesus Christ Superstar - Der Schmerzensmann erscheint als Elvis Presley der Vorneuzeitler:innen. Die Malermeister feiern das Spießbürgertum im Randgeschehen. Sie schaffen groteske Abbilder einer von Pandemien und Innovationen verunsicherten Gesellschaft. 

© Jamal Tuschick

Das Temperament des Übergangs

Vor ein paar Tagen waren Regina und ich im Kulturforum und haben uns die Spätgotik-Ausstellung angesehen. Ich nenne drei markante Epochenpunkte. Zum ersten Mal taucht der Schlagschatten in Bildern auf. Die Raumauffassung vertieft sich. Das profane Element greift um sich. Die gemalten Jesuserzählungen behaupten mitunter schon mühsam ihre (auch pädagogisch verstandene) Dominanz gegenüber dem Karneval einer Gegenwart, die sich selbstverständlich ohne jeden Bezug zu den Goten verstand.  

„Die Goten waren es auch, die die spitzbogigen Wölbungen eingeführt und ganz Italien mit ihren verfluchten Machwerken erfüllt haben.“

Barbarisch fand der Architekt und Medici-Hofmaler Giorgio Vasari eine auf dem Vorhof der Neuzeit entstandene Architektur, die dem technischen Fortschritt keine avantgardistische Kulisse lieferte. Die Ordnung ergab sich aus sakralen und profanen Überwältigungszielen.  

„Als Meister des Mornauer-Porträts wird der namentlich nicht bekannte Maler bezeichnet, der vermutlich zwischen 1464 oder 1488 das Porträt des Landshuter Stadtschreibers Alexander Mornauer gemalt hat.“ Wikipedia

Eingebetteter Medieninhalt

Heiner Müller nennt die Umbruchzeit zwischen Mittelalter und Renaissance „eine relativ ruhige Phase“. Die Bildsprache der Spätgotik widerspricht der Ansicht. Das Temperament des Übergangs bestimmt die Tatsache, dass europäische Phänomene in den Verfügungsbereich der Engagierten rutschen. Meister jetten zu den Schauplätzen der Zukunft und nehmen den heißesten Scheiß des historischen Augenblicks in Augenschein. Zack, zack. Dann macht man das nach und fügt noch was hinzu. Jede Erweiterung des Spektrums gerät in die Strudel einer Grenzen überschreitenden Praxis. Köln dient der Phase als deutscher Hotspot. Pariser Ereignisse werden kaum fünfzehn Jahre nach ihrer Premiere in Köln kopiert. Das erläutert der Schweizer Kunsthistoriker Julien Chapuis. Der kommissarische Direktor von Gemäldegalerie und Skulpturensammlung spricht hier mit Sebastian Preuss „über … die Strahlkraft der Niederlande und die Frage, warum ihn eine Verkündigung von Tilman Riemenschneider persönlich so berührt“.

Aus der Ankündigung

Spätgotik - Aufbruch in die Neuzeit

Mit der ersten umfassenden Ausstellung im deutschsprachigen Raum widmet sich die Berliner Gemäldegalerie der Kunst der Spätgotik. Mit rund 130 Objekten – hochkarätige Leihgaben sowie zentrale Werke aus den Beständen der Staatlichen Museen zu Berlin – werden in der Gegenüberstellung verschiedener Kunstgattungen die medialen Innovationen des 15. Jahrhunderts und die Kunst der Spätgotik in ihrer Vielfalt erlebbar.

Im Fokus der Ausstellung stehen die fortschrittlichen Tendenzen der langen Übergangsphase zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit. Wie vielleicht keine andere Epoche ist die Zeit von ca. 1430 bis 1500 im deutschsprachigen Raum von tiefgreifenden Veränderungen gekennzeichnet, die unser Bild- und Kunstverständnis bis heute prägen. Eine große Auswahl von Werken bekannter Vertreter der Spätgotik, unter anderem von Stefan Lochner, Konrad Witz, Niclaus Gerhaert von Leyden oder Tilman Riemenschneider, sind in der Ausstellung vertreten.

Ausdrucksmittel und Motive

Angeregt durch niederländische Entwicklungen veränderten sich ab den 1430er-Jahren die künstlerischen Ausdrucksmittel: Licht und Schatten, Körper und Raum wurden zunehmend wirklichkeitsnah dargestellt. Besonders die Bibel und Heiligenlegenden stellte die Malerei dar, als würden sie in unserer gelebten Wirklichkeit stattfinden. „Die Verkündigung an Maria“ von Konrad Witz beispielsweise zeigt die Jungfrau gänzlich unspektakulär: Maria befindet sich in einem einfachen, unmöblierten Gemach, in dem sich nicht einmal ein Kissen oder Betpult befindet.

Neben religiöser Kunst stieg jedoch auch die Nachfrage an profanen Motiven: Landschaftsmalerei und vor allem Porträts fanden ihren Anfang in der Spätgotik. Als eines der ersten modernen Porträts gilt zum Beispiel das Doppelbildnis Wilhelms IV. Graf Schenk von Schenkensteins und der Agnes, Gräfin von Werdenberg-Trochtelfingen.

Im Laufe des 15. Jahrhunderts bildeten sich verschiedene künstlerische Zentren heraus, deren Stil sich deutlich voneinander unterscheidet. In der Ausstellung zeigt sich dies eindrücklich an Hauptwerken von Stefan Lochner aus Köln, dem Meister der Darmstädter Passion vom Mittelrhein oder dem reichen Bestand an Goldschmiedearbeiten aus Lüneburg.

Druckgrafik und Buchdruck

Entscheidend für den Verlauf der gesamten europäischen Geschichte war die Entwicklung der Druckgrafik und des Buchdrucks, insbesondere Johannes Gutenbergs Erfindungen der beweglichen Drucklettern und der Druckerpresse gegen 1450, wodurch Texte und Bilder plötzlich in hohen Auflagen reproduzierbar wurden. Neue Ideen und Bilderfindungen zirkulierten jetzt in kürzester Zeit durch ganz Europa. Anhand von Werken wie dem Wurzacher Altar von Hans Multscher, den Tafeln von Konrad Witz und Stefan Lochner oder auch den Kupferstichen des Meisters der Spielkarten zeigt die Ausstellung die durchgreifenden künstlerischen Veränderungen der Zeit ab 1430. 

Die Druckgrafik entwickelte sich zu einer der wichtigsten Kunstformen im 15. Jahrhundert. Bilder wurden zunehmend als autonome Kunstwerke wahrgenommen und einzelne Persönlichkeiten erlangten überregionale Berühmtheit als Künstler. Kompositionen wie die des Meister E.S. oder Martin Schongauers dienten von Spanien bis Polen als Vorlagen für neue Kunstwerke – ob Gemälde, Glasmalereien, Skulpturen, Textilien oder Goldschmiedearbeiten.

Oft entstanden Kunstwerke im 15. Jahrhundert in enger Zusammenarbeit verschiedener Gewerbe. Die Ausstellung vereint deshalb Schöpfungen in allen Medien – mit Ausnahme der Architektur – und macht anschaulich, wie in der Goldschmiedekunst Modelle aus der Bildhauerei oder der Druckgrafik wiederholt wurden oder wie in der Werkstatt ein und desselben Künstlers sowohl Gemälde als auch Bildhauerarbeiten geschaffen wurden.

Mit der ersten umfassenden Ausstellung im deutschsprachigen Raum widmet sich die Berliner Gemäldegalerie der Kunst der Spätgotik. Mit rund 130 Objekten – hochkarätige Leihgaben sowie zentrale Werke aus den Beständen der Staatlichen Museen zu Berlin – werden in der Gegenüberstellung verschiedener Kunstgattungen die medialen Innovationen des 15. Jahrhunderts und die Kunst der Spätgotik in ihrer Vielfalt erlebbar.

Im Fokus der Ausstellung stehen die fortschrittlichen Tendenzen der langen Übergangsphase zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit. Wie vielleicht keine andere Epoche ist die Zeit von ca. 1430 bis 1500 im deutschsprachigen Raum von tiefgreifenden Veränderungen gekennzeichnet, die unser Bild- und Kunstverständnis bis heute prägen. Eine große Auswahl von Werken bekannter Vertreter der Spätgotik, unter anderem von Stefan Lochner, Konrad Witz, Niclaus Gerhaert von Leyden oder Tilman Riemenschneider, sind in der Ausstellung vertreten.

Ausdrucksmittel und Motive

Angeregt durch niederländische Entwicklungen veränderten sich ab den 1430er-Jahren die künstlerischen Ausdrucksmittel: Licht und Schatten, Körper und Raum wurden zunehmend wirklichkeitsnah dargestellt. Besonders die Bibel und Heiligenlegenden stellte die Malerei dar, als würden sie in unserer gelebten Wirklichkeit stattfinden. „Die Verkündigung an Maria“ von Konrad Witz beispielsweise zeigt die Jungfrau gänzlich unspektakulär: Maria befindet sich in einem einfachen, unmöblierten Gemach, in dem sich nicht einmal ein Kissen oder Betpult befindet.

Neben religiöser Kunst stieg jedoch auch die Nachfrage an profanen Motiven: Landschaftsmalerei und vor allem Porträts fanden ihren Anfang in der Spätgotik. Als eines der ersten modernen Porträts gilt zum Beispiel das Doppelbildnis Wilhelms IV. Graf Schenk von Schenkensteins und der Agnes, Gräfin von Werdenberg-Trochtelfingen.

Im Laufe des 15. Jahrhunderts bildeten sich verschiedene künstlerische Zentren heraus, deren Stil sich deutlich voneinander unterscheidet. In der Ausstellung zeigt sich dies eindrücklich an Hauptwerken von Stefan Lochner aus Köln, dem Meister der Darmstädter Passion vom Mittelrhein oder dem reichen Bestand an Goldschmiedearbeiten aus Lüneburg.

Druckgrafik und Buchdruck

Entscheidend für den Verlauf der gesamten europäischen Geschichte war die Entwicklung der Druckgrafik und des Buchdrucks, insbesondere Johannes Gutenbergs Erfindungen der beweglichen Drucklettern und der Druckerpresse gegen 1450, wodurch Texte und Bilder plötzlich in hohen Auflagen reproduzierbar wurden. Neue Ideen und Bilderfindungen zirkulierten jetzt in kürzester Zeit durch ganz Europa. Anhand von Werken wie dem Wurzacher Altar von Hans Multscher, den Tafeln von Konrad Witz und Stefan Lochner oder auch den Kupferstichen des Meisters der Spielkarten zeigt die Ausstellung die durchgreifenden künstlerischen Veränderungen der Zeit ab 1430. 

Die Druckgrafik entwickelte sich zu einer der wichtigsten Kunstformen im 15. Jahrhundert. Bilder wurden zunehmend als autonome Kunstwerke wahrgenommen und einzelne Persönlichkeiten erlangten überregionale Berühmtheit als Künstler. Kompositionen wie die des Meister E.S. oder Martin Schongauers dienten von Spanien bis Polen als Vorlagen für neue Kunstwerke – ob Gemälde, Glasmalereien, Skulpturen, Textilien oder Goldschmiedearbeiten.

Oft entstanden Kunstwerke im 15. Jahrhundert in enger Zusammenarbeit verschiedener Gewerbe. Die Ausstellung vereint deshalb Schöpfungen in allen Medien – mit Ausnahme der Architektur – und macht anschaulich, wie in der Goldschmiedekunst Modelle aus der Bildhauerei oder der Druckgrafik wiederholt wurden oder wie in der Werkstatt ein und desselben Künstlers sowohl Gemälde als auch Bildhauerarbeiten geschaffen wurden.