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15.07.2021, Jamal Tuschick

Literarischer Weltnabel

Hermann Broch sagt zwar James Joyce, befasst sich aber vor allem mit der eigenen Unsterblichkeit

„Hat das Werk tatsächlich den Geist seiner Epoche (über den allgemein geltenden Zeitstil hinaus) in sich aufgenommen?“

Das fragte sich Hermann Broch in einer Festschrift zum fünfzigsten Geburtstag des Kollegen Joyce. Den auf der Schwelle zur Vita contemplativa Geehrten sah er vom stürmischen Drang der Nachkommenden auf einen Prüfstand geschoben. Broch sagte zwar Joyce, befasste sich aber vor allem mit der eigenen Unsterblichkeit. Ohne Umschweife schloss Broch die Annahme von Trostpreisen aus. Jedenfalls wollte er nicht lediglich am „schönen und berauschenden Spiel der Jugend, wenn die Welle der Zeit aufs Neue aufrauscht“, beteiligt gewesen sein.

Er bestand auf Gültigkeit über seine Lebensspanne hinaus. Den offiziell verhandelten Fall hielt der Laudator für aufgeklärt. Joyce übte in gewisser Weise den stärksten Einfluss auf Broch aus, der, wie Hannah Arendt wusste, Kafka für den literarischen Weltnabel hielt. Kafka füllte das „ungesagt gelassene Zentrum“ in Brochs Kraftwerk aus. Doch bot nicht der Prager, sondern der Dubliner dem Wiener eine Methode, „das Nacheinander zur Einheit des Simultanen zurückzuzwingen“ (Hannah Arendt). 

Die Rede erschien als Essay im Exil. Meine Suhrkamp-Ausgabe von „James Joyce und die Gegenwart“ datiert auf das Jahr 1971. Das Original zählt zur 1936er-Publikationsstrecke des Herbert Reichner Verlags

Broch spricht die ganze Zeit von sich. Er fürchtet, als Abklatschproduzent aus dem Kanon verbannt zu werden. Er will  „Zeitüberdauerung“, so wie der Teufel die arme Seele. Darum dreht sich alles: Bin ich Großzeuger und Epochenfigur, oder bin ich bloß ne Blinse

„Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt.“ Hölderlin

Lange verstand ich nicht, warum die kleine Sache zu den Erschließungstexten gehört; zu dem, was eine Debütantin heranziehen kann, um Großmeister Big Jim in frühen Ahnungen zu begreifen. Das ist wie im Karate. Man erlebt eine Übung in Jahrzehnten immer wieder anders, bis man nach einem halben Jahrhundert ernsthafter Auseinandersetzung versteht, dass die Technik in einer Esse der Zeit von einem Rohling zu einer Funktion des Praktizierenden geworden ist.

Wie kann ein Phantasieprodukt „geschichtliche Dignität“ gewinnen?

Dazu bald mehr.